Montag, 22. Mai 2017

15. Die Gämse


            
„Gute Wahl“, sagte ich zu ihm an der Kasse, nachdem er das Fell aufs Kassenband gelegt hatte. Sein flüchtiger Blick streifte mich nur kurz, dann zückte er das Portemonnaie.

„Du bist sicher ein Jäger?“, fragte ich, weil mich der Bursche an mich erinnerte, im Wissen, dass im Menschen von Anfang an das angelegt ist, was im Leben nach Realisierung drängt.

„Nein nein!“, sagte er. Und ich hätte wetten können, eine Jägerseele vor mir zu haben, dachte ich, auch wenn ich den Jungen erst auf dreizehn oder vierzehn Jahre schätzte.
Er kommt regelmäßig bei uns vorbei, was für sein Alter in einem Brocki ungewöhnlich ist. Er kaufte ausgestopfte Tiere, Felle oder andere Dinge, die mit der Jagd, Abenteuer oder Mutter Natur zu tun haben. Und ein Teil dieses Zaubers der in den Dingen wohnt, ist geblieben – und bleibt. Davon wollte ich ihm etwas erzählen.
Quelle Microsoft Word 10
„Weißt du, von welchem Tier dieses Fell ist?“

Er schüttelte den Kopf.

„Ein wunderbares Gämsfell und wie neu. Ich bin mir sicher, du wirst ihm einen würdigen Platz schenken?“

„Ja.“

„Warst Du schon mal auf der Jagd?“, fragte ich, weil außer seinem Vater gerade niemand ein intimes Gespräch störte, was er erneut verneinte.
„Dann stell Dir vor: Noch vor Tagesanbruch hättest Du die Jagdhütte verlassen, mit umgehängter Büchse, Rucksack und mit Feldstecher. Im Morgengrauen wärst Du den steilen Berg aufgestiegen.
Stille, absolute Ruhe würde Dich einhüllen, kein Vogel wäre zu hören, nur Dein eigenes Keuchen und das Klopfen in der Brust. Und der nasse, verschwitzte Rücken, an dem das Hemd und der Rucksack kleben, zeigen Dir die körperliche Anstrengung der Pirsch im Gebirge an. Du steigst höher und höher. Die Sonne wirft ihre ersten Strahlen über die Krete, hinüber zum Steilhang, unterhalb des Felsbandes, dort wo Du am Vortag eine Gruppe Gämsen ausgemacht hattest. Und ihn. Der alte Gämsbock ist Dein Ziel.
Du kletterst die Runse hinauf, hinter den Resten einer verkrüppelten Bergföhre hältst Du inne. Sie ist Deine letzte Deckung vor dem offenen Gelände. Jetzt spähst Du durchs Fernglas. Da steht er ruhig und äst breitseits, in den rötlichen Strahlen der Morgensonne und zupft an den Bergkräutern des schwindenden Sommers.

Das Jagdfieber packt Dich endgültig, Dein Herz schlägt vor Aufregung und nicht wegen der Anstrengung des Aufstiegs. Deine Hände zittern leicht, werden feucht.
Zu weit für einen sicheren Schuss. Du gehst runter auf die Knie und schleichst, robbst sachte gegen den Wind, an die Gämsen heran, bis zur Grasnarbe vor Dir. Dann legst Du Dich bäuchlings ins taunasse Gras. Den Rucksack schiebst Du lautlos vor Dich hin, bettest vorsichtig das Gewehr darauf, und schlägst es an. Du zielst mitten in sein Leben.
Du entsicherst das Gewehr, atmest achtsam, wirst ruhiger und wartest, bis er sein Haupt hebt, um die Umgebung zu sichern …
Es kracht … Diana - Göttin der Jagd, trägt Dein Geschoss zu ihm hin und der Donnerschlag hallt zurück zu Dir.
Du bist Jäger - ein Tier unter Tieren, wie es der Mensch seit Jahrtausenden lebt - und Du jagst nicht, weil Dir das Töten Spass macht. Du tötest, um gejagt zu haben, und den Jäger in Dir zu erleben und zu verwirklichen. Und irgendwann wirst du wissen, ob in Dir ein echtes und leidenschaftliches Jägerherz schlägt, das mit den Urzeiten der Menschheit verbunden ist!“

Nachdem ich ihn mit dem Akt der Jagd vertraut gemacht hatte, suchte ich nach der Preisetikette und drehte dazu die Tierhaut auf die Haarseite: „Hast Du diese beiden Nähte im Leder gesehen?“, fragte ich. Er musste wissen, woher sie kamen - fand ich - auch wenn er vielleicht nie ein richtiger Jäger sein würde, weil er womöglich keiner war.
Mit dem Finger zeigte ich auf die kurze Naht im Leder: „Schau - hier auf der Höhe der Kammer – dem Herzen des Wildes - wie der Weidmann sagt, ging die Kugel rein, das ist der Einschuss und da gegenüber, ging sie wieder raus, was man anhand der längeren Naht - dem Ausschuss, gut sehen kann.“

Nun sahen sie mich erstaunt an. Daran hatten die Beiden nicht gedacht, aber ohne Blut, kommt niemand zu einer Gämsdecke.

©Martin M. Hänni

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