Freitag, 12. Mai 2017

14. Der Grabsteinreiniger



„Grüezi. Sind Sie fündig geworden?“, sagte meine Kollegin an der Kasse.

„Ja, super Schnäppchen gefunden. Eigentlich hab ich ein Totenlicht gesucht“, erklärte der Geschniegelte im Anzug und Krawatte, streckte ihr die Sprühflasche ins Gesicht, und warf einen Zweifränkler achtlos aufs Kassenband. Der rollte davon und fiel der Kassiererin auf die Füße, worauf sie sich bücken musste. Sie ließ sich nichts anmerken, tauchte wieder auf, nahm die Flasche entgegen, um die Preisetikette zu entziffern. Beim lateinischen Kreuz auf der Flasche blieb sie hängen: Saubere Sache – Grabsteinreiniger“, las sie vor und sagte: „Ich wusste nicht, dass es für Grabsteine ein spezielles Reinigungsmittel gibt.“ 
Quelle Microsoft Word 10
 „Gott sei dank gibt es den. Ist halt ein riesiger Stein, das Familiengrab meiner Familie, und diese Arbeit erst. Einsprühen, einwirken lassen, bürsten und spülen, je nach Verschmutzungsgrad mehrfach im Jahr. Ein Saukrampf!“

„Sie kennen sich scheinbar aus. Haben sie schon mal nachgesehen, was da in diesem Reiniger alles drin ist?“

„Nein, was denn?“

„Sodium-Diethylenetriamine-Pentamethylene-Phosphonate zum Beispiel“, was sie fehlerfrei vorlas. „Oder Sodium-Hypochlorite! Das klingt reizend - für Augen, Haut und Atemwege …“

„Na und, ist mir doch schnurz-egal, meine Familie ist tot!“,sagte er, wobei er die lange Haarsträhne, die ihm ins Gesicht gefallen war, ärgerlich zurückwarf. „Sie können sich nicht vorstellen, wie unser Denkmal mit Taubendreck vollgeschissen ist, wegen dem lästigen Baum dahinter.“
„Die Taube gilt im Christentum als Heiliger Geist und ist sie nicht auch ein wunderbares Symbol des Friedens, an Ihrem Familiengrab?“
„Taubenkacke soll heilig und friedlich sein? Die ist noch lange nicht alles! Im Sommer regnet's klebriges Zeug vom Baum herunter!“
„Mögen Sie keinen Waldhonig?“
„Waldhonig, was soll der jetzt damit zu tun haben?“
„Das Klebrige ist von den Blattläusen im Baum und, wie Sie wissen, besteht Waldhonig aus den Ausscheidungen der Läuse, dem Honigtau, welche die Bienen sammeln.“
„Nein? Ist ja ekelhaft – Lausscheiße fressen … und in der feuchten Jahreszeit erst! Können Sie sich vorstellen, wie ein Luxusstein mit grünem Algenpelz aussieht? Mein Urgroßvater würde sich im Grab umdrehen!“
„Der ist tot und interessiert sich wohl kaum mehr für Algen auf weissem Marmor. Grabsteine sind, wie jeder weiß, für die Angehörigen und nicht für die Toten, und Sie sind es, dem diese harmlosen Luftalgen missfallen, nicht Ihrem Urgroßvater. Andererseits verstehe ich, dass Sie damit Ihre Familie und Ihr Andenken ehren und bewahren wollen. Aber stellen Sie sich nur einmal vor: Alle Algenarten zusammengerechnet - machen die größte lebende Biomasse der Erde aus. Und ohne Algen wären wir - Sie und ich - längst tot, denn sie bedeuten nichts anderes als Leben. Ihre Grabstätte lebt dank der Algen, dem Baum und der Tauben - was Sie lieblos und ohne jegliche Differenzierung abwertend «Dreck» nennen.“
„Na-na-na, jetzt werden Sie frech, das geht Sie doch überhaupt nichts an!“
„Und ob mich das was angeht! Glauben Sie im Ernst, wir lebten in zwei getrennten Welten, die nichts miteinander zu tun hätten? Für Lebewesen ist das hier - reines Gift - was Sie da unbedacht auf Ihren Stein schmieren! Wollen Sie wirklich das einzig biologisch Lebendige am Grab Ihrer eigenen Wurzeln vernichten?“
„Sie übertreiben maßlos. Sind Sie eine Esotante? Blitzblank liegt uns nunmal im Blut. Mein Urgroßvater war Industrieller. Wir produzieren seit Generationen Reinigungsmittel, aber leider keinen Grabsteinreiniger, denn hätte ich sonst im Ankauf … fast so günstig wie bei Euch im Brocki.“
„Das heißt, Ihnen geht es simpel gesagt, nicht ums perfekte Weiss, sondern viel mehr um den Dumpingpreis?“
„Nein, das ist eine Unterstellung! Es geht um die Ehre meiner Ahnen und die lasse ich mir nicht vollkacken von Läusen und Federvieh und auch nicht von der größten Biomasse. Und am allerwenigsten von Ihnen!“
„3.50 bitte. Sie haben mir erst zwei Franken hingeworfen!“
„Mehr ist die angefangene Flasche auch nicht wert!“
„Den Preis machen wir, nicht Sie.“
„Machen Sie mal eine Ausnahme. Morgen ist Totensonntag.“

©Martin M. Hänni





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