Freitag, 2. Juni 2017

16. Ein Schweizer - zu Gast bei Freunden



„Und - hat sich das rote Brockenhaus Köfferchen in deinen Ferien bewährt?“, wollte ich von einem unserer Stammkunden wissen. Da bemerkte ich sein blutrotes Auge: „Und was ist mit deinem Auge passiert?“

„Die Ferientage waren ausgesprochen schön“, erwiderte er.

„Das freut mich, … aber dein Auge, hast du dir das in den Ferien geholt und der Koffer?“, hakte ich nach.

„Für die fünf Stutz die der Koffer gekostet hat, kann ich bei euch wohl kaum eine Reklamation anbringen. Aber keine Sorge, ich mache das Brocki nicht für Geister in der Materie verantwortlich.“

„Das klingt nicht begeistert“, gab ich zurück. „Setz dich hin und erzähl davon, wenn du magst; ich lass dir in der Zwischenzeit einen Kaffee raus.“



Quelle: Microsoft Word 10



Der Kunde ließ sich nicht zweimal von mir bitten …
„Ich war eben gelandet und ging auf die Zöllner zu und das Erste, was ich an meinem Ferienziel vernahm war: Gehen Sie da rüber!
Ich folgte dem steifen Zeigefinger der Grenzbeamtin. Die andere Hand, hatte sie lässig auf ihrer Pistole abgestützt, die im Holster steckte. Neben ihr stand ein zweiter Schugger mit dem Adler auf dem Ärmel, Bürstenschnitt mit zusammengepressten Lippen.
Mann – wie doof bist du?, sagte ich zu mir. Wie kannst du nur mit einem knallroten, altmodischen Handkoffer durch die Welt fliegen? Auffälliger geht’s doch gar nicht. Das musste schief gehen, mit einem antiquierten Köfferchen aus den 80igern!
Schon vorhin, als ich am Kofferband Daumen drehte, fiel mir eine Besonderheit auf, die mir erst jetzt im direkten Vergleich zwischen meinem und heutigen Gepäckstücken ins Auge stach: Die Reisekoffer von heute sind schwarz, dunkelgrau oder dunkelblau. Aber doch nicht so wie der hier vom Brocki! Rot wie Marylins Lippen. Eine Schnapsidee. Das wirkt heutzutage wie aggressive Mimikry: Leuchtrot – signalrot - knallrot! Da muss eine Bombe drin sein oder zumindest Schmugglerware. Das sieht man schon von weitem, auch ohne Zöllnerblick.

Unter den vier Falkenaugen wechselte ich rüber zum Röntgenautomaten. Ein dritter Beamter stand arbeitslos daneben und setzte sich gelangweilt hinter den Bildschirm. Mein Köfferchen nahm Fahrt auf und verschwand hinter dem Vorhang aus schwarzen Gummilappen. Der Zöllner bekam Stielaugen, das Band stoppte abrupt.

Was haben Sie da drin?, wollte er von mir wissen.

Wösch, äh Kleider und so …

Und was ist das Runde da drin?

Was? Wieä! Rund?
Vielleiccht Schuhe … icch hab keine Ahnig!, stotterte ich überrascht.

Der Staatsdiener dreht den Bildschirm zu mir hin: Das da! Was ist das?

Damit ich ihm und meinem unbekannten Ding folgen konnte, half er mit dem Kugelschreiber nach, zeigte fordernd auf die schwarze, undefinierbare Scheibe und ließ den Stift wie Trommelwirbel auf dem Bildschirm klappern.

Tatsäccchliccch. Eigenartig. Das isch rund, ründer geht’s niccht. Icch habe wirklicch keinen blassen Schimmer, was das sein chönnte! Und dabei dachte ich insgeheim: Mein elendes Hochdeutsch ist verräterisch, jetzt kann die Kavallerie alles mit dem schweizerischen Indianer machen …

Machen Sie auf, befahl er.

Ein innerer Redeschwall ergoss sich in mein Denkzentrum: Verflixt nochmal, was kann da drin nur rund sein, ich habe nichts Rundes eingepackt. Tellerminen sind rund, das weiss ich vom Militär … pass auf mit deinen Gedanken, mach jetzt keine blöden Witze oder Andeutungen. Die Deutschen lassen sonst die GSG9 von der Kette. Meine Gedankengänge interessierten die Mitreisenden nicht. Sie strömten scharenweise an mir vorbei. Ich war der Einzige, der den Beamten die Wäsche zeigen musste und komische Frage gestellt bekam.
Ich öffnete die beiden roten Gurte an meinem neu erstandenen Köfferchen, stecke das winzige Schlüsselchen ins rechte Schlösschen und drehte. Ich drehte ein weiteres Mal. Nochmal … und nochmal …
Das Schloss streikte und es schien, urplötzlich dem ewigen Umgang verfallen zu sein. Das gibt’s doch nicht! Das entspannende Ausklinken des Verriegelungsbleches wollte nicht kommen. Ich übte weiter und wurde langsam aber sicher wütend auf mein Brocki-Schnäppchen.
Der Zöllner mit den Röntgenaugen hatte sich vom Stuhl erhoben und schaute mir interessiert zu. Da hatte er am Abend im Spunten was zu erzählen: Ein Schweizer der in die Ferien überwechseln und mental herunterfahren wollte, wurde stattdessen nervös und versuchte, die Ruhe zu bewahren und mit Schweizer Präzision gfätärläte er weiter an seinem Koffer herum, weil er selbst nicht wusste, was er transportierte! Hahaha … komisch diese Schweizer …

Auch die letzten Gäste meines Fluges zogen munter an mir vorbei und ich wusste - der Erste wird heute der Letzte sein. Ich wandte mich erfolglos und genervt vom ersten Schlösschen ab und schenkte meine Aufmerksamkeit dem anderen. Es konnte nur besser werden, so viel war sicher.

Herrgottsackrament!
Das Scheissrechteschloss ging auch nicht auf! Ich kochte, brodelte und ich siedete.
Das gabs doch nicht. Zuhause funktionierten die Verschlüsse tadellos. Und jetzt spukten sie im Duett, welche Blamage und schon sprang mein Hochofen an und wurde heiß. Hätte ich mein Messer gehabt, hätte ich kurzen Prozess gemacht und dem Koffer die Signalhaut abgezogen, um an das verfluchte, unbekannte runde Ding zu kommen. Stinksauer übte ich weiter und meine Finger wurden endgültig grobmotorisch. Adrenalin schoss in meine Oberarme, gleich würde ich ausrasten und ihm die rote Haut, mit baren Händen herunterreißen …
Bleib ruhig, atme langsam und tief in den Bauch, fiel mir zum Glück ein … zähl auf zehn – eins – zwei – drei … früher oder später wird die Erlösung kommen. Todsicher. So war es noch immer. Ein letzter Funke Hoffnung glimmte auf.
Da! Das rechte Schlösschen sprang auf. Ich jubelte innerlich.
Nach diesem längst fälligen Erfolgsmoment nahm ich mir die linke Blechmechanik vor.
Die coole Polizistin und ihr Kumpane hatten sich zu mir gesellt. Statt dass sie mich in meiner Notlage unterstützt hätten – oder mir angeboten hätten, selbst Hand anzulegen, gafften sie wie die Zöllner.

Na warte, zu Hause kommst du dran, du Scheißkoffer. Wieso lässt du mich in der Fremde im Stich! Hab ich dir was getan?

Keine Reaktion des Schlosses. Jetzt platzte mir endgültig der Kragen: Huärägopfvertammisieäch!

Die Nordischen in Grün staunten über meinen helvetischen Fluch, den sie verstanden, obwohl sie ihn nicht verstehen konnten und das Schlösschen sprang synchron auf. Manchmal versetzt ein wüster Fluch Berge.

Ich hob den Kofferdeckel an und schob die zusammengelegte Jacke beiseite. Da in der linken, vorderen Ecke sass der unbekannte Übeltäter lustig zwischen Socken und Unterhosen … und ich fasste mir an die Stirn: Ahjaklar – wie blöd - das ist die Bündner Nusstorte für Knut - die ist rund - aber eckig verpackt! Nur ein Geschenk!

Den quadratischen Karton mit der runden Torte, streckte ich demonstrativ den Uniformierten zu, sodass sie sich vom gluschtigen, kreisrunden Bild auf der Verpackung selbst überzeugen konnten. Die Ordnungshüter kicherten, wollten jedoch keine Kostprobe davon haben.
Schnell packte ich mein Zeug wieder ein, die Schlösschen ließ ich offen, für alle Fälle.

Ich trat hinaus in die Empfangshalle. Sie war menschenleer, außer Knut, mein alter teutonischer Freund. Er stand da, linste durch die Brillengläser und meinte sichtlich erleichtert: Dachte schon, du kommst nicht mehr!

Deine Tuorta da nuschs musst du diesmal mit Verstand genießen - die hat's in sich, sagte ich und die paar Ferientage verliefen ab hier fast ohne weitere Komplikationen.“

„Und dein Auge?“, was ist damit.

„Wie ich mir am Abend den Roten in aller Ruhe vorknöpfen wollte, sprang mir die Feder des linken Schlösschens ins Auge!“

©Martin M.Hänni 2017

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