Donnerstag, 16. Februar 2017

6. Endlich



„Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man in 14 Tagen
50 Jahre alt wird – Alter Hund? Es würde mich doch echt wundernehmen“ schrieb sie mir pikant, die schrullige C.
Der „Alte Hund“ bin ich… wwwwwoooooouuuuuhhhhh!

Jetzt gab sie's mir zurück. Das war die Retourkutsche auf meine ebenso süffige Frage an sie, damals an ihrem eigenen Jubeltag mit den erhöhten Anforderungen.
Nur, wie sollte ich meine Sprechblase füllen, um den Stil zu wahren und das Thema auszuleuchten, besonders aber, meinem eigenen halben Jahrhundert gerecht zu werden?
Quelle: M. Hänni / Die Jagd 1993
 Das Menschenleben ist gefährlich, dazu endlich und das trotz Hightech Medizin, Bio-Produkten, Airbag, Brockis und regionalen Arbeitsvermittlungsämtern. Und niemand gibt einem die Garantie, für eine gelingende oder gar lange Existenz. Weder die Versicherungen noch die Banken. Schöne Aussichten sind das. Todsicher ist nur das Finale.
Fast alle wollen alt werden, niemand aber will - wenn es dann endlich, soweit ist - auch wirklich alt sein. Warum bloß? Hat man in der „Jugend“ vergessen, sich mit dem eigenen Alter zu beschäftigen? Tat man es nicht schon ständig auf irgendeine Art und Weise, egal ob beim Haare färben oder wenn Aphrodite wieder einmal mit den eisvogelblauen Augen klimperte.
Und dann, unvorhergesehen, ja irgendwie unerwartet wacht man auf und ist fünfzig Jahre alt. Bingo.
Wenden wir uns an dieser Stelle - wo sich der Boden bei Unsereiner auftun kann - nun den praktischen Methoden, aber auch den Vorzügen des Alt-Werdens zu.

Zwei elegante Damen, vom intensiven Stöbern im Brocki müde geworden, setzten sich in einen der rosaroten Sofas (schon verkauft!) und warfen einen Blick zu mir herüber.
Die etwa 60 Jährige fragte die andere, sehr betagte Frau, die ich auf Neunzig schätzte: „Was ist ihr Geheimnis, so fröhlich alt geworden zu sein?“
Ohne nachzudenken, antwortete sie: „Ich war zufrieden mit dem, was ich hatte.“
Beeindruckt über das Aufgeschnappte ging ich zu den beiden hin, um mich zu vergewissern. Die Restfrische des greisen Körpers passte wunderbar zu ihrem frommen Satz, und so glaubte ich ihr.
Fasziniert von dieser Antwort mischte ich mich ein, denn ich wollte mehr in Erfahrung bringen und setzte mich zu ihnen.

„Ist das entspannte Altwerden wirklich so kinderleicht?“ Wollte ich von ihr nun selbst wissen.
„Leicht ist es nicht, zumindest war es das nicht für mich. Ich musste mich sehr, sehr lange damit beschäftigen. Und als ich in ihrem Alter war hat mich das Leben unerwartet belohnt. Plötzlich gelang es mir, die Kraft und die Bedeutung in den einfachen Dingen in meinem Leben sehen zu können.
Und da gibt es noch etwas – junger Mann – was ich ihnen mit auf den Weg geben möchte: Gehen sie niemals wütend ins Bett und lösen sie den Konflikt vorher.“

Der „junge Mann“ bedankte sich und stand auf, schließlich war er zum Arbeiten hier. Die Frau war nicht nur reich an Jahren, sie war auch reich im Inneren.
Als die beiden Damen später gingen, kreuzten sich unsere Wege erneut. Gerade war ich dabei, eine antike Vase mit Goldverziehrungen in einer der hell erleuchteten Vitrinen zu präsentieren. Die weise Alte blieb bei mir stehen und sah mich an. Diesmal anders, ernst und endlos tief. Für einen kurzen Moment glaubte ich, direkt in ihre Seele zu blicken.
Sie duzte mich jetzt, als wären wir alte Schulfreunde und sagte mit klarer, fester Stimme die bedeutsamen Worte: „Und beschäftige dich mit den Dingen, die über dich hinausgehen in die Unendlichkeit, und dein Herz wird mit dir wachsen und jünger werden.“

Ein paar Tage später, es war in der selben Woche in der ich der Dame begegnet war, trug ich einem ebenso betagten Mann eine volle, schwere Tasche mit Schnäppchen, hinaus zu seinem Auto. Ich staunte nicht schlecht, als die Heckklappe bei einem grossen Neuwagen wie von Geisterhand aufging. Das sichere Zeichen, dass die Tasche dorthin gehörte.
Der Mann bedankte sich höflich und setzte sich ans Steuer.
„Einen tollen Wagen haben sie da“ sagte ich, bevor er die Türe zuziehen konnte. So blieb sie offen und er drehte sich zu mir und begann fasziniert über sein neues Auto mit seinen elektronischen Finessen zu referieren. Das interessierte mich überhaupt nicht und wie man weiß, habe ich ein anderes, viel wichtigeres Thema. Ich werde Fünfzig!
Plötzlich hörte ich in seinem technischen Redeschwall der wie Isländisch für mich klang, die Zahl 97.

Ich unterbrach ihn. „Wie bitte, sie sind siebenundneunzig Jahre alt?
„Ja“ sagte er, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.
Unglaublich. Der Mann war fast doppelt so alt wie ich. Verrückt. Und ich mache mir Gedanken zum Fünfzig werden? Ich rieb mir die Augen und fasste instinktiv die Türe mit meiner linken Hand, damit er sie nicht zuschlagen und mir entwischen konnte. Da war noch eine Frage, die ich von ihm beantwortet haben wollte. Wer sonst, könnte mir eine fast hundertjährige Antwort geben?

„Wie wurden sie 97 Jahre alt?“ Platzte ich heraus.

„Ich habe mich nie ausgeruht“, sagte er. Die Antwort war mir zu ungenau. Ohne Ausruhen wird niemand dermaßen alt. „Pausen sind lebensnotwendig“, sagte ich.
Er meinte nicht das. Er vertrat die Auffassung, statt sich endlich und verdient auf die faule Haut zu legen, sich immer wieder neu eine Aufgabe zu stellen und diese anzupacken. Täglich wohlgemerkt. Noch heute. Nur das hätte ihn solange an einem angenehmen und erfüllten Leben erhalten. Man bräuchte eine Lebensaufgabe als Mensch, etwas das einem begeistern kann. Seine Bekannten, alle jünger als er, würden ihn dagegen andauernd dazu ermahnen, endlich kürzer zu treten und nicht ständig an seinen Projekten zu arbeiten. Dieser gut gemeinte Rat aber, so glaubt er, würde sein sicheres Ende bedeuten.

Meine Frage war beantwortet. Weiter wollte er nicht darauf eingehen. Vielleicht hatte er sich diese Frage selbst noch nie gestellt. Es passierte ihm einfach, die Zeit – das Alter, genauso wie die Begeisterung für etwas Neues, das er im Moment in seinem Auto sah. Er hatte immer etwas Wichtiges und Wertvolles zu tun.
Und das Wichtige ist so relativ wie die Zeit.

Aber die Frage war: „Wie fühle ich mich als alter Hund?“
Man sagt, ein Hundejahr entspreche sieben Menschen Jahren. Als Wauwau – als Jagdhund wohlverstanden – bin ich jetzt 7,14 Hundejahre alt. Der beste Freund des Menschen gilt bis zu seinem fünften Lebensjahr als junger Hund. Meine Jugend ist demnach definitiv vorbei. Endgültig. Das muss ich als Vierbeiner akzeptieren.
Beobachtet man jedoch Hunde in meinem Alter, steigt kaum die Assoziation dabei auf, dass sie schon alt oder auf dem absteigenden Ast wären. Im Gegenteil. Sie rennen, schnüffeln, bellen, toben und treiben dem Jäger mit wallendem Blut, das Wild vor die Flinte.
Statt sinnlos und nervös wie Junghunde jeder kalten Fährte nachzurennen, nützen sie nun ihre große Erfahrung und ihren Scharfsinn. Ihre Spürnase halten sie konsequent auf dem Boden, konzentriert und fokussiert auf das Ziel. Das Häschen links und den Fasan rechts nehmen sie zwar wahr, ihre Witterung sagt ihnen jedoch: „Folge dem Rehbock“. Und sie finden ihn, weil sie ihrer Ahnung und ihren entwickelten Instinkten vertrauen.

Genauso fühle ich mich - auf der Jagd - mit den nötigen, schöpferischen Pausen. Innen und Außen und dafür danke ich dem Leben.
Darüber hinaus arbeite ich wohltuend in einer Brockenstube und wer würde sich in einer Stube mit wunderbaren Menschen – jung und alt - nicht wohl fühlen?

5©Martin M. Hänni 2017


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