Mittwoch, 1. Februar 2017

4. Zwischen...

... Rechtsanwalt und Holzfäller
Behutsam legte er seinen eindrücklichen Stapel Bücher aufs Kassenband. Arglos nahm ich eines nach dem anderen vom Bücherturm, um das Preisschildchen zu entziffern. Dann tippte ich den Betrag in die Kasse ein, die vergnügt klimperte.
Beim zügigen Durchgehen der teils gewichtigen Werke stachen mir psychologische, philosophische, medizinische und psychosomatische Wälzer ins Auge.
Was die Leute bei uns kaufen, geht mich im Grunde überhaupt nichts an. 
Quelle M. Hänni: Yukon River 1989

Doch das Kassenband beförderte diesmal kein harmloses Gut. Da sprangen mir Titel und Autoren ins Auge, die ich selber gelesen, ja regelrecht aufgesaugt hatte. Das lässt mich überhaupt nicht kalt, denn manches davon ist Teil von mir geworden. Des Kunden schwerwiegende Selektion, inspirierte mich zu einer neugierigen Frage.
„Was tun sie mit diesem gewaltigen Wissen?“
„Nichts besonders“, antwortete er und trat dabei leicht erschrocken und halb erstaunt, einen Schritt zurück.
Ich rollte meine Augen, denn ich wollte seine knappe Antwort nicht glauben. War es wirklich möglich, solche Bücher zu lesen, ohne Konkretes und Nützliches für das eigene Leben heraus zu ziehen? Diese Schinken beinhalteten keine dahinplätschernde Belletristik, nicht einmal heiße Wildwesthefte. Da bemerkte er meine Ungläubigkeit. Sofort hakte er nach, seinen zu kurz geratenen Satz zu vollenden.
„Nur für mich“, fügte er hinzu.
Hunderte solcher Bücher füllten seine Bücherregale und dank dieser Lektüre könne er Menschen inzwischen recht gut einschätzen, führte er weiter aus.
„Doch bei ihnen“ kam er weiter ins Fließen und machte dabei wieder einen Schritt auf mich zu: „Ist das außerordentlich schwierig. Ich kann sie beim besten Willen nicht beurteilen. Ja - ich möchte beinahe behaupten – sie sind unfassbar für mich.“

Nicht greifbar zu sein, hätte mir an diesem friedlichen und warmen Montagnachmittag vollkommen genügt. Meinem Kunden jedoch nicht.
Ausschweifend plätscherte er munter weiter und sagte:
„Müsste ich sie trotzdem einschätzen, sähe ich sie zwischen Rechtsanwalt und Holzfäller.“
So genau wollte ich das von einem Wildfremden wirklich nicht wissen. Und überhaupt. Was sollte das heißen – „Zwischen Rechtsanwalt und Holzfäller“?
Zu spät erkannte ich die Falle, die ich mir dank meiner blöden Neugierde selbst gelegt hatte. Der hatte keinen Smalltalk im Sinn, vielmehr stürzte sich der Fremde direkt auf meine geheimsten Abgründe.
Dass ich Rechtsanwalt und Holzfäller zugleich bin, weiss ich selbst – nur - wie er aus dem Nichts darauf kam, war für mich eine Demaskierung. Allein aus theoretischem Bücherwissen waren solche hellseherischen Fähigkeiten ausgeschlossen. Da musste eine andere ominöse Veranlagung her, die es ihm ermöglichte, das Gegenüber blitzartig zu durchleuchten.
Mir wurde es unwohl.
Wilde Ideen schossen mir durch den Kopf. Las er Gedanken, sah er durch mich hindurch? Im Reflex hielt ich mir ein Buch vor den Nabel.

„Da haben sie in gewisser Weise nicht einmal so Unrecht“ lachte ich ihm schauspielernd zu.
Weiter musste ich mich nicht bemühen, da Hilfe nahte. Zwei Einkaufswagen quietschten zielstrebig auf die Kasse zu, um ihren Tagesfang ins Trockene zu bringen. Die Spende war diesmal lautlos, die Ladenkasse frohlockte erneut.

Mein Büchernarr trug zufrieden seine gefüllte Tasche gefährlicher Bücher von dannen, ohne dieses weiträumige „Zwischen“ für mich genauer erklärt zu haben.
Mit unruhigen Gedanken ließ er mich zurück. Er hatte etwas in mir entfacht, was ich nicht mehr länger unterdrücken konnte. Oben Rechtsanwalt, unten Holzfäller, mit einer Füllung dazwischen, wie bei einer Crèmeschnitte. Fein.
Gäbe es nicht immer diese obligate Schweinerei auf dem Tisch und den verschmierten Mund obendrein.

Zwei meiner abstrusesten Berufe in meiner großen Sammlung, wenn sie auch mehr symbolisch auf mich zutreffen und weniger äußerlich konkret genommen werden dürfen. Der eine mimte den überzuckerten Blätterteigdeckel, der andere den langweiligen Teigboden. Der Zuckerdeckel war der Beruf des Holzfällers und der erwischte mich beinahe wahrhaftig und zwar so.

Als Junge sehnte ich mich nach dem lebendigen Gefühl, mit allem in natürlichem Einklang verbunden zu sein. Die Indianer Nordamerikas bedeuteten mir meine größten Vorbilder.
Der Wunsch, nach Kanada auszuwandern und wie sie ein einfaches dafür intensives Leben, draußen in der Wildnis zu führen, war die logische Folgerung daraus.
Um herauszufinden, ob meine grandiose Idee auf elterliche Unterstützung hoffen durfte, äußerte ich eines Tages folgenden Satz: „Ich möchte Flößer in Kanada werden.“
Meine liebe Mutter hatte wider Erwarten nicht die geringste Freude an meiner beruflichen Zukunft. Sie protestierte prompt: „Das wirst du niemals machen, weil ich es dir nicht erlaube. Stell dir vor, du fällst dabei ins Wasser!“
Ja, das war einleuchtend. Erstens hatte sie Recht und zweitens traf alles zu, wie sie es prophezeit hatte.
Schließlich wollen Mütter nur das Beste für ihren Nachwuchs.

Ein kanadischer Flößer trieb damals seine tägliche Gymnastik, die Balancierstange in Händen, auf den glitschigen Baumstämmen in den Strömen. Verkeilten sie sich, war es seine halsbrecherische Aufgabe, sie zu befreien. So wurden sie auf natürlichem Weg flussabwärts, direkt vor die Sägereien transportiert. Ob es diesen alten und stolzen Beruf heute noch gibt, weiss ich nicht. Ausnahmsweise überlasse ich ihnen die weiterführenden Recherchen, weil ich sonst für nichts mehr garantieren kann. In letzter Konsequenz würden sie an der Brocki Kasse vergeblich auf mich warten.

Und wo der Flößer ist, da gesellt sich zwangsläufig der Holzfäller dazu. Sie gehören direkt zusammen, wie der Fisch zum Wasser.
Ende der achtziger Jahre machte ich mit zwei Deutschen erfolgreich Autostopp im Yukon Territorium in Kanada, um nach Skagway in Südost Alaska zu gelangen. Unterwegs wurden wir jedoch in Dingsda unerwartet gebeten, auszusteigen.
Hilfsbereit und zuvorkommend wie unsere Mitfahrgelegenheit war, erklärte er einleuchtend, dass ab hier Endstation war. Er hätte einen anderen Weg zu nehmen. Wir sollten einfach „the next car“ stoppen und dort einsteigen.
Dann brauste er skrupellos davon und seine Staubwolke nebelte unsere Fatamorgana ein. Die Illusion war, die Fähre nach Prince Rupert am gleichen Tag zu besteigen.
Wie sich der feinkörnige Bodensatz gelegt hatte, realisierten wir, in der endlosen Pampas abgesetzt worden zu sein. Mutterseelenallein.
Es dauerte nicht lange, da schauten wir ziemlich dumm drein. Es verstrich ein weiterer Moment.
Dann guckte einer dümmer als der andere.
Nach einigen Stunden schließlich, glotzte einer beknackter als alle anderen. Das unerwartete Übel teilten wir demokratisch durch drei. Mit diesem genialen Trick wurde das überraschend harte und entbehrungsreiche Leben in der Wildnis erträglicher.
Außer einem Schakal, der in der Nähe die Schotterpiste überquerte, entdeckten wir weit und breit nichts, was sich nur annähernd wie ein Auto verhielt. Stattdessen wurden wir ungeduldig. Langeweile kam bei den drei Deppen, dennoch nicht auf.
Zum Zeitvertreib und aus Spaß am Naturerlebnis, tanzten wir den wilden, nordkanadischen Moskito- und Black Fly Tanz. Das gab uns zusätzlich warm. Die Plagegeister wiederum schätzten die willkommene Abwechslung auf ihrem Speiseplan, gab es für sie sonst nur haarige Elche und pelzige Bären zum Zmorgen, zum Zmittag und zum Znacht.
Wie schnell doch der Mensch zur natürlichen Nahrungskette werden kann, ist mir erst durch diese und andere rohe Wildniserfahrungen am eigenen Leib bewusst geworden.

Nach Stunden, inzwischen praktisch leergesaugt, näherte sich in der Abenddämmerung ein Pick-up. Wir warfen uns vor seinen Kühler. Er war unsere einzige Rettung, die Nacht nicht im Busch unter Vampiren verbringen und den letzten Rest auch noch Blutspenden zu müssen.
Der Fahrer des Wagens und seine nach Harz riechenden Kumpanen nahmen uns mit. Leider in die falsche Richtung, was uns jetzt total egal war. Hauptsache Auto.
So kamen wir im Dunkeln dort an, wo wir im Hellen losgefahren waren. Nie sollte man in ein fremdes Auto einsteigen, außer, es kommt ein Zweites, das zu Punkt A zurückfährt. Hätte ich nur die Ratschläge meiner Jugend besser befolgt.
Wohl aus väterlichem Mitleid mit den ausgesetzten Greenhorns lud uns der „Chief“ zum Essen in eine rauchige Bar in Whitehorse ein. Unsere Erlöser waren frankokanadische Holzfäller, die in der Wildnis breite Schneisen durch die endlosen Wälder schlugen, um den nachfolgenden Geologen den Weg für allerlei Bohrungen vor zu bereiten.
Timberjack fackelte nicht lange und machte mir das Angebot, am nächsten Morgen Teil seines Motorsäge-Teams zu werden.
Man!
Wäre das ein verlockendes Abenteuer gewesen. Der Job war hart, gefährlich und gut bezahlt. Worauf also wartete der verhinderte Flößer Bube noch?
An dieser unwiderstehlichen Stelle, verflixt nochmal, wer bekommt schon - ein solches Angebot am Ende der Welt - mischte sich der Rechtsanwalt ungefragt ins Gespräch ein. Als blinder Passagier war er mit nach drüben gekommen.

„Mach keinen solchen Unfug“ hörte ich ihn sagen. Zum Nachdruck erhob er den Zeigefinger. „Du willst diese unberührte Natur der Indianer für die Ausbeutung und den Raubbau der Kapitalisten vorbereiten? Das ist doch lächerlich!“

So verabschiedete ich mich vom Holzfäller, dankte ihm für die Rettung, das Abendessen und sein betörendes Angebot.
Hand aufs Herz.
Ich bereue es bis heute und nie habe ich etwas mehr bereut, nicht wenigstens den Versuch als Holzfäller gewagt zu haben. Und wäre es nur ein einziger Tag gewesen.
Mein Rechtsanwalt war ein Trockenguätsli. Gottlob ist er mit dem Alter gereift und amtet nicht mehr bloß als Spielverderber. Auch er hat seine guten Seiten, nicht nur moralische, sondern inzwischen vor allem ethische. Mehrfach hat er mich vor üblen Erfahrungen bewahrt.

Der verpasste Holzfäller aber steht zuoberst auf meiner Bucket List - die 1000 Dinge - hoffentlich sehr viele weniger - die man noch tun sollte, weil das Leben endlich ist. Als Fünfzigjähriger gebührt es sich, diese Weisheit verstanden zu haben.
Fragt man betagte Leute, ob ihnen am Ende ihres Lebens etwas fehlt, antworten sie oft: „Das, was ich mich nicht zu tun traute - das ist es, was mir am Allermeisten fehlt und ich bereue es heute sehr, das Mögliche und Machbare ausgeschlagen zu haben.“

Diese nachhaltige Erfahrung des Verpassens und Bereuens war meine Lektion fürs Leben. Und wie. Vermutlich mehr, als ich mir bis anhin vorstellen konnte.
Nach meiner Rückkehr aus Kanada nahm ich fast alles an, was mir das Leben zu bieten hatte. Darunter tummelte sich gelegentlich der größte Bockmist. Auch das gehört dazu.
Die Hauptsache war, ich habs getan, erlebt, erfahren und nichts mehr verpasst.
Bis heute habe ich das so gehandhabt.
Wie wollte ich sonst ans „reife Alter heranwachsen“? Ich musste selbst lernen, den Unterschied zwischen Herzensbedürfnis, Ego-Trip und Fremdbestimmtheit herauszufinden.

Und so habe ich das offene und weitläufige Wort meines Bücherwurms an der Kasse, intuitiv mit Erfahrungen gefüllt.

Alleine die Realisierung dieses „Zwischen“ mit seinen unzähligen Varianten, hat mein Leben reich gemacht.


©Martin M. Hänni 2017

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