Samstag, 1. Juli 2017

19. Von Katzen und Menschen

„Guten Morgen Frau Bastet. Sie haben uns ein Sofa zur Abholung gemeldet.“

„Guten Tag - Sie sind früh dran, bitte, treten Sie ein.“

Ich wische mir die Schuhe am Vorleger ab und versuche der Dame ins Wohnzimmer zu folgen, wo das dreiteilige Ecksofa steht. Bereits in der Garderobe werde ich von den ausschwärmenden Familienmitgliedern aufgehalten, die an mir vorbei den jungen Arbeitstag suchen.
Mein waches „Hallo zusammen“, wird nicht erwidert, dafür nehme ich den Eindruck von gereizter Übermüdung wahr.

Der Zeitersparnis wegen - ich habe heute Morgen fünf weitere Abholungen - lasse ich gleich meine Fingersensoren über die Alcantara Flächen gleiten, die künstlich, eine lederähnliche Oberfläche vortäuschen. Da ertasten meine Fingerkuppen den Widerstand von kratzenden Noppen auf der glatten Oberfläche des Möbels. Das ist ein schlechtes Zeichen bei einer textilen Warenspende und so frage ich phrasenhaft:
„Haben Sie Katzen?“
Quelle: Microsoft Word 10

„Katzen? Nur eine. Wie kommen Sie darauf?“, höre ich die Kundin sagen, mit verdächtig naiv gespieltem Unterton.

„Diese Polstergruppe ist völlig zerkratzt“, erkläre ich. „Sehen Sie hier und dort und dahinten. Alles futsch. Das kauft uns niemand mehr ab. Ihr Samtpfötchen hat aus Ihrem Ruhemöbel Abfall fabriziert.“

„Was machen wir da?“, fragt Frau Bastet und gähnt. „Heute Nachmittag wird das Neue geliefert. Das Alte muss weg.“

„Ich kann Ihr Sofa gerne entsorgen. Unseren Arbeitsaufwand und die Entsorgungskosten müsste ich Ihnen verrechnen.“

„Und wie viel kostet das?“

Ich hebe das Möbel einseitig an, um ein Gefühl für das Gesamtgewicht und den Schleppaufwand zu bekommen. Es gibt leichte Sofas bis hin zu solchen mit Leistenbruchgarantie.

„Es ist nicht sehr schwer, dafür sperrig und voluminös –
120 Stutz, wenn Sie bar …“

Ein Quietschen an der Terrassentür unterbricht meine Akquisition. Es klingt verdächtig nach «Krallen auf Glas». Eine getigerte Miezekatze, die aufgerichtet und unruhig um Einlass bittet. Eine leblose Kohlmeise hängt aus ihrem Fang.

Frau Bastet wendet sich statt meinem Angebot ihrer Gartenjägerin zu und wettert durch die Glastüre: „Nicht doch Fränzi, keine Vögel!“

In der Tat - Katzen sind wahre Raubtiere - denke ich. Sie unterscheiden nicht zwischen Feldmaus und geschütztem Singvogel. Und wer die Haustiger aus eigenem Erleben kennt, weiss Bescheid.
Vom Schnurren können sie direkt ins aggressive Beißen und Kratzen über gehen. Betrachtet man das Haustier mit den ägyptischen Wurzeln im übertragenen Sinn, tritt ihre Ambivalenz, vereint in einem einzigen Wesen zu Tage. Katzen sind Meister der Übertreibung. Sie wechseln zwischen Wohltätigkeit und Böswilligkeit. Sie sind der Inbegriff von Unberechenbarkeit. Da sind mir Hunde vertrauter und als geübter Sofa Begutachter muss ich sagen: Nur eines unter meinen bisher hundert Sofas war von einem Hund zerfetzt.
Und wenn ich erst an die Marotten der verbreiteten Krallentiere in unserem Land denke, die sie launisch in der Stille der Nacht verrichten:

MIIIAUUUU … MACHAUF!

Sie drehen sich im Bett, unbeteiligt und desinteressiert - weil Sie nicht glauben mögen, dass Sie die Heimsuchung Ihrer Katze auch noch im Traum erdulden müssen.

MACHAUF! MIIIAUUUU …

Ihr Appellohr ist als erstes wach. Da war doch was!

MACHAUF – MACHAUF - WIRDSBALD! MIIIAUUUU!

Das jetzt hat endlich gesessen, auch Ihr anderes Ohr hat sich dazu geschaltet. Zwei hören mehr als eins. Es ist eindeutig: Fränzi hat vor der Tür geklingelt, in wirkungsvoller Büsimanier.
Sie schälen sich verkatert aus dem warmen Bett, setzen sich auf die Bettkante – der Hilferuf draußen vor der Tür - ist echt. Fränzi hat genug von der dunklen Nacht und Ihr saumseliges Hirn denkt: Mach schnell, sonst weckt das Büsi noch die ganze Nachbarschaft auf.

MACHAUF, ABER DALLIDALLI! MIIIAUUUU.

Schlaftrunken hieven Sie sich auf, wanken, stützen sich am Schrank ab, um nicht umzukippen, tasten sich schlafwandlerisch durchs dunkle Zimmer, stolpern den Nachtlichtern im Treppenhaus nach unten in die Küche (dem Lieblingseingang von Fränzi zwischen 0:30 und 1:30).
Im Delirium erwischen Sie den falschen Taster und stehen in grellem Spottlicht … Sie zucken zusammen – kneifen die Augen zu … das lässt ihre Hand nach vorne schnellen – klirr-schepper!
Nein - Mist, das war die Weinflasche, gottlob ist sie ganz geblieben. Die rote Schweinerei putzen Sie morgen … war der Korken nicht drin?

Spätestens jetzt sind sie hellwach, wie auch der Rest ihrer Familie. Endlich sind alle parat, das feinpelzige Familienmitglied, wie es sich gehört, gebührend zu empfangen.
Sie öffnen die verglaste Terrassentüre und jetzt will sich Fränzi nicht entscheiden, ob sie Ihrer Einladung folgen, oder den tanzenden Nachtfaltern hinterher hechten soll.

„Bussbuss - bravs Busi. Wetsch ächli Milcheli?“, flüstern Sie und strecken Ihrem geliebten Tier die Milchschale hin.
Fränzi fällt auf den Trick herein, aber erst nachdem die Nachtfalter alle tot-langweilig geworden sind.
Sie warten geduldig, bis sich ihr Schnurrpeter die Pfoten schleckt - für Sie das sichere Zeichen animalischer Seligkeit und gleichzeitig Ihr Ticket zurück in die Federn.
Sie löschen die Lichter, schlüpfen unter die Bettdecke. Die Aufregung mit der Flasche, rotiert in Ihren Gedanken wie in einem Hamster Rad munter weiter.
Eine knappe halbe Stunde dauert diesmal Ihr Schlaf … da hat Fränzi fertig geschleckt und findet es mit dem Milchschwipps doch patenter, draußen unter dem Mond …


Nach Einsätzen wie diesem lasse ich meinen Brocki Tag Revue passieren und denke mir: Bastet als Familienname kommt mir seltsam vor und doch habe ich ihn schon gehört, nur, in welchem Zusammenhang war das?

Ich recherchiere: Bastet war einst die ägyptische Katzengöttin aber ihr Einfluss wirkt täglich bei uns Schweizerinnen und Schweizern nach, bis zu Sofas, Brockenstuben und dieser Geschichte.

Wir lieben an unseren Katzen die sanfte Weiblichkeit, ihr ansteckendes Schmusen, ihr glückseliges Schnurren, verachten ihren absoluten Egoismus und billigen ihn jederzeit.

Wir staunen über ihre Geschmeidigkeit und Schnelligkeit. Ihre stundenlange Ausdauer vor dem Mausloch, wo sie im entscheidenden Moment blitzartig in Aktion tritt, fasziniert uns. Und ganz besonders eindrücklich ist ihre unübertroffene Kunst, jederzeit unabhängig von unserer Fürsorge und Liebe leben zu können, was uns im geheimen neidisch auf sie macht. Sie ist das Wesen das sich immer durchsetzt und sich selbst genügt.
Wer möchte da keine Katze sein?

Wie das Ganze ausging, möchten Sie wissen?
Frau Bastet drückte nach dem Katzenintermezzo mein faires Entsorgungsangebot auf 80 Stutz herunter, als wäre es das Selbstverständlichste auf diesem Planeten.
Na ja - immer noch besser, als vollends mit leeren Krallen ins Brocki zurückzukehren, fand ich.

©Martin M. Hänni 2017




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