Donnerstag, 23. März 2017

9. VIP im Brockenhaus


Für eine Kostenschätzung trat ich ins fremde Haus ein und glaubte einen kurzen Moment, den Geruch von Kaffee zu riechen.
Schnell war mir klar, das Haus war seit einiger Zeit verlassen und wartete nur darauf, entrümpelt und geleert zu werden. Zu diesem Zweck war ich hier. Das alte Haus war kalt wie der Kaffeeduft in meiner Nase. 
Das Prozedere ging wie gewöhnlich vor sich. Ich schritt von Raum zu Raum, nahm einen Augenschein der Möbel, öffnete die Schränke und Kommoden, um mir einen Überblick über die verkäuflichen Dinge und der Waren zum Entsorgen machen zu können.
Ich kämmte die Räume von unten nach oben durch und erklärte der freundlichen Dame, der Tochter der einstigen Bewohnerinnen, wie wir bei Räumungen vorgehen. Zuerst nehmen wir das Brauchbare und Wiederverkäufliche mit. Diese Dienstleistung kostet unsere Kunden keinen roten Rappen. Gratis heißt das Zauberwort.
In einem zweiten Schritt räumen wir die Wohnung komplett, beziehungsweise das Haus. Wir nehmen alles mit, was nicht zur Wohnung gehört, sogar die Nägel in den Wänden entfernen wir und hängen als zusätzliche Dienstleistung die Lampen auf Wunsch ab. Gelegentlich räumen wir obendrein den Garten mit Gerätehäuschen, Blumenkistchen, Treibbeeten bis hin zu Pergolas und Bodenplatten. Die Immobilie übergeben wir unserer Kundschaft besenrein.
Erst den zweiten Schritt verrechnen wir. Je brauchbarer das Gut für das Brockenhaus, desto günstiger wird es für den Kunden.

Wie ich nun das heutige Objekt besichtigte, gingen wir zum Schluss die Treppe hoch in den Estrich. Die Vielfalt, der Zustand und das mitunter abenteuerliche Hoch- und Herunterklettern von Estrichtreppen, wäre eine Geschichte wert. Die Unterschiedlichkeit der Dachräume mit ihren angesammelten, oft millimeterdick verstaubten Waren, würde alleine ein Buch füllen. Dunkle, ungenutzte Estriche können ähnlich wie Kellerräume etwas Unheimliches ausstrahlen. In alten Häusern warten dort manchmal seit Jahrzehnten vergessene Dinge auf Besserung ihrer Situation …

Die Dame macht das Licht an, ich gehe vor und wer blickt mich da im Dämmerlicht zuzwinkernd an?
Quelle: Microsoft Word 10


Nein - Roger Federer höchst persönlich! Ganz ohne Tennisschläger, dafür mit dem Kaffeetässchen in der Hand und er setzt gleich an, sich einen Schluck zu genehmigen. Ich lasse ihn machen und wende mich von seinem eingefrorenen Werbespot ab. Kalter Kaffee macht schön und die Januar Kühle eines Kaltestriches hält einen jung und knusprig. Der wild zusammengewürfelte Haufen von leeren Haushaltgeräte-Kartons ist hier endlos, sie türmen sich vor mir zu Bergen auf.

Ich bin in einem Haus von Kaffee Fetischisten gelandet, denn hinter Federer grinst mich noch so ein Schönling an, der uns den Kult von gerösteten, braunen Bohnen verkaufen will.
George Clooney - himself.
Auch er mit der Tasse in der Hand und feixt im Dunkeln vom Cover seiner Hochglanzverpackung heraus. Auch ihm tut das Schummerlicht und die Winterkälte gut, behält die Haut frisch und straff. Das Beste was einem Star passieren kann.
Nach der Räumungsbesichtigung geht es zurück in die Brockenstube und weiter mit den Verry important Persons.

Jetzt gönnen wir uns zuerst eine Kaffeepause. (Auch Sie sind an dieser Stelle gemeint. Sie dürfen sich alternativ auch einen Tee einschenken, gehören dann aber zu einer kleinen Minderheit, was nicht jeder oder jede gleich gut ertragen kann.)
Vor dem Kaffee sind wir alle gleich. Von unten nach oben und von links nach rechts und von vorne nach hinten.

Nichtsahnend meine eigene Tasse stemmend, macht sich eine Dame um die Fünfzig bei der Puppe direkt neben der Kaffee Ecke zu schaffen. Die Stille aus Kunststoff trägt einen Nerzmantel, ihr Kopf ist plötzlich nackt. Den wärmenden Nerzhut hat die Kundin auf ihren eigenen Kopf gesetzt und drückt ihn gekonnt zu Recht. Sie schaut kurz zu mir. Ihr fragender Blick, der ein weiteres Mal zu mir herüber huscht, lässt mich ihren Wunsch von den Augen ablesen. Sie sucht einen Spiegel für ihre dringende Frage.

„Der steht Ihnen gut“, sage ich im Sitzen.

Sie strahlt. „Danke“, antwortet sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Lächeln spornt mich an. 35 Stutz bloß kostet der Hut, der Samtnerzmantel mit Zertifikat des Kürschners hat 12000 Franken gekostet. Bei uns kostet er noch sage und schreibe 850 Fränkli.

„Haben Sie gesehen?“, sage ich beiläufig. „Diesen Monat haben wir zusätzliche Kleideraktion. Der Mantel würde Ihnen sicherlich genauso gut stehen und mit der 50% Aktion kostet er nur noch die Hälfte!“
Das Telefon klingelt, ich stehe auf und gehe ran.

Als ich fünf Minuten später zurückkomme, ist mein Kaffee kalt, die Puppe splitternackt und die Kundin vollends im Element.
Die Dame hat einen unserer Spiegel entdeckt und betrachtet sich darin, dreht sich nach links, dann nach rechts. Elegant sieht sie im braunschwarzen Edelpelz aus. Aber die Schuhe, die sie trägt? Das sieht ja furchtbar aus! Nachdem mich der kalte Sud der Coffein Perlen gestärkt hat, gehe ich zu ihr hin und gebe alles.

„Sie sehen aus wie die Prinzessin von Monaco“, vertraue ich ihr an und verneige mich dezent. Die Schöne ist gerührt und ich sehe ihr an, wie sie ebenso nach innen leuchtet. Das tut der Seele gut, vorausgesetzt, es ist echt. Und das ist es.

„Nur Ihre Schuhe!“, sage ich mit mildem aber vorwurfsvollem Unterton. Mein Blick wandert dabei gleichmäßig über den Luxus Mantel herunter zu ihren Füssen, die in grässlich weißen Tennisschuhen stecken.
Weiter muss ich mich nicht bemühen, denn ihr Strahlen hat sich in Entsetzen verwandelt. Aber auch da kann ich helfen als Innenraumausstatter und Kleiderverkäufer: „Jetzt fehlen Ihnen nur noch die Gucci Pumps. Zufälligerweise hat es da vorne in der Vitrine ein Paar für 50 Franken. Gestern erst von 140 heruntergesetzt. Wenn Sie Glück haben, passen sie, denn schließlich sind „aller guten Dinge drei“. Neu haben sie 700 Stutz gekostet, das hat mir die ehemalige Besitzerin bei einer Abholung in ihrer Villa versichert.“

Die Edle probierte die Stöckelschuhe an. Heute musste ihr Glückstag sein …
Überglücklich legte sie darauf den Nerzmantel für 425.-, den Hut für 35.- und die Schuhe für 50.- Franken aufs Kassenband. Ich schmunzelte, die Kasse lächelte, die Kundin aber lachte von oben bis unten. Dem personifizierten Glück in diesem erweiterten Zustand der Seeligkeit noch Ohrringe anzuhängen wäre zwar einfach, aber moralisch nicht mehr vertretbar gewesen. Genug ist genug.
Ich packte alles in eine XXL Secondhand Plastiktasche und streckte ihr das Trio-Schnäppchen hin. Ihre Finger griffen nach der prallen Tasche und berührten dabei meine Hand an den Traggriffen. Ich lächelte erneut.

Da sagte sie im Baslerinnen Dialekt: „Sie hän äs Lächlä wieä dä Rotscher Federer“.

Ich konterte, schliesslich bin ich vierzehn Jahre älter als Federer und sagte der frischgebackenen Prinzessin von Monaco:
„Nai – är häts vo mir!“

©Martin M. Hänni 2017

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