Dienstag, 11. April 2017

11. Dä Purscht



Bei meiner Arbeit als Brockenhausmitarbeiter habe ich oft mit dem Tod der Menschen und seinen materiellen Folgen zu tun. Die Töchter und Söhne können das angeschwemmte Gut der Abendflut ihrer Eltern oftmals nicht gebrauchen. 
Quelle: Microsoft Word 10

An diesem feucht-nebligen Freitagmorgen machte ich mich zusammen mit meinem Zivildienstleistenden auf den Weg, das Zimmer einer Verstorbenen in einem Pflegeheim zu räumen. Ich las den Namen des Seniorenheims und die Zimmernummer auf dem Auftragszettel und ahnte, die Entschlafene persönlich gekannt zu haben.
Ich startete den Wagen, ließ die Scheibenwischer ihre Arbeit tun und trat aufs Gaspedal.
Zwar hatte ich die Heimgegangene nicht richtig gekannt wie man eigene Angehörige kennt. Trotzdem hatte ich in diesem Heim eine Anekdote mit ihr erlebt, in meiner damaligen Funktion als Mitarbeiter im Technischen Dienst.

Der Aufwand, zu einem der beliebten Hauswartjobs zu kommen, war beträchtlich. Mir schien, dieser vielseitige Beruf wäre ideal, mein Interesse an Häusern und alten Menschen umsetzen zu können. Meine zahlreichen Bewerbungen in dieser Berufsgattung verliefen ernüchternd wie ergebnislos.
Ein einziges Mal nur, wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und kam ins Kreuzverhör des Heimleiters und des Leiters vom Technischen Dienst.
Der Erste saß links von mir, der Zweite direkt gegenüber. Als mir die blödeste aller Fragen bei Bewerbungsgesprächen gestellt wurde, war ich dank meiner Vorbereitung bestens gewappnet. Der Heimleiter fragte mich: „Herr Hänni, stellen sie sich vor, sie bekommen den Job bei uns – wie lange denken sie, bleiben sie bei uns?“

„Ich werde bis zu meinem Ableben bleiben - das ist bekanntermaßen das Alleinstellungsmerkmal ihres Heimes, wie ich aus dem Studium ihrer Website entnehmen durfte!“

Mein baldiger, direkter Vorgesetzter prustete los. Mein zukünftiger Heimleiter dessen ungeachtet, ließ den Kugelschreiber fallen, sah mich entsetzt an und bemühte sich eisern, die Ruhe zu bewahren.
Geistesgegenwärtig verbündete ich mich mit meinem neuen Chef und stimmte in sein Gelächter mit ein.
Den Traumjob im Altersheim habe ich trotz bewiesener Loyalität, besten Zeugnissen und Referenzen nicht bekommen.
So forderte ich mein Berufsleben weiter heraus, in einem Altersheim unterzukommen. Mir blieb nur der Versuch einer Spontanbewerbung, um mein nächstes Ziel doch noch zu erreichen.
Vierzig Briefe waren erforderlich, bis ich zu einem weiteren Kreuzverhör für ein Minipensum in einem Pflegeheim eingeladen wurde.
Dabei wurde mir keine solch gemeine Frage gestellt, dafür versagte meine Stimme bei meiner zweiten Antwort total, an die ich mich nicht mehr erinnere. Ich brachte keinen Ton mehr heraus. Nur ein rettender Schluck aus der Teetasse der Heimleiterin bereitete meinem hoffnungsvollen Anlauf, – als Hauswart enden zu dürfen - kein frühzeitiges Ende.
Erstaunlicherweise bekam ich das Jöbchen, war damit vorerst glücklich und beruhigte mich mit dem Mantra: „Lieber den Schraubenzieher in der Hand, als mit der Leiter auf dem Dach.“
Nach ein paar Monaten mit Schraubenzieher, Streusalz im Morgengrauen und Aluleiter sah ich es endlich glasklar. Meine Vorstellung des Hauswartberufes war bedeutend besser gewesen, als meine erlebte Realität im Altersheim.

Wir, mein ZIVI und ich traten ins einsam und verlassen Zimmer der Seligen ein, die zwei Tage zuvor hier verblichen war.
Herrenlos standen ihre leergeräumten Möbel da.
Ihr schwerer, massiver Kieferschrank wie man sie selten sieht, erschien mir auf den ersten und zweiten Blick brauchbar. Die anderen Dinge, wie man sie oft in Zimmern von Altersheimen antrifft, waren kaum mehr zu gebrauchen.
Mein Blick schweifte durchs Zimmer und blieb beim Türrahmen hängen, wo der Schwesternruf montiert war. Dieser Notruf hatte eine Geschichte, die die Verstorbene und mich in ihrem einstigen Zimmer noch einmal zusammenbrachte.
Er inspirierte mich, meinem jungen Mitarbeiter an Ort und Stelle mein Erlebnis zu berichten.

Acht Monate davor vertrat ich den Hauswart ferienhalber und hatte einen Stapel Reparatur Zettel in der Hand, die ich an diesem Nachmittag erledigen sollte. Darunter war die Meldung, dass der Alarm von Frau Müller (oder hieß sie Keller?) - bald aus der Wand fallen würde. Das kann für die Bewohnerinnen lebenswichtig sein. So entschied ich mich, diesen als Erstes zu reparieren.

Ich schob das mobile Werkstatttischen mit dem Werkzeug durch die langen Gänge. Die Lampe über ihrer Zimmertüre leuchtete grün. Ich klopfte an, bekam keine Antwort und trat vorsichtig ein.
Frau Keller saß auf dem Bett, daneben das Fenster sperrangelweit geöffnet und starrte mich erstaunt an, als würde sie mich zum ersten Mal sehen.
Ich sprach laut und deutlich und erklärte ihr, dass ich der stellvertretende Hauswart wäre und sie kurz stören müsse, da ich ihren Notalarm in Ordnung zu bringen hätte.
Sie antwortete unverständlich, gleichzeitig bemerkte ich ihr Unbehagen. Ihrer Mimik nach, hätte sie mich am liebsten sofort aus dem Zimmer geworfen. Dafür hatte ich Verständnis, es war früher Nachmittag und ihr Nickerchen stand wohl gerade auf dem Programm.

So wandte ich mich mit dem spürbaren Missfallen im Rücken gleich wieder von der maroden Elektronik neben der Türe ab, die gefährlich weit herausragte.
Ich drehte mich erneut zur Betagten hin und sagte laut: „Frau Müller, sie kennen mich doch. Sie haben mich schon einige Male zusammen mit dem Hauswart gesehen. Ich bin hier, um den Notruf für sie zu reparieren, der bald herunterfallen wird, weil sich die Dübel in der Wand gelöst haben.“
Mit krummen Rücken und den langen, geöffneten Haaren blieb sie auf dem Pflegebett sitzen und murmelte verärgert weiter.
Mach schnell und verschwinde von hier, bevor ich den Notruf für sie betätigen muss, schickte ich mich an und machte vorwärts.

In der Tat – dieser Patientenruf – hatte es in sich. Die vordere Platte, die den Zugang zu den Wandschrauben versperrte, klemmte wie ein störrischer Esel. Ich musste bei seiner Demontage achtgeben, nicht einen erneuten Alarm auszulösen. Mir wäre es peinlich gewesen, wenn die FAGE – auch heute noch simpel Schwestern genannt – wegen mir schon wieder gerannt kommen müssten. Erst kurze Zeit davor hatte ich unbeabsichtigt einen Brandalarm ausgelöst und es nicht einmal bemerkt, da ich dabei den Gehörschutz trug, weil ich eine Spitzarbeit ausführte. Dass ein Brandmelder den Unterschied zwischen Baustaub und dem Rauch eines Feuers nicht unterscheiden kann, ist mir seither bewusst.

Als ich endlich die Bedienerplatte von der Halterung gelöst hatte, kamen vier Holzschrauben zum Vorschein. Sie wackelten wie die betagten Zähne einer neunzig Jährigen. Ich extrahierte sie, genauso wie die lottrigen Dübel.
„Frau Keller. „Das Problem mit ihrem Notruf ist erkannt. Für die Reparatur benötige ich neue Schrauben und passende Dübel, damit alles wieder tadellos hält. Ich gehe jetzt hinunter in die Werkstatt, um die Schrauben zu holen. In fünf Minuten bin ich wieder da und mache alles fertig.“
Dann zog ich die Türe hinter mir zu und verbrachte mit meiner Suche geschlagene fünfzehn Minuten in der fremden Werkstatt.
Als ich endlich zurückkam, traten mir zwei gutgelaunte Fachangestellte Gesundheit entgegen. Eine der beiden aufgestellten jungen Damen blieb vor mir lachend stehen und sagte zu mir: „Frau Müller erschien vorhin auf den Gang, trottete Richtung Büro und rief“: „Döörf i dä Purscht inälaaa!?“

Ihr Spruch machte samt dem Gelächter die Runde, nachdem ich den Fachangestellten Gesundheits-Notruf bombenfest befestigt hatte. Frau Keller gewann ihre Geschmeidigkeit zurück, wie der Purscht ihr Zimmer verlassen hatte.

Zurück im Brockenhaus baute ich ihren schweren Holzschrank in unserer Verkaufsausstellung auf. Die beiden Schranktüren aber, ließen sich auch am Tag darauf nicht schließen, weil der massive Holzdeckel zu stark geschüsselt war. Wieso hatte ich das nicht vorher bemerkt?
Den Schrank musste ich leider entsorgen, stattdessen steht nun diese Anekdote von ihr, mit geöffneten Türen da.

PS: Meine Hauswartkarriere war zu kurz, um in Erfahrung zu bringen, ob man männliche FAGE – Brüder - nennen darf.

©Martin M. Hänni

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