Sonntag, 12. März 2017

8. Johannes - vom Glück des Mannes



Mitten in einer Hochsommerwoche begann ich meinen neuen Job als Bananen-Kisten—Techniker. Die Sonne brannte, der Schweiß ran, die Hände feucht, die Kleider klebten. Ich konnte außer diesen üblichen Alltagsstrapazen des Sommers, nicht ahnen, was mich bei dieser scheinbar einfachen Arbeit alles erwarten würde.

So fuhr ich fröhlich triefend mit unserem bekreuzigten Lieferwagen, die Hände am glühenden Lenkrad, an die besagte Adresse. Auch heute saß ein junger Begleiter - meine dritte Hand - ein Zivildienstleistender neben mir im Cockpit. So lässt sich im Extremfall auch eine Hochsprungmatte abführen oder Snoopys von getarnten Göttinnen in Schach halten.

Quelle: Martin M. Hänni 2015

Der Kunde, der die Abholung telefonisch angefordert hatte, krückte uns bereits in seinem Garten entgegen.
Er war auf ein Minimum seiner einstigen Körpergröße geschrumpft und zu einem rechten Winkel verkrümmt. Der wöchentliche Abfall baumelte in einem Sack an seiner Krücke, den er gleich auf die Straße stellte und uns darauf begrüßte. Dann schlurfte der Betagte voraus und gewährte uns Eintritt in sein Haus, sein Heiligtum. Zuerst kam er mir etwas barsch vor, doch schon bald hellte sich sein Gemüt auf, da ich größte Zustimmung an einem Großteil seiner Warenspende zeigte.
Damals, ganz am Anfang war es schwierig für mich, zu unverkäuflichen Waren Nein sagen zu können. Das hat mit der Routine abgenommen. Die Senioren hängen oftmals enorm an ihren Dingen, die sie jahrzehntelang gebraucht, geschätzt und geliebt haben. Vieles davon können sie aus Platzgründen nicht ins Altersheim mitnehmen oder sie merken plötzlich, wenn die Zeit angebrochen ist, sich von Liebgewordenem zu trennen.
Ihnen als Fremder sagen zu müssen, dass wir dies und das in der heutigen Zeit unmöglich im Brocki verkaufen können, tut mir oft selbst weh. Da stehen Büffets oder Schränke in tipptopen Zustand da, vielfach ohne nennenswerte Gebrauchsspuren. Oftmals war es die Aussteuer des jungen Paares vor siebzig Jahren und ihr Schreck ist gross, wenn ich ihnen sagen muss, dass ihr Möbel für den heutigen Geschmack unverkäuflich geworden ist.

Da der betagte Kunde nur ein paar wenige Dinge zur Abholung angekündigt hatte, ging ich davon aus, in Kürze wieder einem drohenden Sonnenstich ausgesetzt zu sein. Er zeigte mir dieses und jenes. Bei jedem Objekt nahm ich prüfend einen kurzen Augenschein und kontrollierte es auf Vollständigkeit und Beschädigungen. Vieles davon nahm ich gerne entgegen, da ich mir sicher war, es verkaufen zu können.
Mein ZIVI wickelte unterdessen die brauchbaren Gegenstände in Zeitungspapier ein, die er in unseren mitgebrachten Bananenschachteln verstaute.
Bald kam der Alte in eine umfassende Spenderlaune und wir durften oder mussten darauf in jedem Zimmer seines zweistöckigen Hauses die Dinge besichtigen. Ich musterte sorgfältig seine Sachen, von der Ständerlampe, über Bücher, kleine Möbel, Töpfe und andere Alltagsgegenstände. Auch wollte er im Voraus wissen, ob wir sein Bett dereinst gebrauchen könnten, wenn es einst, soweit wäre.
Sein orthopädischer Stock, der mittlerweile ein munteres Eigenleben zu führen begann, fuchtelte immer wilder herum und zeigte jetzt deutlich auf eine kleine Türe in der Wand. Dahinter vermutete ich einen winzigen Raum im Kniestock-bereich des Daches.
Der Greis richtete nun sein Wort auffordernd, dennoch freundlich an meinen ZIVI: „Jüngling, kriechen Sie da hinein und holen Sie die Holzkiste in der hintersten Ecke heraus!“

Mein wohlerzogener ZIVI folgte brav der Anweisung und tat wie ihm geheißen.
Leicht verstaubt kam er kurz darauf samt der Kiste aus dem Schlupf heraus gekrochen. Erwartungsvoll nahm ich die staubige, verheißungsvolle Schatulle entgegen. Es ist ein sonderbares Gefühl - das eines zurückhaltenden Seeräubers - in fremden Häusern und in fremden Schatzkisten zu wühlen. Zu Beginn sehr gewöhnungsbedürftig. Das vergeht mit der Routine bald.
Meine Hände kramten darin behutsam nach verborgenen Trophäen. Ich erinnere mich nicht mehr, was ich dadarin alles vorfand. Lauter Krimskrams muss es gewesen sein, den ich tagtäglich vorfinde.
Plötzlich erblickte ich etwas Bemerkenswertes, was mir ein Grinsen aufs Gesicht zauberte und meinem ZIVI einen Lachanfall bescherte. Herrlich diese unverdorbene Jugend.
Ein kleines Männchen mit schwarzem Zylinder und schwarzem Frack und hoppla, da sprang etwas beherzt unter seinem Mäntelchen hervor. Ein frecher, orange-roter Lümmel kam zum Vorschein.
Dem hemmungslos spitzen Kerl fehlten beide Arme, dafür kompensierte sein bestes Stück diese offensichtliche Handlungsunfähigkeit mehr als meisterhaft. Und der Gesichtsausdruck des Armlosen kommentierte seine Erscheinung gleich selbst: „OHHH“.
Obwohl ich eine trockene und unbegabte Spielernatur bin, musste ich mit dem kleinen Schelm schäkern. Mäntelchen rauf, Mäntelchen runter. „Huärä glatt!“

„Nehmen Sie ihn bitte mit“, bat mich sein alter Herr bei meinem neckischen Tun. „Ich brauche ihn nicht mehr.“

„Mit Vergnügen. Hier im Dunkel der Holzkiste kann er niemanden mehr erfreuen und das ist jammerschade“, sagte ich.
Er kam sorgsam verstaut zu den anderen Gütern. Nach eineinhalb Stunden Schatzsuche verabschiedeten wir uns von dem liebenswürdigen Herrn.
Die fahrende Sauna war jetzt kaum mehr auszuhalten, dafür war sie vollgestopft mit Naturalien.

Zwei Tage später kam mir das extravertierte Männchen aus der Verbannung wieder in den Sinn und ich fragte unsere fleißigen Auspack-Damen im Hauptquartier: „Hat jemand von Euch das auserlesene Männlein gesehen?“
Entgeisterte Blicke trafen mich. Ich blieb standhaft, der ZIVI kicherte.

„Na - Ihr wisst schon, was ich meine - der Kleine mit dem großen Johannes.“

Eine meiner Mitarbeiterinnen nahm nun allen Mut zusammen: „Ah - warte, ich hab’s auf die Seite gelegt“ und schon wühlte sie in einer gut getarnten Schuhschachtel und streckte mir den Bengel hin.
Meine Freude war groß und ich strahlte, ohne mich selbst zu sehen und der Kleine roch bereits leicht verhalten nach Schuhcreme.
Quelle: Martin M. Hänni 2015


„Brauchst du's noch“, wollte ich von ihr wissen „oder möchte es sonst jemand von Euch haben“? Und so streckte ich provokativ den umstehenden Damen das fesche Kerlchen mit gelüftetem Mäntelchen entgegen.
„Nein, nein, nimm es nur!“ sangen sie zu dritt im Vokalensemble.

Zu Hause kam mein zurückeroberter Fund auf den Hausaltar und ich legte gleich eine kleine Meditation ein, um ihn in unserem Reich, willkommen zu heißen.
Der hatte einen Penis beinahe wie ein Schöpfergott, nicht bloß ein kleines, schlaffes Würstchen, das kaum etwas auszusagen hat.
Doch mit dem Gott der San, der Buschmänner der Kalahari, kann er es trotz alledem nicht aufnehmen. Der, so hörte ich einst, nennt einen 18 Meter Zauberstab sein eigen!
Und der muss von mehreren Männern getragen werden. Das ist ziemlich unpraktisch, wenn man das wortgetreu nimmt. Doch Mythen stehen weniger für Physisches, sondern vielmehr für Geistiges und Seelisches. Sie deuten auf die Dinge hinter dem Fassbaren hin.
Seit diesem denkwürdigen Tag hat der kleine Lümmelmann mit dem Zylinder seinen Platz auf unserem Hausaltar gefunden.
Er ist mir Metapher von schöpferischer Kraft, Kreativität und Wandlung zu Neuem. Er bedeutet Leben, unablässig seit Urzeiten und reinster Ausdruck von der Idee des Seins.
Doch was wäre männlicher Geist ohne seine Realisierung mit fruchtbarer, weiblicher Erde?
Nichts - rein gar nichts! Es bliebe nur Gedanke oder Geist, ohne jemals konkret zu werden.

Er mit dem Zylinder, ist mein anschauliches Symbol für das Schaffende und Kreative im Leben - man muss nur selbst das Mäntelchen lüften.
Der Mensch ist ein Schöpfer – also sind wir.

©Martin M. Hänni 2017

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