Sonntag, 13. August 2017

23. Geld und Gewissen



Gäbed Sie sich än Ruck!“, sagte der Antiquitäten Händler, nachdem er mich mit fadenscheinigen Argumenten bearbeitet hatte.
Gib dir selber einen Ruck - dachte ich. Aufsässig hatte er versucht, einen handbemalten Bauernschrank von 220 auf 200 Franken herunterzuhandeln.

„Nein, wir haben Fixpreise!“, sagte ich abschließend und marschierte demonstrativ davon. 
Quelle: Microsoft Word 10

Das Feilschen bei uns im Brockenhaus ist an der Tagesordnung, obwohl überall im Laden Info Plakate hängen, die auf unsere Fixpreise aufmerksam machen sollen. Manche unserer Besucher und Besucherinnen nehmen jedoch keine Notiz davon, wie folgendes Beispiel anschaulich beweist.

Eine Kundin stellte ihren Einkaufskorb mit Gläsern auf den Ladentisch und begann zu feilschen: „Wenn ich sechs von diesen Weingläsern kaufe, kriege ich dann einen Rabatt?“

„Nein, auf neun Franken kann ich Ihnen keinen Sonderpreis geben. Da müssen Sie schon auf die nächste 50% Aktion warten. Diesen Monat sind Kleider, Bilder und Lampen in der Aktion.“

Das beeindruckte sie nicht: „Bei Ikea kosten diese Gläser im Sechserpack höchstens 2.50 das Stück!“, bemerkte die Kundin fordernd.

„Da haben Sie wohl recht und die Ikea hat dabei noch gut verdient, im Gegensatz zum Brocki. Diese sechs Gläser hier“, und ich zeigte auf sie - „habe ich bei einem Warenspender abgeholt und kontrolliert. Anschließend in Zeitungspapier eingewickelt und in Kisten verpackt. Die Kisten vom dritten Stock hinunter getragen, sie ins Auto verladen und zurück ins Brockenhaus gefahren. Dort luden wir die Kisten aus und stapelten sie im Auspackbereich. Unsere Mitarbeiterinnen haben die Gläser wieder ausgepackt, gesichtet und kontrolliert, wenn nötig gereinigt und sich für einen Preis entschieden. Jedem einzelnen Glas haben sie eine Preisetikette aufgeklebt, ins Wägelchen gelegt und für Kundinnen wie Sie, ins Glasregal gestellt. Finden Sie noch immer, diese neuwertigen Gläser für 1.50 pro Stück wären zu teuer?“

Solche Diskussionen mit einzelnen Kunden sind an der Tagesordnung, als wären wir auf einem türkischen Basar. Das Markten und Feilschen einzelner Kunden ist zwar lästig, im Grunde genommen aber nicht weiter schlimm. Anders sieht es aus, wenn uns Kunden und Kundinnen als Freiwild missbrauchen wie dieser Herr hier …
Je zwei Klappstühle über die Schultern gehängt, zwei weitere hielt ich in beiden Händen, war ich unterwegs ins hintere Lager. Ein Kunde sah mich kommen und stellte sich mir respektlos in den Weg und sagte mit dem Preisschild wedelnd: „Für 300 nehme ich beide!“ Um seinem Feilschen die nötige Legitimität zu verleihen, fügte er an: „Die gelben Bezüge der Sessel sehen scheußlich aus!“

„Die Kunstleder sind neu bezogen und unsere Artikel gibts zum Festpreis, wie Sie überall lesen können“, erwiderte ich mich freiredend, denn ich wollte meine drückende Last endlich loswerden.

Als ich vom Lager zurückkam, saß der Kunde auf dem knallgelben Polster einer der Holzsessel aus filigranem Nussholz und sagte: „Haben Sie bemerkt - die Polster sind viel zu weich! Setzen Sie sich selbst hinein!“

„Das weiß ich. Ich kenne die Ware, die ich in die Ausstellung gebe. Die Sessel sind jedoch eine Seltenheit und vom Polster abgesehen im aller besten Zustand. Haben Sie die Verarbeitung und die perfekten Holzverbindungen beachtet? Die Sessel halten locker weitere 50 Jahre aus“, parierte ich.

„Also – 300“, wiederholte er. „Ich bin regelmäßiger Kunde bei Euch und der Andere kennt mich gut.“

„Der Andere ist der Betriebsleiter und kommt in zehn Tagen zurück“, sagte ich. „Verhandeln müssen Sie mit ihm. Aber innerhalb der nächsten drei Tage verkaufe ich die Sessel locker zu diesem Preis!“

„He - sind Sie gestresst?“, warf er mir nach meinem Gegenstoß der sichtlich saß, vorwurfsvoll ins Gesicht.

Verärgert über seine blöde Bemerkung die vor Ignoranz strotzte, erwiderte ich: „Mit dem Preis ist definitiv nichts zu machen - wie oft muss ich Ihnen das noch erklären?“

Der borstige Kunde blieb weiter auf dem Schnäppchen sitzen, und ich wusste bereits jetzt, wie er sich entscheiden würde.

Zwei Minuten später kam er mir in den Auspackbereich nach, der für Kunden gesperrt ist. Er sah mich, schaute mich diesmal frech an und verkündete laut: „Sie sind ein zickiger Typ!“

Ich drehte mich zu meinem ZIVI um und fragte diesen: „Wer ist hier zickig?“

Die fragwürdigste Situation des Schacherns um einen Fixpreis die mir bis anhin im Brocki begegnete, wurde durch einen harmlosen Fotoapparat ausgelöst.
„Die Kamera da - möchte ich anschauen“, sagte die Kundin, die mich beim Vorübergehen ansprach.

„Die Spiegelreflex in der Vitrine?“, fragte ich zurück. Gedanklich und körperlich war ich bei einer Holzleiter, die ich auf Funktion testen wollte.

„Ja“, sagte die Kundin, die zu mir hinauf schaute.

„Einen Moment bitte, ich hol den Schlüssel.“

Ich schloss die Glastüren der Vitrine auf. Aus dem schmucken Aluminium Köfferchen nahm ich die Canon Kamera heraus und drückte sie der Dame in die Hand. Die Interessentin kam mir aufdringlich nahe, wobei sie in meine Aura geriet. Unangenehm berührt von dieser taktlosen Nähe, drehte ich mich etwas ab, um einen halben Schritt von ihr wegzukommen.

„Die Kamera habe ich heute Morgen in die Vitrine gelegt“, sagte ich.

Die Frau drehte den Fotoapparat hin und her. Zur Untermauerung ihres Bedenkens setzte sie einen argwöhnischen Blick auf. Noch sagte sie nichts, was meinen Verdacht bestätigen konnte.
Ihr unbeholfenes Handling brachte mich dazu, sie genauer über das Objekt ihrer Begierde zu orientieren. „Wie Sie sehen, handelt es sich um eine alte Spiegelreflex Kamera. Die betreibt man noch mit den alten Kodak Filmen.“

Sie nickte und sagte: „65 Franken sind viel!“

Ich hätte wetten können, sie würde damit kommen und insistierte. „Nein, überhaupt nicht. Die Kamera hat einst ein Vermögen gekostet und wie Sie bemerkt haben, gehört die komplette Ausrüstung inklusive dem Profiköfferchen dazu.“ Nun griff ich nach dem ganzen Set in der Vitrine und hielt es ihr direkt unter die Nase. „Und hier ist der Lederriemen, damit Sie den Koffer umhängen können. Zwei Objektive sind mit dabei, ein Blitzgerät und zwei – vier - acht - fünfzehn Döschen mit unbelichteten Originalfilmen. Teuer wäre anders, denn alleine für das tadellose Köfferchen zahlen Sie heute mehr!“

Sie verzog das Gesicht, denn sie realisierte - ihr erster Versuch den Preis zu drücken, war in die Hose gegangen.

„Funktioniert die noch?“, sagte sie in vorwurfsvollem Ton.

„Ja davon gehe ich aus. Vollständig testen konnte ich sie nicht, aber ich habe sie von einer guten Freundin bekommen. Und die, das kann ich Ihnen versichern, hatte lange Jahre Freude daran und Sorge getragen.“

Die Frau dreht den Apparat endlos in den Händen. Sie begutachtete die Kamera, darauf mich. Ihr Blick wurde kälter, ließ von mir ab und wechselte zurück zur Kamera, als hätte sie die Entscheidung ihres Lebens zu treffen.
Sie schaute mich durchdringend an und sagte anklagend wie bei einem Verhör: „Haben Sie ein gutes Gewissen?“

Zuerst glaubte ich, nicht richtig gehört zu haben. Aber das was sie da sagte, hatte sie wirklich gesagt. Und erst dieser widerliche Tonfall. Hörte die sich selbst auch zu oder hatte sie gar einen Sprung in der Schüssel? War es das wert - für ein paar vermeintliche Franken!

„Nun, eine Garantie auf die Kamera samt Zubehör kann ich Ihnen nicht geben. Wir sind im Brockenhaus und die Waren sind aus zweiter Hand. Unsere Artikel sind gereinigt und geprüft, soweit wir die Möglichkeiten haben. Fotos schoss ich damit keine. Mechanisch ist sie in Ordnung, der Auslösemechanismus klickt perfekt, die Gläser haben keine Kratzer – das Gehäuse ist ohne Schlagschäden. Alles wie es sein muss!“

Die Kundin schaute mich nach so viel Einsatz für diesen Artikel endgültig verschroben an. Ihr Misstrauen konnte ich mittlerweile anfassen.

„Lassen Sie sich Zeit!“, sagte ich. Für mich war klar, die hatte nicht alle Tassen, dort wo sie sein mussten. Und für 65 Stutz konnte ich kein viertelstündiges Beratungsgespräch führen. Mich aber auch noch persönlich und moralisch verantwortlich für unsere Artikel machen zu lassen - das war nun dicke Post …

Diese Dame wollte mein Gewissen auf den Prüfstand zerren. Ihre Würdelosigkeit machte sich in mir als Betroffenheit bemerkbar: Ja - die wollte mich auf die fiese Tour kriegen!

Ich blieb standhaft - jetzt erst recht. Keinen roten Rappen wäre ich ihr an dieser Stelle entgegengekommen.

Sie bezahlte ohne weiteres Murren, wie der Händler mit dem Bauernschrank und der Frechdachs mit den Sesseln.
Die Weingläser habe ich der nörgelnden Kundin für neun Franken verkauft, einzeln in Zeitungspapier eingewickelt und sie ihr in einer Migros Tasche mitgegeben.

Billigstes noch billiger zu bekommen scheint manchen Kunden ein harmloser Spaß und ein Spiel zu sein. Vielleicht realisiert sich so im modernen Menschen der urzeitliche Jagd- und Sammeltrieb.
Zum Glück aber sind es im Brocki verhältnismäßig wenige Kunden, die den materiellen Wert von Waren und den ganzen Prozess bis ins Verkaufsregal verkennen. Und die wenigen schwarzen Schafe, die einen günstigen Preis als legitimen Anlass nehmen, gewissenlos hemmungslos zu werden, sind selten. Erfolgreich aber sind sie nie, denn echte Armut klingt anders.

©Martin M. Hänni 2017


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