Sonntag, 15. Januar 2017

1. Ein Bärtierchen beim Znüni


Am Freitag sass ich zum Znüni in der Bäckerei in einem hinterthurgauischen Wohngebiet, wo wir zu Dritt eine aufwändige Räumung erledigten.

Die Verkäuferin hatte mich bereits am Vortag mit ihren Blicken durchbohrt, das ich mich ernsthaft fragte, was die wohl hat!
„Zahlen bitte“ rief ich ihr nach der Stärkung zu.
Sie setzte sich mit aufgeschlagener Geldbörse neben mich, schaute mich erneut so an, als wäre ich ein intergalaktisches Bärtierchen und sagte dann aus 30cm Entfernung hart aber fair zu mir:
„ Ich kenne sie!“
 
Bärtierchen / Quelle Zeitschrift P.M. 02/2016

Jetzt aber schaute ich hartnäckig zurück.
„Ich aber sie nicht!“ schloss meine Strenge.

Ihre Mundwinkel folgten unmittelbar der Erdanziehung und daraus musste ich sie erlösen, schliesslich arbeite ich karitativ und erst noch für Gottes Lohn.

„Haben sie in Bichelsee gewohnt?“ (auch so ein Kaff im hinteren Thurgau, das inzwischen zum Südthurgau mutiert ist, weil hinten heute als minderwertig aufgefasst wird), lächelte ich ihr nun vielmehr aufmunternd zu, meine Rauheit erfolgreich hinter mir lassend.
„Nein.“
„Haben sie baubiologisch gebaut?“
„Nein.“
„Hatten sie einmal mit Lehm zu tun?“
„Nein.“

Nach so vielen „Neins“ durfte ich endlich davon ausgehen, dass hier nur noch die oft hilfreiche Variante, wie ich sie in zahllosen Bond-Filmen beobachtet und mir angeeignet hatte, Licht in die Bäckerei bringen konnte.

„Hänni – Martin M. Hänni.“

Jetzt schwieg sie, als wäre dieser Name noch nie zuvor an ihre Ohrmuscheln geschallt, doch animierte mein namentliches Vorpreschen sie gleichwohl, es mir nach zu ahmen. Aus Datenschutzgründen behalte ich ihren wohlklingenden Namen vorläufig geheim.

Doch auch das führte uns nicht weiter und ich kann es nicht „verputzen“, wenn ich solange im Dunkeln tappe. Jetzt wurde ich ungeduldig und innerlich leicht ausfällig.

„Verdammt nochmal, wieso fällt mir nichts mehr ein!“, wurmte sich ein aufbegehrender Gedanke durch die Untiefen meines Bärtierchen Hirns…

Gott aber liess ein weiteres Mal Gnade walten und schickte meinem ZIVI der mir freundlich gesinnt war und erst noch gegenüber sass, einen Einfall und er sagte trotz seiner akuten Introversion:
„Vielleicht kennt sie dich vom Brocki!“

Die Verkäuferin ging nun ab wie eine 1. August Rakete und ihr Hintern erhob sich ihrer Erregung wegen um mehrere Millimeter.
 „Ja, genau, vom Brocki kenne ich sie, da bin ich ständig! Wie gerne würde auch ich im Brockenhaus arbeiten“, sagte sie mit Inbrunst, wobei sie mir noch näher kam und ich eine unpassende Umarmung vor vollem Haus befürchten musste.
„Wir suchen laufend Freiwillige“ hängte ich aalglatt hinten nach, schliesslich tut man was man kann, um Biegsame aus allen erdenklichen Berufsparten und Schichten zu rekrutieren.
„Nein, das geht nicht, ich habe keine Zeit!“ so ihre fleischlose Ausrede, an der noch ein paar Gipfelikrümmel klebten.

„Man hat immer Zeit, für das was einem wichtig ist und wenn man will“, dachte ich und ergänzte unhörbar: „So leicht kommst du mir jetzt nicht mehr davon!“ Und ein neuer, wohlgeformter Satz entglitt meinem Bärtierchen Mäulchen.

„Das stimmt nicht ganz! Am Mittwochnachmittag standen wir vor ihrer geschlossenen Bäckerei, da war nix mit Nussgipfel, dann haben sie wohl Zeit!“ platzte ich als extravertierter Introvertierter heraus.

Nun, ihre Mundwinkel wiederholten ihre konkave Krümmung, denn jetzt hatte ich sie definitiv im Brotsack, worin ich sie vor meinem geistigen Auge wild zappeln sah.

Der Pöstler, die kaffeetrinkenden Gäste und meine beiden Jünglinge lachten laut heraus.
Ob Bärtierchen lachen können ist mir nicht bekannt.

Dann bezahlte ich.


©Martin M. Hänni 2017


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