Donnerstag, 20. April 2017

12. Mit dem Porsche nach Luino


„Was soll ich mit diesem Brett? Das lässt sich nicht verkaufen. Entsorgen sie das bitte selbst!

„Wasss! - das ist ein Pasta Brett! Die Italiener werden es ihnen im Brocki aus den Händen reißen!“

„Ein Pasta Brett! Wer macht denn heute noch Nudeln von Hand?“

„Italiener wie ich. Wir fahren bis nach Luino, um ein Solches zu bekommen.“

„Nach Luino?“
Quelle Microsoft Word 10
 Ungläubig, ja genötigt zog ich nun das Massivholzbrett zu mir hin und betrachtete das überdimensionale, gebrauchte Küchenutensil von hinten. Dieser Hinweis liess mein Prüfblick genauer auf das südländische Teig-Brett aus Fichte sausen. Außer denn drei angeklebten Kanthölzern auf der Rückseite, die ein offenes Rechteck bildeten, konnte ich nichts Spezielles daran erkennen. Die tiefere Latte an der Längskante des Brettes sollte ein ungewolltes Abrutschen zum Nudelarbeiter hin verhindern, wenn dieser am Auswallen des Teiges war. Zumindest stellte ich mir so den Entstehungsprozess von handgemachter Pasta vor.

Wie ich mir dieses Bild so plastisch-innerlich vor Augen führte, sah ich die stämmige Italienerin mit umgebundener Küchenschürze und Weizenmehl auf der Stirn. Sie brachte dabei einen Quadratmeter grossen Teig mit zurückgekrempelten Ärmeln auf die gewünschte Dicke. Da sah ich unter ihrem Haaransatz, einen üppigen Schweißtropfen sich lösen, der sogleich über die gerötete Stirn kullerte, jäh vom Weizenmehl gestoppt und ins Nirvana weggesaugt wurde.

„Ein solches Teil baue ich ihnen in 15 Minuten“ markierte ich ebenso resolut wie die bestimmte Warenspenderin. Nie zuvor in meiner Brocki Karriere habe ich ein derart monströses Pasta Brett gesehen. Was konnte daran so Hit verdächtig sein, um gar eine Reise nach Luino wert zu sein?
Das konnte und wollte ich ihr nicht einfach so abkaufen, da ich mir schon die besten Geschichten anhören musste, wenn jemand seinen Mist weghaben wollte, den er zuvor energisch als Kostbarkeit angepriesen hatte.
Ich bin es mir gewohnt, allerlei Kreatives von begabten Spendern zu hören, so zum Beispiel:

Kunde: „Die Ständerlampe funktioniert tipptopp, sie war gerade eben noch im Einsatz.“

Brockistaff: „Sie haben Recht, sie sieht gut aus… ich frage mich nur, wozu das Netzkabel samt Stecker abgeschnitten wurde!“
Kunde schweigt und schnappt sich die tadellose Ständerlampe zurück. (Tipp: Es gibt andere Brockenhäuser, wo man's weiter probieren kann…)
oder
Andere Kundin: „Der elektrische Fernsehsessel ist praktisch neu. Aber dieses Schwarz passt einfach nicht zu den restlichen Möbeln!“

Ich stecke den Stecker ein, betätigte den Knopf. Noch ein zweites Mal. Ein drittes Mal…
Die Wahrscheinlichkeit eines Stromausfalles ist äußerst gering, da die Beleuchtung die heruntergelassenen Rollläden gekonnt aufwiegt. Ich leicht empört, da ich mich offen gesagt, geeselt fühle: „Der Sessel funktioniert ja gar nicht!“
Kundin: „Man kann auch ohne Strom sitzen…“
Brockivertreter: „Sitzen schon - aber ohne Strom Fernsehen?“

Es gibt Menschen, die wollen uns einen Bären - in diesem aussergewöhnlichen Fall - ein Brett aufbinden. Ich könnte behaupten, dass gewisse Zeitgenossen ihren desolaten Plunder gratis bei uns entsorgen wollen. Und es gibt Leute, die flippen aus, wenn man sie auf ihrer frischen Tat ertappt. Einmal hat jemand seine Drohung: „Ich bin zum letzten Mal in ihrer Brockenstube gewesen“, tatsächlich wahrgemacht. Ich habe die Dame nie wieder gesehen. Ihre vier randvollen Migros Taschen hatte sie geschickt getarnt. Die ersten zehn Zentimeter der Taschen waren mit schöner und brauchbarer Ware bestückt. Als ich mich weiter durch die erste Tasche wühlte, war es gleich sonnenklar. Darunter kam nur noch Grümpel zum Vorschein, den man entsorgen musste. So kontrollierte ich den Rest viel genauer als üblich. Drei der vier Taschen gab ich ihr zurück, worauf sie sich lautstark bei meinem ZIVI empörte, der für einmal die Opferrolle auf sich nehmen musste.

Aber hier und im Moment war es Freitagabend, das Wochenende vor der Tür, die Karre bis zum Bersten voll, ich hundemüde, das Wetter schön und meine Geduld, mir ein Märchen anhören zu müssen - das dazu kein Richtiges sein konnte, war auf ein Minimum geschrumpft.
Ich setzte mein Rotscher Federer Lächeln auf, um heraus zu finden, ob sie es mit der Aussage zu ihrem fenstergrossen Brett wirklich ernst meinte.

„Wollen sie keine Nudeln mehr fabrizieren?“, fragte ich provokativ. (Übrigens ein grandioser Verkaufstrick, wenn man die Spenderin beziehungsweise ihr Gut auf Herz und Nieren prüfen will. Dann hat man den Spender am Haken und er muss die Wahrheit heraus zappeln. Oder auch nicht. Denn wer nichts fragt, bekommt selten Antworten.)
Jetzt wurde es interessant für mich und die Spannung auf der Gegenseite stieg rapide an.

„Nein, ganz und gar nicht. Ich verwende ein kleineres Brett. Das hier, ist mir zu groß“, wobei sie auf die leicht verbogene Platte zeigte, die mir bis zum Gürtel reichte.

„Würde das grosse Brett nicht zu ihrem Mann passen?“ Der war just im Türrahmen erschienen, um die Freitagsabend Show vor seiner Haustüre nicht zu verpassen.

„Nein, das ist meine Aufgabe in diesem Haushalt“ worauf sie die Arme demonstrativ vor der Brust verschränkte.

„Ach so, ja dann… wie lange fahren sie bis Luino, wenn ich fragen darf?“
Jetzt schaute sie ihren Mann flehend an: „Zwei bis drei Stunden vielleicht…?“

„Sicher, mit einem Porsche GT3, wenn sie dazu die Rennlizenz besitzen!“ So trieb ich ihr Pasta Brett auf die Spitze des Gotthards mit einem 4 Liter Sechs-Zylinder-Boxermotor, mit 500 PS und einem Drehmoment von 460 Newtonmeter… affengeil!

„Luino ist meines Wissens in Italien, da haben sie mit Glück mindestens dreieinhalb Stunden reine Fahrzeit, schätze ich. Und sie wollen auch wieder zurück, macht sieben Stunden Fahrzeit. Das ist eine Tagesreise. In dieser Zeit baue ich ihnen 28 Pasta Bretter und da ich in der Massenproduktion doppelt so schnell bin, komme ich leicht auf 50 Stück am Tag.
Was meinen sie, wäre das ein Geschäft hier bei uns, wenn die Italiener ohne eigene Porscheräder nicht bis nach Luino fahren müssten?“

Die gute Frau mit der konsequenten Rollenteilung schaute mich nun entgeistert an, war einen Moment sprachlos und sagte Unverständliches auf Italienisch zu ihrem Mann, was meiner Meinung nach, nichts mit Pasta zu tun haben konnte.
Im Gegensatz zu ihrer Leere tat sich bei mir DIE MARKTLÜCKE auf und ich kam ins Grübeln. War das mein ersehntes, zweites Standbein, das sich freimütig an diesem lauen Abend vor mir eröffnete? Ich könnte nebenbei zu meiner Anstellung im Schnäppchentempel ein lukratives Geschäft aufbauen, dachte ich. Schliesslich ist kein Job mehr sicher und ein paar Fränkli zusätzlich nicht zu verabscheuen, ist moralisch in Ordnung.
Endlich hatte mich ihr vielgepriesenes Brett restlos überzeugt. Für ein langweiliges Brett nach Italien zu fahren, war weder finanziell noch ökologisch empfehlenswert. Das leuchtete mir als Unternehmernatur sofort ein.
So nahm ich das Brett für meine eigenen Studienzwecke mit und steuerte die bumsvolle Galeere mit geblähten Segeln gen Westen, dem Abendrot entgegen.
Noch am selben Abend schrieb ich das Nudelbrett für günstige 15 Stutz an mit der Notiz, dass es sich hierbei um ein Pastabrett handeln würde.
Erstens weiss man nie, was der Kunde darin sehen wird und zweitens sind wir es uns gewohnt, ab und zu komische Fragen zu unseren Produkten beantworten zu müssen.

Meine glorreiche Idee, einen Pasta Brett Handel mit eigener Produktion zu eröffnen, habe ich bald wieder fallen gelassen.
Das Brett steht noch immer arbeitslos herum. Ein sicheres Anzeichen, keine Marktlücke entdeckt zu haben. Es kostet jetzt noch 7.50 - worauf warten sie noch?

©Martin M. Hänni 2017

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