Montag, 12. Juni 2017

17. Die Räumung




Es war morgens um acht, meine zweite Arbeitswoche und meine allererste Räumung als Brockenstuben Mitarbeiter.
Ich fuhr in östlicher Richtung dem Himmel entgegen, der in ungeduldigem Blau strahlte. Neben mir sass mein Vorgesetzter, der Betriebsleiter. Angekommen parkierte ich den Lieferwagen.
Mit Werkzeugkoffer und Kartonkisten gingen wir den asphaltierten Weg hinunter, über mehrere Absätze und Betonstufen zum untersten und entferntesten Eingang des verlebten Wohnblocks. Schmuddelig, mit seinen abgeplatzten Stellen am Putz stand er da. Innere Bilder und Gedanken kamen in mir hoch.
Ich verscheuchte sie, weil sie mich an neuen Erfahrungen hindern. Trotzdem ahnte ich Schwerarbeit, die jetzt allerdings ein verlässlicher Wert war.
Quelle: Microsoft Word 10



Mein Chef drehte den Wohnungsschlüssel und wir traten ein.
Es sah für mich aus, als wären die Bewohner nur rasch einkaufen gegangen, und würden jeden Moment zurückkommen. In der Garderobe hingen ihre Jacken, darunter standen ihre Schuhe und ich wusste: Der Mann war gestorben und seine Frau war kürzlich ins Pflegeheim gebracht worden. Die letzte materielle Angelegenheit ihres Lebens wurde von einem Treuhänder erledig, und von uns.
Das Ehepaar schaute auf mich herunter, aus den gerahmten Fotos im Flur, die den Fremden begrüßten. Mein erster Eindruck blieb hartnäckig bestehen: Die beiden Menschen waren hier in ihrer Wohnung irgendwie am Weiterleben - wie auch immer sie das anstellten …
Der Kühlschrank war halb voll mit Süßgetränken und angebrochenen Lebensmitteln. Im Spiegelschrank lagen die geöffneten Medikamente in Schächtelchen und Blistern und darunter stand ein Schluck Wasser in einem schmutzigen Glas. Auf dem Rasierapparat klebten Bartstoppeln, und auf der Innenseite der Schlafzimmertür hing ein weisses Blatt Papier, und ich konnte nicht anders und las: Ich liebe Dich.

Mein Vorgesetzter legte los. Keine Zeit um allfälligen Gefühlen, oder aufkeimenden Emotionen ihren Platz zu lassen. Seine Aufmerksamkeit lag einzig und allein beim Inventar der Wohnung und er zeigte mir geschäftig vor, wie man beim Brocki solche Aufträge zu erledigen hatte: Man verschafft sich als Erstes einen allgemeinen Überblick des Materials in allen Räumen, des Kellerabteils oder Estrichs. In erster Linie geht es darum, sich zuerst ausschließlich auf das Brauchbare zu konzentrieren. Das ist das Geschäft. Erst in einem zweiten Schritt kam die grobe Arbeit des Räumens und Entsorgens an die Reihe.
Mit geübtem Blick beurteilte er dutzende Gegenstände: Kästen, Tische, Sofas und Sessel, Schemel, Kommoden, das Bett, Gestelle, Bücher, Korpusse, diverse Lampen, das Bügelbrett und eine Unmenge kleinerer Dinge, die überall auf den Ablageflächen herumstanden. Kurz gesagt – es sah aus wie in jeder anderen Schweizer Wohnung und im Grunde genommen, wie bei mir zu Hause auch.
„Das da können wir gebrauchen und das hier nicht!“, war sein knappes Urteil. Gebrauchen hieß: Wir würden es im Brocki verkaufen können und nicht gebrauchen bedeutete: Es war für unsere Maßstäbe nichts als Abfall, und das war eine Menge.

Er rüttelte an Stühlen und am Esstisch, um sicher zu gehen, ob sie stabil und funktional waren, öffnete Kleiderschränke der Textilien wegen - um gleichzeitig ihre Bauart zu prüfen, das Schminkkästchen, die Wohnwand mit den Spirituosen und die Einbauschränke samt dem Putzkasten. Er begutachtete die vergilbten Vorhänge, das Geschirr in der Küche war verbraucht, die Gläser wolkig. Müll.
Ein flüchtiger Blick auf die Haushaltsgeräte aus den Achtzigern und auf die Kaffeemaschine mit dem verschütteten Kaffeepulver. Nur noch Elektroschrott.
Im Wohnzimmer stand der alte Röhrenfernseher - und einem Kommentar gleich, griff er nach dem Staubsauger, der daneben stand, steckte den Stecker in die Dose und liess ihn laut aufheulen. Beides auf die Halde. Auch das Optische, Ästhetische, Stil, Farben und Oberflächenbeschaffenheit sind entscheidend, ob ein Ding verkäuflich ist oder nicht. Das hinterste und letzte Objekt musste begutachtet und eingeschätzt, jedes Möbel komplett geleert und restlos alles aus der Wohnung entfernt werden.

Als die wenigen wiederverwertbaren Möbel eingeladen waren, machten wir uns hinter die kleinen brauchbaren Gegenstände her. Jeder Schrank und jede Schublade war randvoll und mit unterschiedlichster Ware gefüllt. Es schien mir, als hätte Niemand vor uns einen Augenschein davon genommen, um mögliche wertvolle oder persönliche Gegenstände wegzuschaffen. Da mussten Angehörige und Freunde fehlen.
So wühlte ich nach Lohnendem und Nippsachen hinter Türchen und Klappen der riesigen Wohnwand, die ebenso das Los des Feuers gezogen hatte. Eine Sache nach der anderen ging durch meine Finger und ich musste mich zusammenreißen, nicht jedes Souvenir zahlloser Reisen, nicht jeden Papierstapel und jede Kunststoffmappe genauer anzusehen. Das kostete nur Zeit, die nichts brachte. Ein zackiges JA – hinein in die Bananenkiste, ein abwertendes NEIN - marsch in den 110 Liter Abfallsack! Das waren die einzigen Fragen, die mich bei dieser Arbeit interessieren sollten. So einfach sollte das sein?
Plötzlich hielt ich privateste Dokumente, darunter das Testament in den Händen und wurde stutzig. Bräuchte man das nicht mehr?
„Nein!“
„Wirklich nicht?“
„Nein! Der Treuhänder war bereits da.“
Danach kam mir das handgeschriebene Kochbuch der Ehefrau unter die Augen. Fein säuberlich hatte sie über all die Jahrzehnte ihre Rezepte hineingeschrieben … und ich war der, der es fortwerfen musste!
Ordner mit Belegen, Rechnungen und Bankauszügen schmiss ich ebenso in den schwarzen Sack und versuchte krampfhaft, mir den Kopf frei zuhalten. Aber der gehorchte mir nicht mehr.
Nichts davon ging mich nur im geringsten etwas an und das sollte gleichzeitig auch mein mentaler Schutzschild vor störenden Emotionen bedeuten. Dann öffnete ich eine Schatulle mit billigem Modeschmuck und so ging das weiter und weiter.
Und dennoch.
Es war höchst intim und sehr unangenehm, wildfremde Dinge - wildfremder Menschen - in einer wildfremden Wohnung zu durchsuchen und nur nach ihren materiellen Werten zu messen. „Wenn das ein Fremder in meiner Wohnung tun würde, der nicht die geringste Beziehung, nicht die kleinste Ahnung, ja – keinen blassen Schimmer von mir als Mensch haben würde!“ Und ich ertappte mich dabei, wie es mich plötzlich beschämte: „Wie kannst du so etwas machen, bei Leuten die du nicht kennst und deren Namen du von der Hausglocke ablesen musst! War ich überhaupt fähig, eine solche Arbeit langfristig leisten zu können: Daumen hoch oder Daumen runter, wie einst im Kolosseum von Rom?

Ich musste innehalten: „Mir kommt das alles seltsam und intim vor, so in fremden Sachen zu wühlen“, sagte ich zum Vorgesetzten, der sich an einem Knüpfteppich zu schaffen machte. Der schaute auf den Orientalen, als er antwortete: „Das ist nur die hundert ersten Male so - das vergeht!“, und hievte die gebundene Rolle auf seine Schulter.

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, dachte ich und machte weiter meinen unbehaglichen Job.
Das Ehebett nahm er auseinander, auf die grobe Tour. Es knackte und splitterte, so ging das viel flotter als eingerostete Schrauben zu lösen, meinte er fachkundig. Die Wohnwand hatte dieselbe Bestimmung - ich war ihr Zerstörer und anderen Möbeln erging es genauso. Spätestens jetzt verwandelten sie sich unter unseren vier Händen zu Müll.
Am nächsten Tag füllten wir den Lieferwagen bis unters Dach mit Entsorgungsgut und ich spedierte die schwere Ladung zum Kehricht Annahmezentrum.
Rückwärts fuhr ich zum letzten Akt an den meterhohen Berg von Sperrgut und Abfallsäcken heran, die wirr durcheinander aufgetürmt waren.
Dann warf ich Stück für Stück und Sack für Sack dieser zwei Menschen auf den gewaltigen Haufen Zivilisation – und fühlte mich endgültig schlecht.
Als ich die Hälfte des Inventars weggeschmissen hatte, stockte ich plötzlich. Ein Reflex drängte mich, hinter mich zu sehen. Mir war klar, da konnte nicht wirklich sein, was ich wahrnahm: Die Eheleute standen rechts hinter mir und schauten zu, wie ich die Dinge ihres Lebens fortwarf! Das jetzt, tat weh!

Meinem Chef habe ich das später nicht erzählt und meine Befürchtung, bei jeder weiteren Räumung Gewissensbisse zu bekommen, hat sich zum Glück nicht bewahrheitet.
Die zahlreichen mir unbekannten Menschen, denen ich Teile ihres sichtbar gewordenen Lebens aus ihren Häusern und Wohnungen auf den Müll geworfen habe, sah ich nie wieder hinter mir stehen und mir dabei zusehen.  
Aber eines ist auch nach dutzenden von Räumungen und nach geschätzten hundert Tonnen Entsorgungsgut geblieben … dann nämlich, wenn das vergangene Leben der Menschen auf den meterhohen Haufen kracht und wimmert … Es sind die Dinge, die uns versichern, dass wir ein Leben haben.

©Martin M. Hänni 2017

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