Dienstag, 1. August 2017

22. Ein gefährlicher Job



Die Pistole steckte schussbereit zwischen den Gratin Schalen im Küchenschrank. Ich griff nach ihr, richtete die Waffe gegen den Boden und entfernte das Magazin, das mit vier scharfen Patronen abgespitzt war. Um eine allfällige Patrone im Lauf zu entfernen, machte ich die obligate Ladebewegung. Sie ist DIE Lebensversicherung beim Kontakt mit Schusswaffen aller Art. Das sollte man beherrschen, wenn man wie ich mit Hausräumungen zu tun hat.
Quelle: Microsoft Word 10

Klar, auch der Beruf des Automechanikers ist nicht ohne - mit seinen Benzol- und Lösungsmitteldämpfen. Auf die Gefahr der unzähligen Probefahrten möchte ich gar nicht erst zu sprechen kommen. Beim Waldarbeiter kann die Kette der Motorsäge reißen oder der Baum in die falsche Richtung fallen. Der Lehrer von heute mit seinen anspruchsvollen Schülern und ihren fordernden Eltern, ist jederzeit von einem Burnout bedroht. Die langen bis todlangweiligen Sommerferien selbst, bergen für den Schüler das Aufkommen von Überdruss. Deren Symptombekämpfung erst, kann mit gewissen Risiken verbunden sein. Die Architektin kann vom Baugerüst stürzen, weil sie dem feschen Zimmermann bei seiner halsbrecherischen Akrobatik auf den Holzelementen, zu lange nachgeschaut hat. Beim Büchsenmacher kann der Schuss hinten raus gehen und die Knarre – ihm wie eine Granate um die Ohren fliegen.
Jeder Beruf, jeder Job birgt ein kleines oder größeres Berufsrisiko und an dieser Stelle möchte ich konkreter werden und auf unseren - mitunter gefährlichen Job im Brocki - aufmerksam machen. 

Seit mehreren Wochen hatten wir ein ZIVI Manko, der Zivildienstleistende fehlte. Das bedeutete für mich, die Berge von elektrotechnischen Artikeln die sich angesammelt hatten, selbst zu prüfen. Elektrotechnik und Strom sind mir fremd und vor Strom habe ich den allergrößten Respekt.
Bei einer Waffe sehe ich sofort, ob sie geladen ist, beim Elektrokabel sieht man das nicht. Dafür merkt man es umso deutlicher. Und diese blitzartige Empfindung kann mindestens so gefährlich werden.
Als ich denn Elektroberg abarbeitete, kam eine weiße Kunststoffschale zum Vorschein, auf der der Name einer Krankenkasse stand. (Ich frage mich schon lange, wie es wohl auf den Kranken, auf die Gesunden und die Prämien wirken würde, wenn alle Krankenkassen - in Gesundheitsbanken umbenannt würden? Mein Werbeslogan habe ich patentieren lassen: ©Lassen Sie Ihr Wertvollstes – Ihre einzigartige Gesundheit für sich arbeiten - IHRE GESUNDHEITSBANK. Meine Idee ist geschützt: Angebote bitte an ©Martin M. Hänni).

Gespannt öffnete ich die Kunststoffdose, die ein Blutdruckmessgerät frei gab. Da wir keinen Schrott verhökern wollen, ist einwandfreie Funktionalität unser oberstes Gebot. Die Sauberkeit folgt an zweiter Stelle. Das nehme ich ernst, schließlich möchte auch ich mein Geld nicht für defekte oder schmutzige Ware ausgeben.
Das Messgerät klettete ich mir nun für die Funktionskontrolle ums eigene Handgelenk. Die FAGE unter Ihnen – Ihr Brüder und Schwestern – werdet jetzt möglicherweise einwenden, dass man den Blutdruck nicht am Handgelenk, sondern am Oberarm misst. Das glaube ich Euch gern, aber als Blutdruck Laie wusste ich bis zu diesem denkwürdigen Tag nichts davon. Und das Piktogramm auf dem Gerät war eindeutig: Es gehörte ans Handgelenk.
Das Teil begann nervös zu piepsen, was ungesund klang. Darauf zeigte es irgendwelche Werte an, die mir nichts sagten. Ich las die blinkenden Zahlen ab und wiederholte den Test. Da ich nicht den ganzen Nachmittag Zeit hatte für ein Gerät das ich mit höchstens CHF 7.50 bepreisen wollte, nahm ich es kurzerhand mit nachhause.
Mein Blutdruck begann mich schon am gleichen Abend brennend zu interessieren. Heute kann ich es mir selbst nicht erklären, was da in mich gefahren war.
Von nun an führte ich eine Liste mit den Tageswerten, die ich immer am Esstisch maß. Ich begann beim Zmorgä, machte beim Mittagessen weiter und am Abend vor dem Bier. Ich maß beim Abendessen und eine letzte Messung folgte nach dem Dessertwein. Beim Sex habe ich auf die Messung verzichtet, da war mein Blutdruck spürbar - auch ohne zu messen - in bester Ordnung.

Mehrere Tage prüfte ich diesen weiter, bis es mir damit unheimlich wurde. Anhand der Tabelle auf dem Beipackzettel hatte ich jetzt im vitalen Mai einen Blutdruck, der einem Siebenschläfer im Winterschlaf entsprechen durfte.
Ich meldete mich zur Kontrolle beim Arzt, man weiß ja nie.
Die Stimme am Telefon klang fremd, trotzdem vereinbarte ich mit der Unbekannten einen Termin.
Im Empfangsraum wurde ich von einer anderen Gehilfin begrüßt. Auch sie war mir nie zuvor begegnet. Im Wartezimmer rief mich eine weitere Arzthelferin auf, die ich ebenso nicht kannte. Im Sprechzimmer sitzend, dachte ich noch immer nichts Böses, bis ein wildfremder Mann zur Türe hereinkam. Zuerst glaubte ich, er sei ein flüchtender Patient - sein weißer Kittel belehrte mich jedoch eines Besseren.
Er kam zu mir hin, las meinen Namen auf der Patientenakte, die er in seiner Hand hielt und begrüßte mich in waschechtem Hochdeutsch. Seinen Namen verstand ich trotzdem nicht.
Wie ich es hasse, zum Arzt zu kommen und niemand ist da, den ich kenne! Es übertrifft meine ausgewachsene Abneigung im Lebensmittelgeschäft, wenn alle Regale neu einsortiert worden sind. Man verliert komplett die Orientierung, vergeudet Unmengen Zeit und am Schluss hat man höchstens im besten Falle das, was man sonst blind und vollständig in zehn Minuten gefunden hätte.
Ich fragte nach seinen Namen, den er wiederholte und ich ein weiteres Mal nur halb aufschnappen konnte.

„Sind Sie neu hier“, fragte ich gereizt, ausgelöst durch diese vielen Neuerungen. Besonders bei Menschen wie Ärzten, wo es doch sehr ums Vertrauen und ums Intime geht, reagiere ich sehr konservativ und abweisend.

„Ich bin die Ständige Vertretung“, sagte er und ich dachte: So eine Scheiße, das hat mir gerade noch gefehlt. Mein Blutdruck schnellte kurz hoch bis zu den Ohrläppchen, die sich warm anfühlten.

„Ständige Vertretung? Das heißt, mein Hausarzt ist definitiv nicht mehr hier?“, fragte ich betreten.

„Nein, nein, der ist bloß in den Ferien. Und ich bin mit einem Störmetzger vergleichbar. Ich helfe da aus, wo man mich braucht und da ich ausnahmslos Vertretungen mache, bin ich eben die Ständige Vertretung.“ 

Störmetzgerarzt! Mein Vertrauen in den Stör Arzt war hier am Boden angekommen. Mein innerer Druck genauso. Dann setze er sich vor mich hin, um den Versuch zu wagen, mich wieder aufzubauen.

„In Berlin gibt es eine Kneipe, die heißt: Die Ständige Vertretung und die nennt sich eben so, weil … “ und er klärte mich bis ins letzte Detail auf, warum, wieso und wozu diese Knelle einen solchen Namen trug.
Das interessierte mich nicht im Kleinsten. Ich war hier, um  meinen Blutdruck abzuchecken, aber bitte auf Schweizerisch und nicht auf Hochdeutsch und am allerliebsten von jemandem, den ich bereits kannte und bereits gute Erfahrungen mit ihm oder ihr gemacht hatte.

„Nun - Herr Hänni, jetzt wo Sie alles über mich wissen, kommen wir zu Ihnen. Wo drückt den der Schuh?“

„Ich möchte meinen Blutdruck messen lassen.“

„Wozu das?“, war seine Frage.

„Weil ich diesen zu Hause gemessen habe und mich das etwas verunsichert hat.“

Die Ständige Vertretung legte ohne weitere Fragen das professionelle Gerät an meinem Oberarm an, wo sich ein äußerer Druck aufbaute.

„Das sieht doch SUPER aus!“, und schon blätterte er in meiner Akte nach Vergleichswerten von früher.

„Vor einem halben Jahr hatten Sie tatsächlich eine gewaltige Hypotonie. Aber jetzt ist alles wieder im Butter“, sagte er mit beruhigender Stimme. „Wie haben Sie das hingekriegt?“

„Vor einem halben Jahr war ich nicht beim Arzt!“, wehrte ich mich.

„Doch natürlich, ich habs hier schwarz auf weiss“, und schon sah der Gott in weiss verschärft über den Brillenrand seiner Gleitsichtbrille zu mir hinüber.

Da las ich zufällig auf der Patientenakte, die schräg vor mir auf dem Tisch lag einen Vornamen, der nicht meiner war.

„Aber hallo“, sagte ich. „Sie haben die falsche Akte erwischt. Ich heiße Martin - der hier - heisst PETER!“

„Ist Ihr Geburtsdatum nicht der 10.4.1957?“

„Nein, Gott sei Dank nicht. Ich bin mindestens zehn Jahre älter!“, und schon sprang mein innerer Druck wieder an.


Liebe Leserin, lieber Leser - Sie sehen, bei unserem Job im Brocki geben wir restlos alles, bis tief in die Freizeit und den Feierabend hinein. Es ist unser Dienst am Mitmenschen und für die Allgemeinheit – durch und durch caritativ und gelegentlich sogar Krankenkassen-Kosten drückend.

Stellen Sie sich nur einmal vor, ich hätte einem unserer Kunden diesen maroden Blutdruckmesser ungeprüft verkauft und der Verbraucher wäre statt mir, der Ständigen Vertretung in die Arme gelaufen …
Halleluja.

©Martin M. Hänni 2017

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen