Samstag, 1. April 2017

10. Die Amsel und der Traum



Am Dreiundzwanzigsten im vergangenen Juni, da bemerke ich plötzlich eine Amsel in meinem Genick, die frech auf meiner Schulter sitzt! Wenn die mir bloß nicht in die Augen pickt, hoffe ich im Traum.
Zum Glück tut sie das nicht – stattdessen protestiert sie schrill und gefährlich, dröhnend wie eine Kettensäge, die in den unversehrten Stamm eintauchen will. Betroffen wache ich auf …
Beim Morgentee frage ich mich, was mir der Traum bedeuten soll? Eine Amsel, die mich eindringlich warnt und aus dem Schlaf reißt! Geweckt hat sie mich, damit ich auf Etwas achtsam werde. Nur - worauf wollte sie meine Aufmerksamkeit lenken?

Quelle: Martin M. Hänni 2016

Ich notiere den Traum und füge meine aufsteigenden Assoziationen hinzu. Erst in Verbindung mit diesen zusätzlichen Gedanken, abgewägt mit dem prüfenden Gefühl, bekommt man ein vollständiges Bild. Das ist notwendig, um den Traum deuten und verstehen zu können. Doch ich komme darin vorerst nicht weiter, verstehe nur Bahnhof. Dann mache ich mich auf den Weg.
Die Ablenkung im Brockenhaus ist vielseitig. So entschwinden die Amsel und mit ihr mein Traum …
Es ist ein gewöhnlicher Vormittag mit den üblichen Abholungen und Lieferungen. Es dreht sich alles um's Kommunizieren, Verhandeln, Einschätzen, Schleppen, Einpacken, Tragen, Stapeln, Einladen, Zurückfahren, Ausladen, erneut Stapeln, Waren kontrollieren, Reinigen, Waren bepreisen und in der Verkaufsausstellung einen geeigneten Platz auszusuchen. Business as usual - wäre da nicht dieser unergründliche Traum von heute Morgen.
Endlich wird es Mittag. Heute Nachmittag habe ich frei.

Das Wetter ist perfekt für eine lästige Reparatur beim Fenster neben der Haustüre. Wespen haben die Fugen der Lärchenschalung entdeckt, um darunter den Hohlraum der Hinterlüftung zu bevölkern. Um weiteren Platz für ihre Brut zu schaffen, arbeiten sie sich in die Dämmung vor, nur mag ich kein Emmentaler artiges Haus.
Der Nachmittag wird schwül. Genervt demontiere ich die Fassadenschalung, statt den freien Nachmittag auf der faulen Haut zu liegen. Den Job des Zimmermannes erledige ich hier und wische mir den Schweiss von der Stirn.
Seine Unterlassungssünde, den Fugen vor zehn Jahren kein Insektengitter verpasst zu haben, wird mir noch ein seltenes Glück einbringen.
Mit dem Akkuschrauber hantierend, gelangt mein Ellbogen tief in die nadeligen Arme der kleingewachsenen Eibe. Dabei erschrickt etwas fast zu Tode und fliegt wie ein Pfeil davon. Verwundert sehe ich dem schwarzen Knäuel nach und halte erstaunt inne.
Das glaube ich nicht – das war eine Amsel und wie das eine Amsel war!
Vorsichtig schiebe ich einen Zweig beiseite und blicke direkt in ihr perfekt gewobenes Nest. Ästchen für Ästchen, Halm für Halm, umgarnt mit grünem, flauschigen Moos, ausgekleidet mit trockenen Gräsern und etwas Erde, hängt es an einer Astgabel. Drei hellblaue, graubraun gesprenkelte Eier leuchten mir entgegen.
Mein Traum steigt blitzartig aus der Vergessenheit empor. Ist das möglich? Wollte mich die Amselseele im Traum auf ihr Nest und ihren baldigen Nachwuchs aufmerksam machen?
Wie hätte die Natur es besser einrichten können, mich schon im Traum eindringlich zu warnen, denn die Träume sind mir seit Langem heilig. Sie sind der schlummernde Schatz, nachdem der Goldschürfer gräbt, der ihren Wert erkennt. Sie verbinden den Menschen mit der Tiefe des Seins.
Und ich stehe verdutzt da zwischen Haus und Eibe. Innen und aussen werden eins. Die Sache nehme ich persönlich und ernst, denn ich habe einen Auftrag von innen heraus bekommen. Ich nenne es Seele.

Unverhofft bin ich über den Traum und seine Manifestation zum Amsel Götti ernannt worden. Noch am gleichen Nachmittag ziehe ich einen Elektrozaun um „meinen baldigen Nachwuchs“. Es hat viel zu viele gelangweilte Katzen in der Gegend, denke ich mir.
Drei Tage später liegt ein viertes Ei im Nest.
Dann sitzt die Amsel und sitzt und sitzt und ich warte und warte, wie auf glühenden Kohlen, bis es endlich soweit ist.
Am siebten Juli schlüpfen sie „meine“ blutten Vögelchen. Es sind drei.
Ab sofort müssen sie jeden Tag mein kurzes Fotoshooting über sich ergehen lassen, natürlich nur dann, wenn die Amselmutter auf Futtersuche ist. Auf keinen Fall riskiere ich, sie beim Brutgeschäft zu stören.
Hand aufs Herz, auserlesen sehen sie zu Beginn nicht aus, die drei nackten, rosaroten Kreatürchen, die die ganze Zeit über keinen Piepser von sich geben. Doch bald, mit dem Öffnen ihrer Augen sind sie hellwach. Sobald ich mich ihnen nähere und die Kamera vor ihre Schnäbel halte, ducken sie sich ängstlich ins Nest.
In unglaublichem Tempo wachsen sie heran, schneller als es das Vogellexikon verspricht. Numinose Schöpferkraft ist hier am Werk.



7.7. 2016 - 11:00

8.7.2016 - 06:00

9.7.2016 - 07:00
10.7.2016 - 08:00
11.7.2016 - 07:30
12.7.2016 - 13:00
13.7.2016 - 06:00
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15.7.2016 - 17:00
16.7.2016 - 07:00
17.7.2016 - 07:00
18.7.2016 - 08:00
19.7.2016 - 06:00
19.7.2016 - 12:30
 




An einem Dienstag fliegen sie überraschend aus. Früh am Morgen, sitzen nur noch zwei von ihnen im Nest. Meine Freude, dass sie es ohne Verlust geschafft haben, ist zugleich eine kleine Enttäuschung, denn der geheimnisvolle Spuk ist damit vorbei.
Um die Mittagszeit herum sehe ich ein letztes Mal nach meinen verbliebenen Jungamseln. Aber sie sind alle weg. Ausgeflogen.
Und nun sehe ich es wieder, dieses vierte Ei, intakt und unvollendet liegt es noch immer da. Auffordernd glänzt es aus der Mitte des leeren Geleges, drapiert mit einem Federchen. Aus ihm wird kein physischer Vogel mehr schlüpfen … und ich weiss, ich fühle es. Es meint irgendwie mich.

Nun brüte ich - im Kopf - über dieses vierte Amsel Ei, den der Vogel gilt im bildlichen Vergleich allgemein als Geist und Geistiges.
Die Amsel hat mir ihr Unvollendetes überlassen und es liegt an mir, daraus die konkreten Schlüsse zu ziehen, zumal die Zahl Vier auf Realisierung und Materialisierung hinweist. Es meint das Fassbare und Wahrhafte. Das ist die Aufgabe des Menschen, denn er ist ein Schöpfer, ein Wesen der kreativen Tat.
Dieses Ei nehme ich als Metapher und als Fortsetzung des Traumes und so konkret symbolisch, wie man üblicherweise die Träume handhaben könnte. Sie sind Sinnbilder verborgener Prozesse des eigenen, unbewussten Lebens. Das Symbol des Traumes, ist das Tor zur Wirklichkeit der Seele, und die Entschlüsselung des Symbols kann diese Pforte einen Spalt breit öffnen.
Und ich staune. Ist das Leben – im Außen und im Innern - nicht ein fantastisches Wunder, trotz aller unserer biologischen und logischen Erklärungen? Besonders dann, wenn sich die Seele von Tier und Mensch auf derselben Ebene begegnen, um miteinander zu kommunizieren.

Das Ei und seine Geschichte lassen mich nicht mehr los und mein Instinkt sagt mir: nimm es als Symbol und als manifeste Erweiterung des Innenlebens!
Was kann es nur bedeuten?
Was bedeutet es für mich?
Ich brüte weiter, meditiere das Ei von allen Seiten, drehe und wende es und halte es warm. Und lasse dabei mein Gefühl zu mir sprechen. Mein Denken gewinnt dadurch an Tiefe, an Beziehungsfähigkeit. Beziehung zum Dahinterliegenden.

Das Ei ist das Eine, die Urmaterie, das Ursprüngliche – in ihm ist alles enthalten. Es ist das Neue, das ins Leben drängt und real werden will. Es meint Verkörperung einer Idee, Stofflichwerdung von Gedanken und Absichten.
Im Ei schlummert Leben und Kraft, es bedeutet die Matrix des Urweiblichen - des Urschöpferischen. Es steht als Gleichnis für schlafendes und erwachendes Sein, für die Seele und potenzielle Lebenskraft.
Jedes Schloss war einmal ein Traumschloss, jedes Haus war zuerst „bloß“ eine Vorstellung und Inspiration, ein menschlicher Plan … bis der Handwerker kam.

Das Ei steht für Erneuerung, Neuanfang und Neubeginn. Es ist ein Fruchtbarkeitssymbol, das in eine hoffnungsvolle Zukunft weist, ein Frühlingssymbol gleichsam wie die Ostereier an Ostern – Zeichen der erwachenden, fruchtbaren Natur und Wiederkehr des Lebens. Es ist das Auferstehungssymbol im Christentum - unseres alten, religiösen Kultes. Es behandelt das Geheimnis von Tod und Neubeginn.

„In vielen Schöpfungsmythen entschlüpft das Universum einem Ei, das alles in sich trägt und nur ausgebrütet werden muss, sagt Marie-Louise von Franz.“

Ich brütete noch ein Weilchen weiter, bis der rätselhafte Inhalt dieses vierten Eis in mir endlich ausschlüpfen konnte.
„Meine innere Amsel“ öffnete ihre Augen, flog schliesslich aus, wie ihre drei Geschwister und singt auf ihre Weise – in diesen Kurzgeschichten, Anekdoten und Erzählungen.

©Martin M. Hänni 2017

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