Montag, 16. Januar 2017

2. Aphrodite und ich


Es war 8 Uhr 13 an einem Dienstag, der mein Montag war. Unmotiviert klingelte ich an der Haustüre, weil das abzuholende Möbel als riesig und schwer angekündigt worden war.

Als Mitarbeiter eines caritativen Brockenhauses ziehe ich tagtäglich aus, um Naturalien aller Art und Grösse bei unseren Warenspendern abzuholen, die wir anschliessend kontrollieren, reinigen und für einen guten Zweck in der Brockenstube verkaufen.





 Quelle: Microsoft Word 10 - Aphrodite



Die Wohnungstüre wurde von - einem Wunder gleich - geöffnet. Ihre eisvogelblauen Augen schimmerten – ja, sie strahlten mich an, wie die Morgensonne einer längst vergangenen Zeit …
„Mensch – Martin!“, echote es in mir und meine Synapsen begannen mit Hochdruck ihre elektromagnetischen Funken zu versprühen. Männer in meinem Alter sind bekanntlich besonders anfällig auf diese Art infraroter Strahlung, zumal dann, wenn sie einem auch noch entgegen lächeln.

Im Widerschein dieser Morgenröte, glänzte ihr brünettes langes Haar, das auf ihre zierlichen Schultern fiel. Ihr liebliches „Hallo“ klang engelgleich, unter der Bluse betörten mich ihre herrlichen Brüste und … ich trat aus mir heraus auf die blühende Wiese und roch Sie – als ein Wohlgeruch vom Nektar der Blumen, gelöst in den Tropfen eines warmen, befruchtenden Sommerregens …
Mir blieb nichts anderes übrig, als ein bisschen mit ihr zu flirten. Schließlich sind diese Gelegenheiten selten und außerdem befolge ich das römische Motto von Horaz „Pflücke den Tag“.
Synchron stieg über einer anderen Bühne meiner geistigen Welt die Erinnerung am funkelnden Horizont auf, dass ich neulich meinen 23. Geburtstag feiern durfte. Kürzlich erst - vor 26 Jahren! Es ist wirklich verrückt, wie die Zeit läuft und läuft, sie läuft dem Mann wahrhaftig davon.

Eine Begegnung mit Aphrodite kann einen Mann leicht in andere Umstände katapultieren und ihn in unkontrollierbare bis affektive Situationen hinein manövrieren. Diesem drohenden Ausgeliefertsein im berauschenden Bad der Schaumgeborenen kann man nur vorbeugen, indem der Mann bei Zeiten das nötige Handwerkszeug selbst in die Hände nimmt, und damit an seinem Zwielicht schraubt, um es aufzuhellen. Ich habe es mir darum nicht leicht gemacht und mit Glühbirnen, Halogenbirnen, Leuchtstoffröhren, Sparlampen und mit LED Beleuchtung experimentiert.
Und diesen hartnäckigen, oft gefährlichen Schatten – der unbewusst in der Tiefe des Mannes wirkt - konnte ich dank ausgiebigen Schraubarbeiten, inzwischen etwas aufhellen. Doch was habe ich da unten unter anderem entdeckt?
Aphrodite, Venus, Aurora und Helvetia tummeln sich dort, als wären sie in mir drin zu Hause.

Doch hier sah ich keinen Schatten, sondern ins natürlichste und weiblichste Licht der Welt, das sich hier an diesem Morgen wie aus dem Nichts materialisiert hatte. Also sprach ich die holde Venus frontal an, aber gut getarnt, wollte ich mir doch meines bleibenden Dunkels wegen, keine Blöße geben.
Ihre Stellvertretung war schnell gefunden, da ich im Schutze ihrer Füße, etwas Winziges, Rotbraunes und Sympathisches entdeckte, das keck zu mir hinauf blinzelte und mich schwänzelnd begrüßte.
Geistesgegenwärtig wandte ich mich von dem blendenden Licht ab, indem ich mich zu Wawuschel hinunter bückte, um meinen Flirt, der nun in vollem Gange war, gänzlich zu verdunkeln.
Sein Köpfchen ergriff ich mit beiden Händen, hinten an seinen Schlappohren, um ihn zu kraulen und zu verwöhnen. Dann fragte ich ihren Winzling hemmungslos aus, denn ich wollte gleich zur Sache kommen: „Bist du heute früh schon Gassi gegangen?“
Das Hundilein antwortete nicht, denn es war durch meine zärtliche Kopf- und Schnauzen Massage dermaßen von meiner Frage abgelenkt, dass Aphrodite für ihn antworten musste: „Ja, natürlich waren wir schon draußen!“
„Brav“ sagte ich. „Wie heißt er denn?“
„Snoopy“.
„Aha, wie der aus dem Comic. Wie hieß der nochmal?“, fragte ich.
„Peanuts.“
Ewig hätte ich so weitermachen können, dieses süße Erdnüsschen zu flattieren. Doch die mildtätige Pflicht meiner ersten Arbeitsstunde der Woche, rief mich zu konkreteren Taten, schließlich hatte ich das dreißig-sekündige Geplänkel auf Geschäftskosten gemacht. Außerdem stand der Gehilfe, mein Zivildienstleistender neben mir, der vom Alter her besser passte als der Alte neben ihm. Und der Alte sollte zudem auch ein gutes und entwickeltes Vorbild mimen, damit die Jugend endlich etwas Nützliches lernt, nebst ihrem weitverbreiteten „Handycap“.
Darum ließ ich das kleine Biest widerwillig hinter seinen geschlossenen Augen zurück, wusste aber nicht recht, ob es nun in meditative Entspannung oder bereits ins Koma gefallen war.
So raffte ich mich endlich auf und schritt von der Wohnungstüre durch den Flur, zielstrebig und intuitiv meiner eigenen Nase nach. Da stand es, weiss mit schwarzen Bezügen! Es war elefantös dieses Sofa; was mein pochendes Herz nach diesem berauschenden Frühlingsgezwitscher augenblicklich wieder einen Ton tiefer schlagen ließ.

„Oha“!, rief ich aus, schnappte kurz nach Luft, und mein Herz schlug einen weiteren Ton tiefer. Bei diesem gewaltigen Anblick eines textilen Grossmöbels, tat ich mir selbst leid, da es mich an eine Hochsprungmatte erinnerte.
„Da haben wir aber ein zünftiges Teil “ sagte ich nun leiser, denn von nun an musste ich sorgsamer mit meinen Kräften umgehen.
Doch dann strich meine Hand sanft über das Polster, umschmeichelte die runden, weichen Kanten, tätschelte die schwarzen, kuscheligen Kissen und aus dem Augenwinkel sah ich das Wölfchen draußen im Flur, das gottlob wieder zu zucken begann.
Nach eingehender äußerer Kontrolle des Möbels, musste ich abschließend seine tieferen Qualitäten mit einem Sitz Test ergründen. Schliesslich möchte ich bei fremden Leuten, in fremden Wohnungen, nicht die Katze im Sack kaufen und auf durchgesessenen Schaumstoff hereinfallen.
Aber Venus hatte keine Katze, sondern den rehbraunen Snoopy und die überdimensionierte Polstergarnitur nahm ich ihr gerne ab, wenn sie auch etwas fleckig war.
Dann hoben mein Jüngling und ich eines der zwei riesigen Einzelteile an, um die beiden mittels Metallklammern verbundenen, auseinanderzubekommen.
Als wir das zweite Teil anhoben und wegtragen wollten, stellte ich fest, dass einer der Metallfüße lotterte und gleich abfallen würde. So kniete ich herunter auf das Parkett um nachzusehen. Die Schrauben hatten sich gelöst; es waren die mit dem Kreuz.
Kreuzschrauben und das sage ich als erfahrenen Handwerker, gehören zum Blödesten, was es gibt! Und schon begann ich mich innerlich zu ärgern, ohne mir dabei unter der numinosen Gegenwart von Helvetia etwas anmerken zu lassen.
Man sollte sie - die Schrauben mit dem Kreuz - weltweit verbieten. Doch bemerkte ich gleich, dass ich mich hier insgeheim viel mehr über mein - der Situation völlig unangebrachtes Alter - ärgerte. Unmögliche Schrauben begegnen mir nämlich ständig bei Seconhandware.

Sachte stocherte ich mit dem Schraubenzieher im Dunkel des Möbelfusses, den Kopf hatte ich auf den Boden gelegt, um der widrigen Schraube den nötigen Dreh zu verpassen. Wie ich so konzentriert am hundebehaarten Unterbau schraubte, da spürte ich plötzlich etwas Kaltes und Feuchtes in meinen Haaren wuseln. Es kitzelte mich äußerst angenehm und lenkte mich abrupt von meinen düsteren Gedanken ab, die drauf und dran waren, mich meiner zahlreichen Jahrringe wegen, endgültig zu übermannen.
„Nicht Snoopy – pfui!“, kam es gleich vom Firmament herab gepfiffen.
„Ohhh … uhhh …“ - wie mein Herz nun frohlockte und jubelte und es hinauf in den fünften Gang schaltete. Jetzt war ich mir gewiss! Der Göttin Stellvertretung flirtete nun höchstpersönlich mit mir …

Die doofe Kreuzschraube aber, konnte ich nun zum ersten Mal in meinem reichen Handwerker Leben ausgiebig und in vollen Zügen genießen.
So hatte ich wieder einmal unverhofft, ein klitzekleines Stückchen weiterer Schwärze meines Selbst aufhellen können und erst noch auf Geschäftskosten.
Nach meiner Rückkehr aus der Wohnung Aphrodites muss ich wahrhaft gestehen: IHR SCHATTEN BLEIBT!

©Martin M. Hänni 2017

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