Mittwoch, 8. Februar 2017

5. Mein Leben


Mehr als sechzig Jahre bewahre ich auf. Das sieht man mir nicht an. Ich bin gepflegt, kaum ein Kratzer. Nichts wackelt. Aufrecht und stramm wie eh und je. In mir steckt gelebtes Leben. Die Lebensgeschichte meiner Besitzer. Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre, Jahrzehnte und jetzt stehe ich im Brockenhaus, seit über zwölf Wochen. Eine lange Zeit an einem solchen Ort. Hunderte gehen hier ein und aus, auf der Suche nach dem Schnäppchen. Einsam und verlassen. Wer will mich schon. Ich bin out, vorbei, ungeliebt.

Da vorne steht einer von Ikea, erst ein paar Tagen hier. Hoch, schwarzglänzend mit Spiegeltüren. Geometrisch, eckig, kalt. Spieglein, Spieglein an der Wand …
Bei ihm wird’s nicht mehr lange dauern. Sein neues zu Hause ist ihm sicher. Er ist drei Jahre alt. Drei Jährchen sind nichts. Seine Besitzer kauften sich ein neues Bett.
Schrecklich sieht das aus, hörte er sie sagen. Wie die Faust aufs Auge. Wie wenn das wichtig wäre. Was überhaupt ist wichtig im Leben?
Quelle: Microsoft Word 10
Da ging's mir sehr viel besser mit meinen Menschen. Die liebten mich. Und wie.

Hinter mir hat sich einer aus Asien breitgemacht. Eine Ferienbekanntschaft. Mattes, verwaschenes Rot, mit eingelegtem Rattan Geflecht. Exotisch und ausgefallen, zehn Jahre alt. Auch nicht gerade das, was heute viele mögen. Er spricht mit Akzent, darum verstehe ich ihn nicht besonders gut. Auch bei ihm hielt die Beziehung nicht. Weder die seiner Besitzer, noch die zu ihm.
Doch er hat etwas Fremdes, Spezielles, was hoffentlich ein paar Menschen schätzen werden. Ein Einziger genügt.

Neben mir ächzt ein Bauer. Uralt, gezeichnet. Seine Glieder schmerzen von der feuchten Wand. Er atmet schwer und stinkt nach Motorenöl. Seine Lunge pfeift und rasselt. Kettenraucher. Die Augen tränen. Er knarrt schon vom Anschauen. Erst seit gestern steht er wieder trocken, im hellen Licht. Dreissig Jahre lang im Dämmerzustand. Modernd und vergessen. Aufgegeben und verstaubt, verdreckt in einem alten Schuppen. Von den Mäusen als Bleibe bezogen. Schon vor Ewigkeiten starben seine Besitzer. Und jetzt steht er da. Geputzt, entstaubt und gewöhnt sich wieder ans Tageslicht.
Ihre Nachkommen brachten es nicht übers Herz, ihn im Feuer vor dem Haus, inmitten der Obstbäume sterben zu lassen. Asche zu Asche. Der Tochter wegen.
Wenn sie ihn betrachtete, sah sie ihre Mutter und ihren Vater, die Großeltern. Ihre Kindheit, die Jugend. Unmöglich für sie, ihn wegzugeben. Undenkbar, ihm bei sich zu Hause einen würdigen Platz zu schaffen, dem Ehemann wegen.
Er ist edel, aus Vollholz gemacht. Massive Fichte. Nicht aus Holzspänen mit Leim, wie die meisten meiner modischen Kollegen.
Im betagten Bruder steckt noch immer ein Stück des Waldes. Ihn ihm pulsieren das Wesen der Rottanne und die Naturkraft der Elemente. Kalte Winter, heiße Sommer. Gewitter Stürme mit brechenden, knallenden Ästen. Vogelgezwitscher. Rehe, die ihre Hälse daran rieben, Eichhörnchen die an ihm herumturnten. Ein Stück vergangener und vergessener Zeit. Sie wiederholt sich in jedem Moment aufs Neue.
Er steht noch immer so da, wie einst als Baum. Das ist er geblieben. Ehrlich und echt und standhaft mit jeder Faser.

Jetzt ist auch die Tochter von ihm gegangen. Sie war es, die Letzte mit der vergeblichen Liebe, ungelebt und zurückgelassen im verfaulenden Schopf. Mit ihr erlosch der letzte Funke ihrer Liebe zu den Eltern und zum alten Bauernhof.
Die Liegenschaft wurde geräumt, zum Verkauf ausgeschrieben. So hat man den alten Burschen wieder entdeckt. Im Brocki haben sie ihn zu neuem Leben erweckt, ins rechte Licht gerückt. So steht der Hölzerne nun da, mit frisch geölten Scharnieren. Ein wahres Bijou. Spotbillig dazu. Seine Gebrechen sehen ihm die Wenigsten an. Ein stückweit wird er sich erholen und in spätestens ein paar Tagen verliebt sich jemand in ihn. Vermutlich schon heute. Ein würdiger Platz in einer warmen, trockenen Wohnung ist ihm sicher. Das gönne ich ihm.

Bei mir liegt das anders. Nach drei Monaten vergeblichen Wartens weiss man das. Ich sah sie kommen und ich sah sie gehen. Manche standen keine 24 Stunden da. Was haben die, was ich nicht habe? Inzwischen weiss ich es. Sie sind moderner als ich.
Für die Augen von heute bin ich so gut wie unsichtbar. Verbannt in eine sichtbare Zwischenwelt, die kaum jemand sehen kann. Wenn das mein Schöpfer erleben müsste. Ein Schreiner und Vollbluthandwerker vom alten Schlag.
Zuerst skizzierte, dann zeichnete er mich. Dann wählte er das passende Material, bis hin zur kleinsten Schraube. Im Kopf hatte er die Ahnung von Lebenszeit, ohne zu wissen, wie lange sie dauern würde. Er hat mich für die menschliche Ewigkeit gedacht und danach erschaffen.
Jahrzehnte stand ich am intimsten Ort, im Schlafzimmer ihres Hauses. Das Leben habe ich gesehen. Aufgesaugt habe ich es, mit jeder Faser. Schöne und schwere Zeiten. Das größte Glück war, wie sie ihre Kinder bekamen. Ich sah ihnen dabei zu, von Anfang an.
Breit bin ich, zu niedrig für heutige Ansprüche. Viertürig, mit geschwungenen Füssen. Mein Deckel kragt aus, sanfte Kanten mit einer Hohlkehle. Altmodisch. Fein geschliffen und lackiert. Ich roch nach Jasmin, eines Duftsäckens wegen. Und jetzt nach Brocki Mief.
Verschraubte, stabile Rückwand. Mein helles Ulmenfurnier hält wie am ersten Tag auf meinen festen Tischlerplatten. Professionell verarbeitet, bis ins kleinste Detail. Massive, Schrankverschraubungen aus Stahl. Unverwüstlich, sauber eingelassen ins Holz. Nachziehbar. Man hätte mich locker hundert Mal zerlegen und wieder aufbauen können. Problemlos.
Eine Mauerblume bin ich geworden, früher war ich ein Schatz. Goldenes Handwerk. Zu neu um „In“ zu sein – zu alt um „Hip“ zu sein.
Aber heute ist heute.
Mein Erschaffer – meine grosse Liebe ist gestorben - seine große Liebe lebt einsam in einer kleinen Mietwohnung. Dort fand sie keinen Platz mehr für mich.
In mir sieht sie ihr vergangenes Leben. Es wird nicht mehr zurückkommen, außer in ihren Gedanken und in mir. So hat sie mich mit vielen anderen Lebenserinnerungen ins Brockenhaus gegeben. Nicht ohne Wehmut und Schmerz.

Und vorgestern, da besuchte sie mich erneut. Lange stand sie vor mir da, betrachtete mich mit feuchten Augen und hängenden Schultern.
Ich bin das einzige Stück aus ihrem alten, vollen Leben, das sie im Brocki noch einmal wieder finden konnte. Alles andere ist verkauft, hat ein neues Dasein, bei neuen Besitzern gefunden.
Mit ihrer Hand strich sie behutsam über meine glatten Flächen. Dann drehte sie einen der beiden Messingschlüssel im Schloss und zog eine meiner Türen auf, als würde sie noch einmal einen Blick in die Vergangenheit werfen wollen.
Ich bin leer. Für sie aber bin ich voll. Randvoll.

Enttäuscht, mich noch immer unverkauft vorgefunden zu haben, ging sie nach Hause. Ein stechender Impuls stieg in ihr auf. Der Versuch ihn abzuwimmeln misslang und sie ärgerte sich darüber. Doch er war hartnäckig genug, ließ sich nicht abschütteln. Er tat weh. Unerträglich wurde es für sie.

Am folgenden Tag kam sie zurück. Entschlossen.
Glücklicherweise stand an meinem Platz endlich ein anderer …

Mein neuer Besitzer hat mich in seiner Garage aufgebaut und ein paar zusätzliche Tablare in mir angebracht. Darauf trage ich nun seine Farben, Öle und vieles mehr.
Aber ich bin zufrieden, denn ich erfülle einen neuen Zweck. Und vor allem werde ich wieder gebraucht, wenn es auch nicht mehr dieselbe Liebe ist. Das kann sie nicht mehr sein.

Ich bin eben nur ein alter, verlassener Kleiderschrank mit einem neuen Leben.

©Martin M. Hänni 2017

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