Dienstag, 11. Juli 2017

20. Gelegenheit auf Hochdeutsch

Das Telefon läutete.
„Brocki – Grüezi, Martin Hänni am Telifon -“, sagte ich im Winterthurer Dialekt.

Wer is sie bitte da?“, wollte die gebrochene Stimme am anderen Ende des Drahtes wissen.

Da isch's Brocki und min Namä isch Hänni - Martin Hänni.“

„Broochi?
Ich such den Brockenstupe! Is nich Brockenstupe bei sie?“, fragte die weibliche Stimme, die mir leicht verzweifelt schien.

Weltgewandt wie wir im Brocki sind, sprach ich in Schriftdeutsch weiter. Vor langer, langer Zeit hatte ich gelernt, die Kundin als Königin zu betrachten – und daran halte ich mich konsequent. Auch heute noch.
Quelle: Microsoft Word 10 (und ich)

„Dochdoch – Volltreffer. Wir sind die Brockenstube. Sie sind richtig. Was kann ich für Sie tun?“

„Supee!
Ich Bettsova grosss - sie Bettsova abhole?
Kannst sie komme?
Hast sie Zeit mir bringe?“

„Moooment - Moooment, bitte langsam und schön der Reihe nach. Was ist mit dem Bettsofa? Haben Sie eines zum Abholen oder möchten Sie eines geliefert haben?“

Die Kundin schweigt … lange … so lange, dass ich denke: Oh nein, nicht schon wieder ein Sofa. Die können mir langsam gestohlen bleiben.
„Hallo, sind Sie noch am Apparat?“, möchte ich ein letztes Mal wissen, bevor ich auflege.

„Is nich Brockenstupe bei sie?“

„Natürlich sind wir die Brockenstube! Aber ich verstehe noch immer nicht, was Sie von uns wollen. Möchten sie ein Sofa zur Abholung anmelden, oder haben Sie ein Sofa bei uns gekauft, das wir Ihnen liefern sollen?“

„Spreche sie HOCHDEUTSCH mit mir!“

„Wie bitte? NOCH HÖHER KANN ICH NICHT!“, rufe ich entrüstet in die Muschel.

So machte ich mit Händen und Füssen weiter, weil es mit der Edelsprache beidseits des Kabels anhaltende Verständigungsschwierigkeiten gab. Aus dem Bettsofa-Geschäft wurde diesmal nichts. Glück gehabt.


Zwei Tage später legte eine fremde Kundin ein Bild aus unserer Ausstellung auf den Ladentisch, das sie von der Wand genommen hatte: Eine Aktfotografie eines Hintern in Schwarzweiß, mit einer hervorstechenden roten Rose.

„Kenne sie mir das aufhänge komme? Ich wohn nah“, sagte sie, was auf mich recht aufdringlich wirkte. Ihr seltsam vertrauter Dialekt warnte mich umgehend und ich sprach:

„Nein, solche Dienstleistungen bieten wir nicht an!“

Sie starrte mich entgeistert an. Ihre rot geschminkten Lippen schärften sich zu einem Pfeil, den ich abwehrte, bevor sie ihn auf mich abschießen konnte.

„Nehmen Sie einen Hammer und einen Nagel und …“

„Ich hab kein Hämmer und kein Nägel!
Was mach ich denn jetz, wenn sie nich helfe wolle?“

Heiklen Fällen wie diesem, begegnet man im aufgeschlossen Haus der ungeahnten Möglichkeiten mit einem kompetenten Notfalldispositiv, das man sowohl bei Übermüdung als auch bei schwüler Hitze im ÄfÄf beherrscht:

„Einen kleinen Moment bitte, ich hab was für Sie!“, sagte ich und schon flog ich wie ein Geschoss weg.

Eine knappe Minute später war ich zurück und legte einen Hammer und einen Nagel vor sie hin.
Bevor sie erneut aktiv werden konnte, rezitierte ich in sauberstem Hochdeutsch meinen Vers, den ich hinten in der Werkstatt zusammengezimmert hatte:

„Ein Hammer, ein Nagel und ein bisschen Schwung und sogleich ist Ihre Bildmontage rum!“

Sie bezahlte, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. In Anbetracht meiner lyrischen Leistung erwartete ich wenigstens ein Kompliment, was jedoch ausblieb. Ja, sie bedankte sich nicht einmal für mein Angebot, das nötige Werkzeug ausgeliehen zu bekommen.
Dafür verflachte sich der rote Pfeil in ihrem Gesicht. Ihr reizvolles Bild (das wir so etwas Anstößiges überhaupt verkaufen dürfen?), klemmte sie energisch unter den Arm und sah abschätzig auf Hammer und Nagel herunter. Dann warf sie den Kopf ins Genick und stöckelte davon.

Auch mein Chef hat die Dame nie wieder zu Gesicht bekommen.

©Martin M. Hänni 2017

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