Samstag, 22. Juli 2017

21. Die Freiheit des Neuen

In der Bücherabteilung lungerte einer herum.
Ich schätzte ihn auf mein Alter, war etwas größer als ich und auf seiner Stirn fiel mir eine verwegene Narbe auf. Sein freches Spitzbärtchen bewegte sich kreisend, unter dem Kauen eines Kaugummis. Sein braunes Haar war mit grauen Strähnen durchsetzt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Lässig war die Sonnenbrille auf das glatte Haar gesteckt. Er trug verwaschene Jeans mit breitem Ledergurt und ein weißes Leinenhemd, wie man sie bei Falknern an Flugshows sieht.
Ein Feld von Abenteuer schwappte auf mich hinüber, wie eine erfrischende Welle an fremden Gestaden.
Quelle: Microsoft Word 10 / Picasso

Mein Glücksritterleben dagegen, gestaltete sich im Augenblick weniger erquickend. Es roch nach Brocki-Dunst und altem Staub, verbranntem Diesel - abgeschmeckt mit dem aufdringlichen Zitronenduft von Scheibenwischerwasser. Mein Dasein als Brocki-Knappe hatte mir aufgetragen, einen riesigen Schlafzimmerschrank in Einzelteile zu zerlegen und ins Lager zu spedieren. Er wog mit seinen sechs Türen locker 350 Kilogramm.
Die Tablare, Schranktüren, Seitenwände, Deckel- und Bodenteile schleppte ich am Glücksjäger in der Bücherecke vorbei. Bald war mir sonnenklar - der suchte nach einer Inspiration. Die Bücherabteilung ist hierfür der passende Ort, um zu stöbern und fündig zu werden. Ein Buch nach dem anderen zog er aus den Regalen, schlug sie auf und blätterte. Bücher verströmen ein eigenes Gravitationsfeld und man wird davon angezogen oder aber - abgestoßen.
Zuerst suchte der Fremde unter den Reiseführern nach einer Erleuchtung. Dann sah ich ihn bei den Erfahrungsbüchern schmökern, die vom einsamen Sommer auf der Alp handelten, bis zu „Mit dem Fahrrad um die Welt“. Das Gefährt schien beliebig und konnte durch: „Frachter“ – „zu Fuß“ – oder „ohne Geld“ ausgetauscht werden. Das alles erschien ihm für seine Zwecke läppisch, denn er legte die Titel zurück ins Büchergestell.
Vor den Abenteuerbüchern stehend, knetete er seine Unterlippe und als ich die letzte Schrankwand durch die Bücherabteilung trug, griff er nach Werner Herzogs Werk „Die Eroberung des Nutzlosen“. Wenn ich mich recht entsinne, behandelt es den Diskurs zwischen dem domestizierten Tier im Menschen und dem Biest in demselben.
Der Kunde las den Klappentext und massierte den Adamsapfel am braungebrannten Hals. Herzogs verrückter Text von seinem Erleben am Amazonas, wanderte ebenso zurück zu den Aufrechten im Regal.
Nach gut einer Stunde, pickte er unter den Männer Biographien einen dicken Band heraus. Das Buch warf er knallend zurück.
Entschlossenen Schrittes wechselte er augenblicklich hinüber zur DVD Abteilung, wo er mit „Die vergessene Welt - Jurassic Park“ fündig wurde.

Das sollte die Quintessenz einer Stunde Bücher Shoppen gewesen sein? Damit er meine leichte Entrüstung hören konnte, dachte ich laut und sprach: „Lust auf vergessene Welten?“

Verwundert drehte er sich um. „Ganz genau - gut beobachtet“, sagte er mit rauer Stimme, und fächerte sich mit der vergessenen Welt, warme Brocki Luft zu. Dieser unscheinbare Odem - der gesättigt mit Staubmolekülen aus aller Welt, Zeit und Abenteuern - die Reise in die verästelte Tiefe unserer Kunden antraten.

„Ich suche nach einer Idee. Da kam mir der Einfall, im Brockenhaus mein Glück zu versuchen“, und er streckte mir die DVD hin: „Hier - mein Trostpreis für eine Stunde Erfolglosigkeit.“

Wissen Sie, wonach Sie suchen?“, fragte ich auf Abwechslung abzielend und holte aus: „Dem Suchen geht eine fixe Vorstellung, ein Ideal voraus, weil die Erfüllung einer Sache, dem Kielwasser eines inneren Bildes folgt, wenn ich hier Picasso zitieren darf. Das bringt in der Regel den Erfolg, was ich dabei vorfinde, ist jedoch selten neu, sondern die Wiederholung von Altbekanntem. Oftmals eine herbe Enttäuschung, wenn die Fantasie besser war, als das Vorgefundene. Und genau genommen - ist das Finden, ohne gesucht zu haben - das echte Abenteuer. Dort liegt das Neue und Unbekannte – oder sehen Sie das anders?“

„Schon möglich“, gab er zurück. „Trotzdem suche ich weiter, nach Substanziellem, etwas, das man anfassen kann und wirklich neu für mich ist. Wissen Sie, ich arbeite wie ein Pferd, weiß Gott warum. Aber das, was mich begeistert, sind meine Reisen in die Welt. Sie sind die Freiheit die ich brauche, um gut leben zu können. Wo ich hinschaue, sehe ich Vorschriften, Normen und Gesetze. Die kollektive Anpassung reicht bis zu den starren Thuja-Hecken, die in Achtungstellung die Gärten belagern. Da atmet nichts, da geschieht nichts, da lebt nichts - wofür es sich zu leben lohnt. Wo bleibt da die Selbstbestimmung des Individuums? Langsam verliere ich das Vertrauen in meine eigene Freiheit – das Freisein – das mir das Überleben sichert. Sie schmeckt inzwischen wie zerkauter Kautabak, der nichts mehr hergibt, was mich stimulieren kann. Ja - ich langweile mich schleichend zu Tode.“

„Ein schrecklicher Gedanke!“, antwortete ich betroffen, weil ich verstand, wovon er sprach.
„Der zerkaute Tabak - das Kauen - bringt mich auf eine Idee: Kennen Sie die Erfahrung des Fastens?“

„Fasten? Nein! Ich bin nicht gläubig und schon gar nicht fromm. Aber ich erinnere mich an einen Arbeitskollegen, der meinte hungern zu müssen, weil es ihm seine orthodoxen Gesetze vorgeschrieben haben. Doch eines Tages erwischte ich ihn im Warenlager, wo er im Dunkeln aß und trank. Ich fragte ihn, was das sollte? Was glauben Sie, hat er im heiligen Ernst geantwortet?“

„Sagen Sie's mir!“

„Im Dunkeln kann mich Gott nicht sehen!“

„Haha – der ist gut, den muss ich mir merken!
Nein im vollen Ernst jetzt - ich spaße nicht mit Ihnen“, sagte ich.
„Das Fasten, das ich meine - dient nicht den äußeren Zwängen, sondern dem inneren Forscherdrang, der Reise nach Innen. Es ist eine Anpassung an sich selbst und das Gefährt, das man benutzt, ist weder Fahrrad noch Frachter, sondern der Körper, der Geist und die Seele.
Es braucht etwas Durchhaltewillen und manchmal Härte, besonders beim ersten Mal. Ideale Voraussetzungen für einen Forscher der Unabhängigkeit, für jemanden der das Außergewöhnliche, die substanzielle Erfahrung sucht. Man kann es als Trip betrachten, um Abstand zur Welt zu gewinnen - um die Unmittelbarkeit des Selbst zu entdecken.
Das Spannendste dabei ist nicht einmal der Körper, der kurzerhand auf Autopilot umschaltet und sich von den angefutterten Wohlstandsreserven ernährt. Bemerkenswert dabei ist vielmehr, was der Essensverzicht insgesamt mit einem macht. Endlich hat man die Freiheit, den Zwischenraum für sich – und zum Alltäglichen zu gewinnen. Zum Beispiel entfallen das Einkaufen, das Kochen, Essen, der Abwasch und die vielen Gedanken, die man täglich daran verschwendet.
Entscheidend ist, sich diese Zeit der Freiheit zunutze zu machen, und sich während dieser Fastentage nicht mit Arbeit abzulenken. Man zieht sich vielmehr an einen ungestörten Ort zurück, um den Dingen aus dem Innern ihren natürlichen Lauf zu lassen.
Hier beginnt für mich das wahre Abenteuer des Fastens. Man kann nie wissen, an welche geheimnisvolle Insel man angeschwemmt wird, oder ob man die Empfindung bekommt, schwerelos über dem Boden zu schweben.
Und wenn Sie nach diesen Tagen von Ihrer geheimen Insel, Wolke oder sonst einer speziellen Erfahrung zurückkehren, werden Sie eine weitere Entdeckung auslösen. Das Essen schmeckt plötzlich intensiver und besser als je zuvor. Anderes wird möglicherweise ungenießbar werden, weil es das schon immer war und man es vorher nie bemerken konnte. Hunger und Lust werden unterscheidbar, was man auch geistig verstehen darf.
Es bleibt einem die große Chance für einen Neuanfang …“ und mehr wollte ich ihm nicht erzählen - da mir Picasso erneut zuzwinkerte.

Ich zog ein dünnes Büchlein aus dem Regal und streckte es dem Kunden hin, der still geworden war.

„Bewusst Fasten – Ein Wegweiser zu neuen Erfahrungen“*, las er bedächtig vor: „Erstaunlich, was es im Brocki alles gibt und man trotz intensiver Suche nicht finden kann.“

Dann tippte ich die vergessene Welt für einen Franken und das Büchlein für 2.50 in die Kasse: „Macht drei Franken fünfzig.“

Klar, finanziell gelohnt hat sich meine persönliche Beratung fürs Geschäft nicht, aber ein Abenteurer lebt nun einmal nicht von Geld allein.

©Martin M. Hänni 2017

*Rüdiger Dahlke

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