Mittwoch, 21. Juni 2017

18. Französische Küche



Ich griff in die volle Papiertasche an der Ecke bei der Warenannahme und nahm ein paar Bücher heraus. Da stand: Die Französische Landhausküche, dann folgte Das Pariser Kochbuch, darunter lag Vive la France! gefolgt von Kochen à la Liberté und Schnecken auf Französisch. Es ging mit Raffiniert und schnell auf Französisch weiter, und ich schaute erwartungsvoll auf die Wanduhr über mir und war glücklich, denn es würde nicht mehr lange dauern. 
Quelle: Microsoft Word 10
 Als ich schliesslich Atlantische Spezialitäten von La Rochelle in den Händen hielt, konnte ich es mir nicht verkneifen, ausgiebig darin zu blättern … und so schweifte ich mit knurrendem Magen vollends ab, in längst vergangene Tage …
                                
Ich war 23 und schöpfte …
Zehn Minuten zuvor war ich von Wind und Meer - hundemüde die Avenue des Cordeliers bis zur Bierkneipe „Calao“ mit der weiss getünchten Fassade hoch gekommen. Ein paar Schritte weiter, bei der Hausnummer 37, klopfte ich kräftig an und drückte die Türklinke. Ohne auf eine Antwort zu warten, trat ich ein. „Bonsoir“ sagte ich laut.
Ein deftiger, unbekannter Duft stieg aufdringlich in meine Nase, als ich mich die Treppe neben der Küche emporhievte. Im ersten Stock befand sich mein Zimmer und ich machte mich ordentlich frisch, bevor das Ritual beginnen sollte.

Der Sonntagabend war in diesem fremden Haus eine kulturelle wie soziale Verpflichtung. Als ausländischer Student durfte man diesem Brauch nur aus triftigem Grund fern bleiben.
Ich kam die Treppe herunter in die schummrige Stube, wo der gedeckte Esstisch hell erleuchtet auf die Hungrigen wartete.
Wie jeden Sonntagabend hatte meine Gastmutter ein frisches, weißes Tuch über den Eichentisch gelegt. Genauso frisch und fein gebügelt waren die blendend weißen Stoffservietten. Das war ihr Kultus, die vergangene Woche kulinarisch abzuschließen, und gleichzeitig die kommende mit einem Festschmaus einzuläuten.

Mein Gastvater saß bereits da, sah mich an, nickte unmerklich und zwinkerte mir zu. Ich zog meinen schweren Stuhl zurecht und setzte mich. Da bemerkte ich ein verstohlenes Zucken in seinen Mundwinkeln und ein aussergewöhnliches Glänzen in seinen Augen. Wollte er mich erneut in ein Geheimnis über das sexuelle Leben von sechzigjährigen Französinnen einweihen? Meine Hände strichen verlegen über die Oberschenkel meiner frischgewaschenen Jeans.
In dem Moment kam sie – Madame Andreu – anstolziert, mit dem kolossalen Tablett.
Mon Dieu!“… wollte ich ausrufen, ER aber blieb mir im Hals stecken, dabei reagierte ich panisch und um der akuten Erstickungsgefahr zu entgehen, löschte ich meine Misere mit einem heftigen Schluck des Rotweins, ohne zuvor wie üblich angestossen zu haben.

Von meiner Gastfamilie war ich mir inzwischen einiges gewohnt und hatte schon minime Bedenken verspürt bei Scholle mit ihren Innereien, Wildente - die eine Woche lang (!?) - vor dem Küchenfenster gehangen hatte, oder Vorspeise - bestehend aus einem „Mont Blanc von Froschschenkeln“. (Ihr Weiher musste endgültig ausgequakt haben und das fand ich mega uncool.)

Madame Andreu war gutgelaunt und wenn sie lachte, glänzten ihre Amalgamplomben. Sie plauderte gern mit mir, letztlich war ich aus diesem einen Grund in La Rochelle, um mein Französisch fit zu machen. Sie arbeitete als Sekretärin und trug ständig einen Schal, wie dahin geworfen um den Hals gelegt. Sie liebte Blau. Ihr brünettes, gekräuseltes Haar fiel ihr auf die tellergrossen Brillengläser und die Goldketten klimperten freizügig an ihren Handgelenken.
Nun stellte sie das schwere Mahl in der Mitte des formidablen Tisches ab und strahlte ihren Kerl ungeduldig an.

Monsieur Pierre, so wollte er von mir genannt werden (obwohl er Rochteau hiess) und ich wusste bei ihrer vielversprechenden Körpersprache nicht, ob das ekelhaft dampfende Zeug vor mir, allenfalls ihr libidinöses Vorspiel bedeuten sollte.
Monsieur Pierre war ein gedrungener, sympathischer Anfangssechziger, mit zwei markanten Runzeln auf der braungebrannten Stirn. Die hatte er sich nicht im Solarium, sondern auf seinem Bauernhof bei seinen Rindviechern erworben. Sein graumelierter Schnurrbart war kurz und breit, was zu seinen karierten Hemden und Norwegerpullis passte. Sein Markenzeichen war sein gestricktes, ärmelloses Jackett, das er offen trug, vermutlich auch im Stall bei seinen Tieren, wenn ich meinen olfaktorischen Fähigkeiten in meiner Notlage, überhaupt noch trauen durfte. Seine starken Unterarme endeten in Pranken, die einen Stier bei den Hörnern packen konnten. Er machte ständig irgendwelche Sprüche und Witze, die ich – der Sprache wegen - nicht immer verstehen konnte.

Doch der Witz war mir bei diesem Anblick auf dem liebevoll hergerichteten Silbertablett auf der Stelle vergangen.
Ein totes Auge - wo jetzt ein Radieschen steckte, glotzte mich verachtend an.
Im geöffneten Maul steckte ein Apfel und aus dem Nasenloch quoll Peterli hervor. Das Ohr war durch die Hitze durchsichtig wie Backpapier geworden. Aus ihm hing ein dunkeloranges Rüäbli wie fleischgewordener Ohrenschmalz. Ein Schöpflöffel ragte unter den weiss übergossenen Kartoffeln hervor, die geschmackvoll auf dem breit ziselierten Rand aufgeschichtet waren. Die Bratengabel steckte wie eine tödliche Lanze in der speckig, braunglasierten Schwarte der armen Sau.

Dann schob Madame das Tablett ihrem Verehrer zu und nun sah ich den gewaltigen Totenschädel von seiner Rückseite. Er war der Länge nach aufgesägt und seine blanken Zähne lugten wie fette, glänzende Maden aus dem offenen Grab heraus. Das freigelegte Gehirn quoll hervor und gab mir den Rest. Das Tablett wanderte zu mir.
Madame Andreu sah mich erwartungsvoll an und sagte vergnügt: 
„Bon appétit!“

Peterli = Petersilie / Rüäbli = Karotte

©Martin M. Hänni 2017

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