Montag, 1. Mai 2017

13. Schwarze Löcher

Jeder kennt es.
Es fing alles so vielversprechend an, so rosarot, zauberhaft und wundervoll!
Wohlig erwacht man aus den süssen Träumen, erquickt und vergnügt steht man an diesem einzigartigen Morgen auf.

Man öffnet das Fenster, die Sonne wirft einem die ersten Strahlen sanft und vertraut ins Gesicht, ein frisches Lüftchen umschmeichelt den Bart. Kein Bart? Dann lassen Sie sich einen wachsen, damit Sie verstehen, wovon ich berichte.
Der Kaffee und das Drei-Minuten-Ei sind heute viel besser als alle Vorangegangenen der letzten zehn Jahre…
Ein großartiger Tag – ja, man kann es fühlen - ein Ereignis steht vor der Tür, die Welt liegt einem zu Füssen und man tritt hinaus in diese Herrlichkeit. Ein geschenkter Tag, wo man die Bäume samt den Wurzeln ausreißen könnte.
Quelle Microsoft Word 10
 Himmlisch - das frische, beseelte Grün, diese bunten Farben und diese Knospen, diese unschuldigen Blüten und zarten Blättchen. Kraft und Wonne füllen einem bis in die letzte Faser aus. Das Universum ist heute wirklich in Ordnung. Sowas von in Ordnung. Heil und ganz. Paradiesisch! Ewiglich dürfte es so sein. So möchte man sich immer fühlen, wenn man könnte - nur - man wird nicht gelassen…

Sie kommen frisch und vergnügt, voller Elan und Tatkraft ins Geschäft oder auf den Bau, in die Schule, ins Amt oder ist doch egal, von mir aus ins Brocki. Sie drücken die Türklinke und… werden ANGEMOTZT – VOLLGEMOTZT - ANGEKOTZT!
Sie reiben sich die Augen… das kann doch heute gar nicht sein und…
So geht das weiter - den ganzen Morgen – den ganzen Tag. Sie fühlen sich zurückkatapultiert - ins Alte Testament.
Etwas Übermächtiges macht Sie an diesem Tag zum Hiob – genau Sie! Eine verfluchte Scheißwut regnet es herunter - auf Sie – Gott alleine weiss warum - Ihr Paradies geht vollends den Bach herunter. Mit Üblem und Bösem werden Sie übergossen, und es kommt noch schlimmer, es steckt Sie an - wie trockener Zunder nach einem regenlosen, heißversengenden Sommer.

In der grauen Frühzeit hättest du den Störenfried in deinem Garten Eden ungespitzt in den ausgetrockneten Ackerboden geknüppelt. Aber leider – denkst du - leben wir in einer verdammt zivilisierten Welt. Wir sind doch modern, ökologisch, aufgeklärt, friedliebend, reflektiert wie bewusst und versicherungssicher. Unsere Moral ist dazu weit über 2000 Jahre alt, deine übrigens auch und trotzdem – es hilft dir nichts. Nicht das Geringste. Die Kacke dampft – frisch – penetrant - entspannt.
Beschissene Situation… und du lässt alles mit dir machen, wie einst Hiob. Nur diesmal nicht…

Mit deiner siedenden Wut musst du was machen, bevor sie dir den Deckel sprengt, du bist Mensch. Gottlob nur ein Mensch. Am besten nimmst du es konstruktiv. Destruktives gibt es genug in dieser Welt und du willst nicht gleich wegen eines einzigen Tages dem Affekt verfallen, zum Verbrecher werden.
Nur, was tun - fragst du dich in solch überflüssig-zähflüssigen Momenten in deinem Leben, die du weder abschneiden noch abschütteln kannst.

Am folgenden Beispiel mache ich dich mit der Acht-Schritte-Übung vertraut, wie du kreativ deine persönliche Hiobsbotschaft managen kannst. Selbstverständlich auf dein eigenes Risiko, genauso wie zu Hiobs Zeiten. Zwar lässt sich der Archetyp des Hiob damit nicht aus der Welt schaffen, doch du kannst mit dieser Entrückung von amoralischer Zerstörungsenergie ein Gespräch führen, das dir wohltuenden Ausgleich verschaffen wird. Und glaube mir, deine Fantasie wird sich nicht zweimal bitten lassen.

Erster Schritt: Lass die Vorhänge herunter, schließ die Tür. Dein Scheißhandy machst du aus. Deine Beziehung schickst du zuvor in den Ausgang, wenn nötig gibst du ihr einen Fünflieber mit, fürs Glace im Kino.

Zweiter Schritt: Die Kunst der Vorstellung, der Imagination. Lass die äußere Heimsuchung vollständig in dir aufgehen, lade sie zu dir ein, nimm sie bereitwillig in dir auf. Das hat sie eh schon getan… ohne dich jemals gefragt zu haben.
Wende dich konzentriert rückwärts an dein Sein. Die äusseren, unberechenbaren und dunklen Mächte sollen zu deinen inneren Biestern werden. Sie machen dir das Leben zur Hölle, das ist ihre heilige Pflicht, denn sie wollen dir auf die Sprünge helfen. Also spring!
Das ist der Sinn und Zweck von pietätlosem Dreck.

Dritter Schritt: Werde unmoralisch. Lass Dampf ab - so heiß und ungehörig und nachhaltig, so brutal und hemmungslos, dass deine menschliche Wut sublimiert – verdampft, ohne fest und gefährlich geworden zu sein.
Das befreit… und nach getaner Arbeit fühlst du dich wie an diesem verführerischen Morgen, wo deine Welt so verteufelt glücklich schien.
Alles wird leise. Atme tief. Atme ruhig…
Du kommst herunter. Endlich wirst du still. Nein - noch nicht ganz. Der ohrenbetäubende Rasenmäher der beknackten Nachbarin interessiert dich einen Feuchten. Stell dir vor, wie er explodiert… göttlich diese Ruhe!
Und du hast ausnahmsweise Glück; es beginnt zu regnen und du konzentrierst dich jetzt auf den Regen - die äußere Entspannung setzt ein. Tropf… troopff… trooopfff - die Innere wird es ihr gleichtun. Alles eine Frage der Zeit.

Vierter Schritt: Fixiere in diesem Augenblick ein Schwarzes Loch deiner Wahl oder mehrere und meditiere Schwarz in seinem Loch - und ich garantiere dir, es wird nicht lange dauern, bis deine eigene Schwärze aus dem Loch zu fliessen beginnt – zu einem veritablen Film. Gehe jetzt ganz in deine Monster hinein… und WERDE sie selbst…

Fünfter Schritt: Die Kür - mach sie fertig!
Gleißendes Licht… Studioscheinwerfer brennen mir beinahe die Augenbrauen weg… aber ich sitze IHNEN gegenüber, den zwei bedeutendsten Männern der modernen Welt. Da zu meiner Rechten: The one and only - Mr. President, links daneben der weltbekannte Astrophysiker Stephen Hawking.
Nun schaue ich gespannt an mir herunter. Dunkler Sakko, weisses Hemd, die obersten zwei Knöpfe offen… du meine Güte - ich bin Roschee! Meine Arme haben die Gestik im Nu intus, unbeholfen und synchron fuchteln sie schon vor meiner ersten Frage herum:
„Dear Mr.Trump - darf ich Donny sagen?“

„No!“

„Danke Donald. Dear Mr.Hawking, darf ich Stivi sagen?“

„Please Stephen.“

„Okkeeeiii… beginnen wir mit Dir, Don…“

“Trump!“

„Trump - ich sag dir gleich, auf helvetischem Territorium gilt mein Schawi-dubistdu. Ich duze jeden außer Blocher - egal woher er kommt, einerlei ob mit Rang oder Namen, piepegal ob reich oder arm. Ich duze unsere Doris und von selbsternannten Königen sind wir Schweizer noch nie gekrochen.“

Trump: „S c h n a b i? Who is Schnabi?“

„Was! Du weißt nicht, wer „S-C-H-A-W-I…“

Trump: „And who is Doris?“

Schawi: „Das kannst Du googeln…
Zu dir Mr. Stephen. Was bewegt dich persönlich im Leben, in unserer verrückt gewordenen Zeit?

Hawking: „My flying saucer.“

Schawi: „The flying saucers?“

„No! My flying saucer!“

„Deine fliegende Untertasse?“

„Yes.“

Schawi ausnahmsweise für Sekundenbruchteile sprachlos… gibt nicht locker: „Gibt es noch etwas, was dich außerhalb deiner fliegenden Untertasse bewegen kann?“

Hawking hat inzwischen den Sprachroboter auf Deutsch justiert: „Yes… meine Vision einer besseren Welt!“

Schawi: „Eine NOCH bessere Welt - wie sieht die…“

Trump greift ein: „I love to play with tomahawks! It's almost better than Nintendo! How I love my chair... fun, great, ohh!

Schawi: „Halt die Klappe, dich hab ich nicht gefragt!“

Hawking: „Wir müssen schleunigst von hier verschwinden, «ab durch die Mitte».“

Schawi: „Wo siehst du die neue Mitte?“

Hawking: „Da! Draußen im All!“
Mr. Hawking versucht, mit der Hand durch die Studiotüre nach oben zu zeigen, dort wo sich seiner Meinung nach die ungebrauchte Mitte befindet. Er strengt sich sichtlich an, kommt jedoch nicht annähernd zum Ziel. Ich erweiche, helfe nach und nehme seinen Arm, den ich für ihn ausstrecke. Der Arm klemmt. Stivi verzieht das Gesicht nur unmerklich.

Hawking: „Thanks!“

Schawi: „Kannst du ausführlicher werden Mr. Weltall?“

„Of course. Das Leben für uns Menschen auf der Erde wird immer gefährlicher. Denken sie nur an Atomkriege, Antibiotika-Resistenzen, Treibhausgase oder künstliche Intelligenz.“ Mr. Physiker blinzelt verstohlen zu Donald herüber. Der spielt brav und Stivi flüstert mit ausgestreckter Hand, die von der anvisierten Mitte unfreiwillig abgekommen, direkt auf den googelnden Trump zeigt: „Und zwei linke Hirnhälften auf einmal – getarnt unter einem comb over. Alles das wird sich gegen uns wenden!“, kichert Hawking und fährt fort: „Schauen sie sich nur die beängstigenden Weltuntergangsfilme in den Kinos an. Oder denken sie an die 3D-Drucker, die von ihnen in Minuten eine Kopie anfertigen, die nicht mal ihre Frau auf Anhieb vom Original unterscheiden könnte.“

„Mann das wäre toll - da könnte ich endlich mit mir selbst ein Interview führen!“, platzt Schawi heraus.

„Yes sure - aber stellen sie sich einmal vor; wir Menschen sind nichts als Partikel der Natur. Dass wir überhaupt so weit gekommen sind, ist ein Trum… sorry, Triumph für die Menschheit!“

„I can't find Doris“, mischt sich der gekämmte Ami ins Gespräch ein. „Who is Doris - should I know her?“

„Nein, nein, es reicht, wenn du MICH kennst. Du solltest jetzt nach Schawi googeln.“

„Die Katastrophe steht bevor“, ereifert sich Stephen, gerät in eigenartige Schräglage und redet sich in Schaum: „Wir dürfen uns nicht ausruhen. Das Ende ist im Anflug. Nur ein neu entdeckter Planet, auf dem Leben möglich ist, kann die Existenz der Menschheit retten.“ Speichel läuft ihm aus dem Mund, er schäumt wie eine Zikade auf Wiesenschaumkraut. Aber auch das hält ihn vor nichts zurück.
„Wir müssen schnellst möglich einen neuen Planeten entdecken, wir haben höchstens noch 1000 Jahre Zeit und keine Zukunft, wenn wir nicht das Weltall erkunden. Wir müssen unseren fragilen Planeten verlassen, je schneller je besser… nein sofort!“

„What – nain – sovvort!“, äfft Donny nach.
Der hat kurz aufgeschaut um das Bild auf seinem Smartphone mit Roschee zu vergleichen. Sein hochentwickeltes Multitasking erlaubt ihm gleichzeitig, einen Nebensatz mit zwei Wörtern aufzuschnappen, synchron zu Atmen und ein unangenehmes Drücken in der Blase wahrzunehmen. Dazu stöhnt er leicht. Aber das sind mitgezählt schon fünf Dinge auf einmal – Donnerwetter, Rekord für Donald - bravo! Ihm ist der Orden samt militärischem Begräbnis auf dem Heldenfriedhof von Arlington sicher.

„Oh my God - I've found Doris - isn't she nice - where can I find her?“

„Ich habe sie aus einem Meter Entfernung gesehen… da wo du jetzt sitzt, sie ist über Fünfzig!“ sage ich.

“Oh nooo - that's absolutely impossible!” 

„Gebt nicht auf“ ruft der fliegende Stivi aufgebracht von seiner Untertasse herab. Er macht eine Pirouette, um die Dringlichkeit seiner Botschaft elektronisch zu untermauern. Der ausgestreckte Arm fliegt wie ein loser Propeller herum. Er stoppt abrupt und brüllt: „Denkt immer daran, blickt hinauf zu den Sternen und nicht hinunter zu den Füssen.“

Der oberste Twitterer gafft erschrocken auf seinen rechten Schuh und packt das Taschentuch mit dem Aufdruck „America first - blowing his nose“, das ihm sein Bodyguard hinter seinem Rücken hervorgezaubert hat. Donny bückt sich runter, wischt damit über seinen anderen rechten Schuh, schnäuzt ins Böögen-Tuch und drückt es seinem bewaffneten Taschentuchdispenser in die Hand.

„Wir dürfen uns nicht ausruhen, niemals!
Niemals - sonst gehen wir unter…“

„Mr. Hawking - you can't see your own shoes!“, grinst Trump verächtlich.

Stivi läuft kommunistisch-rot an. „Du hast keine Ahnung von Tuten und Blasen. Verstehst du überhaupt, wovon ich spreche?“

„No - I'm American - I'm stu…“

„Lieber Stivi, noch eine letzte Frage an dich: Weshalb sollten wir auf deinem jungfräulichen Planeten irgendetwas besser machen als hier?“ Der fantastische Physiker schaut mich entgeistert an. Diesem erdhaften Gedanken hat er sich anscheinend bis jetzt noch nie einer Antwort schuldig gemacht. Verlegen dreht er den Kopf zukunftsgläubig zu Donny hin und ich entdecke mit blankem Entsetzen eine Prägung an seinem rasierten Nacken: „VLADIPut's-BEST-3D“.

Meine Arme sinken nieder, die Hände zittern, ich schwitze. Mir wird endlich alles klar, Angstschweiß rinnt mir in die Augen, meine bebende Hand greift nach hinten ins eigene Genick. Gott sei Dank – kein Stempel zu ertasten!
Ich sitze hier unter 3D Varianten im Entwicklungsstadium. Da warte ich lieber auf das Erzeugnis der zukünftigen
4D-Drucker und beantworte mir die unzähligen Fragen menschlicher Abgründe und die von Hiob bis auf weiteres selbst.

Sechster Schritt: Langsam zu einem Ende kommen, danke sagen und aus der Finsternis auftauchen ins hier und jetzt.
“Many thanks to you, my dear gentlemen. Ihr alle habt mir sehr geholfen an diesem üblen Tag.“

Du wachst langsam auf… öffnest die Augen… da ruft dir einer nach, aus dem tiefen schwarzen Loch: „Where is my comb?“

Siebter Schritt: Nicht umdrehen und keine Antworten auf dämliche Fragen geben.

Achter Schritt: Die persönliche Aufgabe. Was lernst du aus deiner individuellen Geschichte des Bösen? Nichts? Dann fang von vorne an… aber behalte sie für dich.

©Martin M. Hänni


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