Donnerstag, 2. März 2017

7. Eine Liebeserklärung



„Ich gang na is Brocki“, flötete meine Liebste wie ein überglückliches Rotkehlchen. Sekundenkurz war die Stille. Einem Ausrufezeichen gleich, hörte ich die Wohnungstüre lautmalerisch und abschließend dazu krachen.
Der durchgeknallten Türe rief ich nach: „Bring mer ja kä so'nän alte Mischt hei!“
Nie habe ich erleben dürfen, dass sich mein Hilferuf je einmal zu ihrem Appellohr hat durcharbeiten können. Im Gegenteil. Es kam viel besser - das Leben ist erfindungsreich - als ich es mir jemals hätte erträumen wollen.



Quelle: Martin M. Hänni - Strandgut Normandie 2017


Fünfzehn Jahre später, es war unbeschreiblich dieses Gefühl. Gegensatzspannung vom Feinsten, als ich meinem Rotkehlchen meinen neuen Job beichten durfte. Einerseits froh, endlich wieder minimal Geld verdienen zu können, gleichzeitig die Entweihung eines meiner heiligsten Prinzipien.
Das Brocki – ein No-Go!
Zuerst hörte sie mir gespannt zu. Dann setzte sie sich genüsslich hin, schlug die Beine übereinander, um es erneut von mir zu hören. Tja - ich hatte diesen Teilzeitjob als Brocki Angestellter tatsächlich - dennoch unwirklich - ergattert. Er flog mir gewissermaßen zu und das gegen alle meine gutbehüteten, rationalen Gegenargumente. Zu guter Letzt hat sie mein Geständnis auf YouTube gestellt.
Meine Liebste aber, das muss ich ihr wirklich hoch anrechnen, akzeptierte meinen jähen Seitensprung vom Antibrocki Typ zum Vollbrockicharakter ohne nennenswerte Szene. Außer vielleicht, dass sie es noch immer kaum glauben kann. Ich auch.
Vielleicht muss ich hier noch erwähnen, dass sie nur in absolut aussichtslosen Notfällen diesen goldenen Pfeil gegen mich einsetzt. Notwehr ist legitim, finde ich. Aber ich möchte betonen, nur, wenn es hart auf hart kommt, bedient sie sich dieses einzigartigen Vorteils. Dieser archetypische Konflikt, seit Urzeiten eine allgegenwärtige Erfahrung von Frauen und Männern, kommt in Beziehungen wie wir alle bestens wissen, regelmäßig vor.
Es geht dabei um die irrwitzige Frage, wer Recht hat. Recht haben beide, nur sagt uns das physikalische Naturgesetz leider nicht, wie Sonne und Mond gleichzeitig scheinen sollen. Physikalisch unmöglich - aber geistig gesehen, gibt es keinen verheerenderen Unsinn für unsere Welt.
Gehen wir zu diesem Zweck ein Stück in der Menschheitsgeschichte zurück. Schon die Neandertaler litten im Kollektiv und im Persönlichen schwer unter dem Gegensatz Konflikt. Hell und Dunkel gab es freilich damals schon. Auch ihnen war es nicht vergönnt, eine adäquate Lösung für „das Problem der Probleme“ zu entdecken, ähnlich wie wir dieses leide Thema heute handhaben.
Sie konnten nichts dafür, haben sie sich doch auch nicht selbst erschaffen. Erschwerend kam ihre fliehende Stirn hinzu, welche die Ausbildung von konstruktiven Lösungsansätzen konsequent verhinderte. Die Neandis litten sehr an ihrer rückwärtsgerichteten Beharrlichkeit. Man schaue sich einmal die wenigen Fotos von ihnen an. Dieses blanke Entsetzen in ihren Augen. Weit und breit keine Lösung in Sicht. Mir sagt das alles.
Diese brutale, unmenschliche Bürde des Gegensatzproblems und des Neandertalers verbreitetes Unvermögen, war noch nicht alles. Hinzu kam das gänzliche Fehlen von Brockenhäusern, was einer Katastrophe gleich kam. Diese Doppelproblematik, ließ sie letzten Endes, sang und klang los untergehen.
Gottlob kann uns das heute nicht mehr passieren. Sie wissen warum …
Aus eigener Erfahrung der Neuzeit kann ich bestätigen: Brockis erweitern den geistigen Horizont. Zudem regen sie zur Selbstreflexion an, wie kaum ein anderes Bring-und-Hohl-Lokal. Der nächste Schritt in die persönliche Vergeistigung ist nur noch eine Frage der Zeit …
So wandeln sich Menschen heute!
So hoffe ich, auch die letzten Kostverächter, die bei diesen missionarischen und wohlwollenden Zeilen die Nase rümpfen und die Lippen schürzen, vom Paradies auf Erden überzeugen zu können.
Als direkt Betroffener weiss ich, wovon ich spreche. Bei mir sind sie zumal in bester Gesellschaft.
Und ich gebe es offen zu. Auch ich musste mit sanftem, äußerem und innerem Druck, zu meinem Brocki Glück gezwungen werden. Es war dann plötzlich ganz leicht, da ich dabei das Messer am Hals hatte und mir gleichzeitig das Wasser der Finanzen bis zum Kinn stand.
Bevor ich in die Brockenstube kam, war ich selbstständiger Innenraumbegutachter und Kartoffelzement Verputzer. Im Fachjargon handelt man diese ehrenvollen Berufe wohlklingend unter Baubiologe und Lehmbauer ab.
Beide Berufsgattungen bemühen sich löblich, Gesundheit und Glück in die Stube von Herr und Frau Schweizerin einzubauen. Das wollen blauäugig Wohnende oft, ohne sich weder der baulichen noch der kohlemäßigen Konsequenzen bewusst zu sein. Beim tugendhaften Wunsch nach Kartoffelzement im Innenraum, strapaziert das rein äußerliche Erscheinungsbild beim Verputzen die allgemeine Akzeptanz der Bauherrschaften zusätzlich. Der wohlwollende Lehmbauer Spruch: „Es wird alles wieder sauber“, entfaltet selten seine beruhigende Wirkung.
Als Baubiologe hatte ich im Gegensatz zu meiner Idealvorstellung, viel zu oft die beschissene Pflicht, den Bewohnerinnen beizubringen, wie es um die Gesundheit ihrer Wohnung oder ihres Hauses stünde. So schlitterte ich mehr und mehr in der Rolle eines Bestatters hinein, weil ich die Illusionen der Bauherrschaften oft beerdigen musste. Ein höchst undankbarer Job. Das hatte man uns in der Ausbildung sträflich vorenthalten, denn Innenraumbestatter würde niemand freiwillig studieren wollen.
Nur, wie bringt man wohnenden Menschen harte Tatsachen lustig, heiter, locker, gratis und gleichzeitig todernst bei?
Es schien mir in etwa so einfach zu sein, wie ein Feuer in einem vollen Brunnen zu entfachen.
Der Versuch, das Unmögliche materiell möglich zu machen wurde unerträglich für mich. Für einige meiner Kunden auch. Wollte ich doch in erster Linie das Positive im Leben realisieren und nicht seine Umkehr. Je mehr ich das Gute zu manifestieren suchte, desto negativer wurde das ganze Setting. Nie zuvor in meiner beruflichen Karriere habe ich die Gegensätzlichkeit des menschlichen Lebens so krass erlebt, wie beim Bauen und Wohnen.
„Doch aus einem traurigen Arsch, kommt kein fröhlicher Furz“, stellte Martin Luther ernüchtert fest, bei seinem Versuch, eine neue Bibel zu „bauen“.
Meinem und seinem Vornamen zu Liebe, tat ich wie er geheißen, denn ich wollte endlich wieder unbeschwert und glücklich flatulieren können.
So schlug ich den berühmten Nagel ein, und hängte meine tugendhafte Fantasie, die Wohnwelt der anderen verbessern zu können, an ihm auf.
Den Hammer kaum beiseite gelegt, wartete das nächste Gegensatzproblem bereits auf mich, weil nur selten ein Hahn nach uns Endvierzigern kräht.
Letztendlich, nach einer schier endlosen Jobsuche, erhörten mich die Götter. Am tiefsten Punkt angelangt, wenn keine Hoffnung mehr glimmt, kann erst numinose Rettung gelingen.
Nun stieg ich kurzerhand zum Brocki Mitarbeiter MbS(mit besonderen Schreibaufgaben) auf. Da ich das Bauen nicht lassen kann, weil Sprössling aus zwei Bau-Familien, habe ich meinen neuen Beruf in die gefälligere Bezeichnung Innenraumausstatter umgebaut. Der Neugestaltung hat sich mehr als gelohnt. Biologisch – ökologisch – finanziell – menschlich – effizient - positiv. Eine Win-win-Situation. Nun darf ich hoch offiziell Menschen beglücken, was mir meistens auch gelingt. Täglich. Der Unterschied zum Bauen ist monumental.

Bei meiner Arbeit im Brockenhaus wird Unbrauchbares zu Brauchbarem gewandelt, Unerwünschtes zu Willkommenem.
Es wird gestöbert, gesucht, gefeilscht, gespendet, gestohlen, entstaubt, geflickt, gereinigt und verkauft.
Das Brockenhaus ist ein Schmelztiegel des Lebens.
Hier werden endlose Mengen Strandgut angespült.
Wohn-Kähne entledigen sich ihrer Frachten. Hier verdichtet sich das Leben der Menschen in gebrauchtem Material, in Emotion, Gefühl, Freude, Abschied, Loslassen, Einschmelzen, Trennen, Ergattern, Erjagen und Finden.

Im Brocki gräbt man nach Kartoffeln und kann mit etwas Glück, ein Goldnugget erhaschen.
Vom Kaffeetässchen bis zur Pferdekutsche und vom Modeschmuck bis zur Axt. Alltagsgegenstände, Kostbarkeiten, Kurioses, Wertloses und Wertvolles. Auch mein alter Mist von früher ist nett und oft vertreten.
Im Spülsaum der Nachmittagsflut, am Strand des menschlichen Lebens, wird hie und da eine Flaschenpost angeschwemmt. Ich bin eine davon. Hier habe ich mich entkorkt. Oder wurde ich entkorkt? Baubiologe bin ich geblieben, der ein Gebäude entdeckt hat, lebendiger als jedes andere zuvor.
Und es scheint mir, als wäre es hier endlich möglich, unter Mithilfe aller, das Feuer im Brunnen zu entzünden, den Zauber zu vollbringen. Und hier ist eine geheimnisvolle Metamorphose im Gange. Hier geschieht Wandlung.
Das Brocki, seine Menschen und das Material geben mir mehr, als sie mir nicht geben.

©Martin M. Hänni 2017

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