Donnerstag, 19. Januar 2017

3. Wildwest im Tresor



Prognosen des Schöpfers
Leseaufwand:  
10 Minuten
geeignet für... 
Frauen:       
nur für Action- und Hefeteig-Liebhaberinnen
Männer:       
ohne Altersbeschränkung
Sonstige:  
Western Fans und Feld Ornithologen
Anforderungen:
so leicht wie bekömmlich

Stolpersteine:
„Rationalität“, „Irrational“, „Emotional“
„Emotional“: seelische Erregung - gepaart mit Gesichtsröte, Schwitzanfällen, heftig-nasser Aussprache und anderen störenden Geist- und Körpersymptomen. Bei solchen unkontrollierten Entladungen ist das Bewusstsein des Menschen praktisch weggeblasen. Im Weiteren ist die vielgepriesene „Rationalität“, nicht mehr nachweisbar. Endlich ist die Bühne frei für das landauf-landab unbeliebte und verdrängte „Irrationale“. Dieses darf sich nun nach Lust und Laune auf der Lebens Bühne austoben.
Nach Ausklingen des Anfalles stellt sich gerne, nachhaltig schlechtes Gewissen der Ratio ein.
Eine kleine Aufmerksamkeit, wie z.B. eine Flasche Wein oder ähnlich, als Geste von Einsicht und Entschuldigung, bewirken bei mir wahre Wunder.


3. Wildwest im Tresor
Vor nicht allzu langer Zeit, da ereignete sich eine gar sonderbare Geschichte in den heiligen Hallen des Brockenhauses.
Ein korpulenter Mann mit kompromisslosem Blick, hüpfte durch die Eingangstüre. Man durfte seines Gesichtsausdruckes wegen annehmen, dass er genau wusste, was er hier, in den sittlichen Gewölben unter den abertausenden, verschiedensten bis skurrilsten Gegenständen suchte.
Die gläserne „Pforte des Glücks“ ließ er hinter sich ins Schloss fallen, begleitet von einem kalten Hauch Novemberluft. Er blieb stehen und warf einen kurzen Blick in den hell erleuchteten Raum. Dann zupfte er seinen langen, schwarzen Mantel zurecht, bis dieser sass.
Entschlossen setzte er nach diesem Prozedere seinen Fuß vor den anderen, um schnurstracks in unsere Bücherabteilung zu gelangen. Sie ist eine Quelle der Inspiration, die weitherum Bekanntheit und überregionalen Ruhm erlangt hat.
Quelle Microsoft Word 10

Ich befreite gerade einen Ladenhüter von seinem Staub. Erst jetzt, als er an mir vorbei ging, fiel mir sein auffällig dünner, langer und seltsam geröteter Hals auf. Dieser schluckte just etwas Essbares herunter. Mein Blick folgte unbeabsichtigt statt dem feuchten Putzlappen, seiner mit Papier umwickelten Bratwurst. Sie roch sündhaft gut, mein Magen knurrte. Das Wasser lief in meinem Schnabel sturzbachartig zusammen. Dem lauten Geschmatze nach zu urteilen, war sie lecker. Er labberte und sabberte an ihr herum wie ein Hund, der eine viertel Stunde, den leeren Fressnapf schleckt und leckt. Geruchsknospen können einem fatalerweise täuschen und falsche Hoffnungen wecken.
Je näher er zur Bücherabteilung vorstieß, desto unruhiger wurde seine Körpersprache. Er geriet in eine mysteriöse Hektik. Anfänglich war nicht zu erkennen, was der Grund sein konnte. Als er jedoch erst zwei kleine Bissen der Wurst hinuntergeschlungen und dabei die Bücherecke bereits erreicht hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
„Man benötigt beide Hände um in Büchern zu blättern!“
Doch die Rechte hielt weiterhin diese sonderbar blasse Brätrolle, die kaum an Größe eingebüßt hatte. An deren unteren Ende bewegte sich etwas Flüssiges an die sichtbare Oberfläche. Langsam quoll der Senf aus dem Papier, die Erdanziehung suchend, seiner Handkante entlang.
Hier wäre es meine Pflicht als „Second Chief of Staff“ gewesen, einzuschreiten und für Ordnung, Ruhe und Moral zu sorgen. Dass man erwachsenen Zeitgenossen solche Hilfestellungen bieten muss, finde ich das Höchste der Gefühle. In welchem Geschäft bitte schön, soll Essen und Schlabbern beim Shoppen erlaubt sein? Nur weil wir ein Brocki sind, herrschen doch keine anderen Benimm-Dich-Regeln als sonst wo.
Kurz bevor ich den Kunden zur Rede stellen konnte, fiel mir auf, wie sich ein Teil seiner Mahlzeit mit mir verbündete. Der rechtschaffene Senf tropfte jetzt vorbildlich auf die Schuhe des Wurst Kannibalen. Die dezenten Gelb Spritzer sahen nicht mal so schlecht aus, auf diesem erbärmlichen, polierten Schwarz.
Er hatte sich die Abteilung der Comichefte ausgesucht, blieb vor ihr erwartungsvoll stehen, installierte sich breitbeinig und nahm Haltung an. Es schien mir, als zöge er gleich den Colt, um sich mit einer Chimäre zu duellieren. Dazu bog er das Kreuz durch, hob seine Schultern, was ihn rund zehn Zentimeter größer machte. Seine Augen blitzten und das Gesicht wechselte synchron ein wenig die Farbe. Dem Goudakäse Weiss seines Antlitzes kam sogleich auf Höhe der Backenknochen ein dezentes Pink hinzu. Das erinnerte mich an eine Geisha, wäre da nicht dieser pechschwarze Mantel gewesen. Trotz des vorangegangenen Zurechtrückens, glich er mehr einem Abfallsack, dem lediglich die Gebührenmarke fehlte.
„Schwarz ist bunt genug“ las ich kürzlich auf einer vorbei flanierenden Baumwolljacke. An der Ampel wurde sie erbarmungslos in farbliche Schwierigkeiten verwickelt. „Selber schuld“ hupte ich ihr zu.

Dem Kunden seine Schuhe waren inzwischen bunt geworden. Unter dem satten Gelb konnte man noch ein wenig des ursprünglichen Schwarz ausmachen.
Nachdem der Schwarzträger seinen Happen endlich vertilgt, die Hände am Abfallsack abgewischt und die Lesebrille aufgesetzt hatte, war ich mir gewiss. Endlich war auch er im Paradies angekommen.
Falls sie selbst noch keine ähnliche Erfahrung gemacht und den Garten Eden nicht erst im Himmel, sondern bereits auf Erden finden wollen, möchte ich ihnen wärmstens einen Besuch in einem Brockenhaus ihrer Wahl empfehlen. Am besten aber kommen sie gleich zu uns, dann kann definitiv nichts mehr schief gehen. Bei uns werden sie gewissermaßen ein Eldorado von einer Brockenstube vorfinden. Eine kleine Bitte möchte ich jedoch zuvor an sie richten, damit ihre Einkaufstour bei uns gelingen wird: Bringen sie um Himmelswillen die nötige Portion Kaufkraft mit, sowohl die Geistige als auch die Finanzielle, sonst kann es ihnen übel ergehen.
Unser Held der Geschichte strahlte nun zum ersten Mal. Genauso unerbittlich wuchsen seine roten Äuglein hinter den Brillengläsern, zu tellergroßen Glubschern heran. Mit Bedacht griff er flink zu den Comicheften, die in roten Kunststoffkörbchen standen und ihn ebenso anlachten. Seine Erregtheit war in die entfesselten Finger gefahren. Verrückt geworden, durchpflügten sie ein Heft nach dem anderen, als gäbe es einen Preis zu gewinnen. Unschwer zu erkennen war, der suchte etwas Bestimmtes.
Als er alle Körbe umgeackert hatte, wiederholte er den Vorgang rückwärts. Wieder nichts gefunden.
Ich bekam Mitleid mit dem armen Kerl, weil ich aus eigenem Erleben diese suspekten Tage nur zu gut kenne, an denen einem der Teufel reitet und die Götter anderweitig besseres zu tun zu haben vorgeben.
Der Ärmste war der Verzweiflung nahe, die in drohendem Unglück, blitzartig die Ebene wechselte. Seine Zornesadern schwollen in gefährlichem Dunkelrot auf seiner Stirne an. Dann riss er die Brille vom Gesicht und spähte wie ein Geier im Laden herum. Da eräugte er, statt ausgebleichten Knochen, einen feschen Brockenhaus Mitarbeiter. Und der war sowas von saftig und knackig.
Er schwang sich hoch, kreiste kurz und landete direkt vor…? Sie dürfen drei Mal raten.
So schnell wie er sich vor mich aufbaute, hatte ich seine nasse Aussprache im Gesicht und bevor ich auf seine Frage antworten konnte, tastete ich nach meinem nebelfeuchten Lappen. Zuerst wischte ich mir die Gischt ab, die, nicht wie ich erwartet hatte, nach Bratwurst, sondern nach Brühwurst schmeckte.
„Arbeiten sie hier?“ Krächzte er heiser und bedrohlich.
Dass es sich hierbei um eine Fangfrage handeln musste, war mir augenblicklich klar geworden. Welcher normale Mensch staubt schon um die Essenzeit Möbel ab, ausser einem Brockimenschen? So putzte ich fleißig weiter und zählte langsam bis zehn.
Erst jetzt, als die emotionale Ruhe in mir zurückgekehrt war, fragte ich leicht provokativ nach:
„Wonach sieht’s denn aus?“
Das schien er überhört zu haben und sein Kopf glühte in verheißungsvollem Hellrot auf. Ich musste annehmen, dass er zur verbreiteten Spezies gehörte, die nur das hört, was sie hören will.
„Wo haben sie die Wildwesthefte versteckt?“ Drang es gefährlich zu meinen Ohren.
Jetzt faltete ich das Brühwursttuch sorgfältig zusammen und legte es weg. Ich sah handfesten Ärger auf mich zu kommen. Dazu wollte ich verständlicherweise beide Hände frei haben und nahm die Duellier-Stellung ein. Die ist mir aus früheren Leben und aus reichlicher Erfahrung mit anderem Klientel geläufig.

„Wie bitte! - versteckt?
Was meinen sie mit versteckt? Wir verstecken doch nichts, schließlich wollen wir die Ware verkaufen und nicht sammeln!“
Doch, statt sich zu beruhigen, pumpte er noch mehr der Überheizung nach oben und die Blutgefäße der hochgelobten Rationalität, wechselten ihre Farbe Chamäleon artig von Hellrot auf Kornblumenblau.
„Sagen sie mir sofort und auf der Stelle, wo sie meine Hefte hingetan haben!“ Würgte er hervor. Dabei roch es schwer nach „Moutarde de Dijon“. Dürüm, mein türkischer Freund von nebenan, mit dem ich - wie üblich an Samstagen - abgemacht hatte -, war mir augenblicklich verleidet.
„Guter Mann, ich weiss nicht, wovon sie sprechen und was genau meinen sie mit: „Ihren Heften?“ Säuselte ich gefühlvoll, um seine kochende Empörung zu beschwichtigen.
„Tun sie nicht so scheinheilig!“ Schrie er mich an. „Vor zwei Wochen habe ich in diesem Korb“, er zeigte zur Unterstützung mit der Handschwinge auf das meterweit entfernte Büchergestell, „einen Stapel Wildwesthefte entdeckt!“
„Vor zwei Wochen!“ Äffte ich, inzwischen selber gereizt seinen Mönchsgeier Dialekt nach.
„Vor zwei Wochen“ wiederholte ich mich erneut. Diesmal schluckte ich mir die Anzeichen meines Ärgers als willkommene Vorspeise herunter. Mein kulinarisches Innenleben hatte sich inzwischen auf Pizza „Frutti di Mare“ einigen können.

Zwei Wochen sind eine halbe Ewigkeit in einer Brockenhalle. Spätestens in zwei Stunden ist das einmalige und einzigartige Schnäppchen anderweitig vergeben. Der Geier schien absolut keinen blassen Schimmer davon zu haben, wie es bei uns im Schlaraffenland läuft.

Gerne gebe ich unseren Kundinnen und Kunden bei solchen vergeblichen Diskussionen ein-zwei gratis Tipps mit auf den Weg, durch unsere weitläufigen Räume.
Erstens: Ziehen sie Wanderschuhe an.
Zweitens: Sollten sie sich nicht sofort für den Kauf ihres herzallerliebsten Stückes entscheiden können, droht ihnen Ungemach.
Ich versichere ihnen: Die nächste Sammlerin lauert unsichtbar hinter ihrem Rücken. Aus der Deckung heraus beobachtet sie die Situation mit wachen Sinnen. Und sie wird sich garantiert zu keinem Entscheidungsstau hinreißen lassen, sondern kaltblütig zuschlagen. Darum halten sie klugerweise alles mit beiden Händen fest, was sie zu haben glauben müssen.
Mehrfach musste ich trotz unserer Tiefstpreise mit Entsetzen beobachten, wie eine irrationale Entscheidungsschwäche seines gleichen suchte. Natürlich ist der Preis eher selten der ausschlaggebende Faktor, doch was ist es dann? Ich wage die Hypothese, dass ...

„Zum letzten Mal!“ Schoss es aggressiv aus seinem Colt. „Wo haben sie meine Hefte!“ Und ich sah seine rechte Schwungfeder, den Hammer des Schießeisens ein weiteres Mal spannen.
„Ihre Revolverblätter sind verkauft“, antwortete ich gefasst. Meiner Gesundheit zu Liebe behielt ich die Details dieser schrecklichen Tatsache für mich. Ein anderer Wildwest Aficionado, war nicht derselben törichten Kaufhemmung erlegen. Auf diese Antwort war er nicht vorbereitet und trat in Folge komplett aus sich heraus. Dazu hüpfte und flatterte mein aufgebrachter Vogel auf und ab.

Was jetzt kam, vergesse ich nicht mehr.
Er fuchtelte mit seiner Knarre herum und beschuldigte mich lautstark und nahm die ganze unschuldige Belegschaft mit hinzu. Seine Irrationalität hatte ihn vollends übermannt und die gebar den faszinierenden Einfall, wir hätten die wertvollen Raritäten in unserem Tresor aufbewahrt.

Hier war ich mit meinem Brocki Latein endgültig am bitteren Ende angekommen. Die Zeit für mich war gekommen, die Hände hoch zu nehmen und aufzugeben.
(Unter uns gesagt. Selbstverständlich behalten wir alle gespendeten Waren für uns. Wenn ich wollte, könnte ich ihnen die Dimensionen des Tresors in den geheimen Katakomben unseres Geschäfts beschreiben. Aber ich will nicht. Sie könnten es niemals glauben wollen.)

Meine Antwort war nun einfachste Körpersprache und die machte rechts um kehrt. Erfahrungsgemäß gibt es kaum Hoffnung auf Sachverstand und Einsicht bei solchen, höchst emotionalen Vorgängen in der menschlichen Triebnatur. Außerdem arbeite ich nur in speziellen Fällen therapeutisch mit Kunden, konsequenterweise nie vor der Mittagszeit. Nicht einmal Rechtsanwälte sind nach neuester Erkenntnis zu dieser fortgeschrittenen Tageszeit ordentlich zurechnungsfähig.
Mein Wolfshunger übernahm den Plot. Der machte sich gierig über den knusprigen, herrlich dünn ausgerollten, mit Olivenöl beträufelten Hefeteig her, der mit Tomatenscheiben, Mozzarella, Knoblauchzehen, etwas Zitrone und lecker Tintenfisch, Muscheln und Garnelen reich belegt war.
„Mmmmh.“
Wie ich genüsslich kauend aus dem Fenster der Imbissbude sah, fiel mir ein grosser, schwarzer Vogel am Himmel auf. Er kreiste und drehte Runde für Runde. Dann glaubte ich, einen Furz und ein Zischen zu hören, was sich Sekunden später bewahrheitete.
Ihnen folgte eine gewaltige Ladung halbverdauter Brühwurst, zum Glück ohne Senf. Das Grau meines lieben Renaults, draussen auf dem Parkplatz, war nur noch ansatzmäßig erkennbar.


©Martin M. Hänni

1 Kommentar:

  1. Lieber Martin ich bin platt - total fasziniert. Habe Tränen in den Augen. Wann darf ich deine Texte in Buchform lesen? Weiteres mündlich. Herzliche Grüsse, die blaue I.K.

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