Donnerstag, 24. August 2017

24. Frauen, Möpse, Eselsbrücken



Wie merkt man sich die Namen fremder Menschen?
Meine Tätigkeit im Brocki konfrontiert mich täglich damit.
Zum Glück gibt es den berühmt-berüchtigten Esel, der einem im Tal des Vergessens sicher über die Brücke führt.
Mit wenigen Kunstgriffen lässt sich auf der anderen Seite des Tals der gesuchte Name wiederfinden. Sollte trotz aller nachfolgenden Tipps die Brücke in sich zusammenfallen, erlöst einen der Abgrund vor dem peinlichen Vergessen.
Quelle: Microsoft Word 10

Ein Name sagt oft zuwenig aus, um ihn später dem dazugehörigen Menschen zuordnen zu können. Denken Sie nur an die weitverbreiteten „Müller“ oder „Keller“. Was soll man bei solch gewöhnlichen Familiennamen nur assoziieren? Beide Namensträger stapeln ihre Keller meiner Erfahrung nach mit Waren voll (besonders mit leeren Kartonverpackungen) und wenn da nicht eine Leiche begraben ist, schläft die Geistestätigkeit des Grautiers vor Langeweile augenblicklich ein.
Eine Eselsbrücke soll ausgefallen sein, dann hält sie den größten Belastungen stand, wie bei den vielsagenden Namen:
„Schmiermaul“ oder ein durchtrainierter wie „Ballasubramaniam“. Schmiermaul vergisst man niemals wieder, weil man gar nicht anders kann, als sich den betreffenden Herrn - die Dame - mit verschmiertem Mund vorzustellen. Solche Leute haben wirklich Glück mit ihren Namen. Und auch der Exote Ballasubramaniam wird besonders den Fußballfans unter den geneigten Leserinnen und Lesern dieses Brocki Blogs unvergessen bleiben. Sehen Sie ihn auch wie er mit dem Ball davon trippelt und ein Tor schiesst?

Vertiefen wir die Sache, schreiten wir zum Detail.
Ein Name lässt sich mit der Person nebst seiner herrlichen Einzigartigkeit am einfachsten mit seinem eigenwilligen Gesicht, einer originellen Stimme oder Dialekt, kurioser Kleidung, einem signifikanten Gang oder einer Macke wie z.B. dem Feilschen verbinden. Auch Nasenbohren in aller Öffentlichkeit zeigt Eselsbrücken artige Wirkkraft.

Besonders nachhaltig funktioniert es, wenn die Person mit einem x-beliebigen Gegenstand verflochten werden kann. Und wir im Brocki sind diesbezüglich absolut privilegiert. Zum besseren Verständnis ein praktisches Beispiel:
Kürzlich telefonierte ich mit einer Kundin Zwecks Abholung ihres Boxspringbettes. Auf meine Frage wie alt bez. gebraucht denn dieses Bett sei, meinte sie, es wäre erst ein Jahr alt und wie neu. Außerdem hätte sie es seit einem halben Jahr nicht mehr benützt. Das klang gut, leider auch etwas verdächtig, denn „wie neu“ wird gelegentlich sehr subjektiv gehandhabt. Neues Gut lässt sich im Brockenhaus problemlos verkaufen, vorausgesetzt, es ist intakt und sauber. Verpisste Matratzen dagegen sind abstoßend – pfui - leider aber an der Tagesordnung in meinem Job. Ich musste darum mehr über dieses Bett in Erfahrung bringen, um nicht vergebens in der Landschaft herum zu kurven. Natürlich frage ich den Kunden nicht: „Haben Sie in Ihr Bett gemacht?“ Das muss kundenfreundlicher formuliert werden, damit die Spenderin nicht merkt, wohin die intime Fragerei abzielt:

„Sie schlafen seit sechs Monaten im Stehen?“, fragte ich die Kundin am Telefon mit leicht gekünstelter Stimme. Etwas Besseres kam mir nicht in den Sinn.

„Nein, nein, ich habe mir ein anderes Bett angeschafft. Das Boxspringbett war nichts für mich. Mir war nicht wohl darin.“

Mein Gefühl sagte mir: Das klingt vielversprechend.
Zum besagten Termin wollte uns die Warenspenderin den Schlüssel legen, weil sie zu dieser Zeit auf einem Kran tätig sein würde. Damit wir das Bett auch sicher in ihrer Wohnung finden sollten (es gibt Wohnungen, wo man sich ohne Guide verlaufen kann), schlug ich ihr vor, Gipfelimocken ab der Wohnungstüre zu streuen. So würden mein ZIVI und ich geradewegs zum gespendeten Bett gelenkt. Voilà, so macht man das als Profi für Eselsbrücken.
Ich fasse das Beispiel dieser Gedächtnishilfe zusammen: Eine Kranführerin, die im Stehen schläft (?!), ein fleckenloses Boxspringbett und das Märchen von Hänsel und Gretel. Eine kleine wunderbare Geschichte mit vielen Aufhängern, die unvergessen bleiben, nur – Sie haben es bemerkt - fehlt da etwas Wichtiges: „Wie heisst jetzt die Kundin auf dem Kran?“

Leider weiss ich ihren Nachnamen nicht mehr, denn hier hat mir das Zentrale der E-Brücke gefehlt: nämlich das zugehörige Gesicht der Kundin. Macht diesmal aber nichts, denn das Boxspringbett - auch Continental- oder Amerikanisches Bett genannt - stellte sich tatsächlich als neuwertig heraus - und als sauschwer. Dazu war es äusserst unhandlich, da man beim Amerikanischen Bett vergeblich nach den Grifflaschen an der Matratze sucht. Ganz ohne Verwünschungen ließ sich folglich der Amerikaner nicht vom obersten Stock ins Parterre befördern. Mir kam gleich die Idee, ihn aus dem obersten Fenster zu schmeißen. Das unterließ ich, wollte ich doch niemand anderen ins Verderben stürzen – wegen einem einzigen Amerikaner. So fluchten wir Stockwerke lang und das war mir egal, denn die Spenderin war ja wie gesagt auf dem Kran.

Vorzüglich auf mein Erinnerungsvermögen wirken Tiere als Eselsbrücken, wie z.B. das ausgestopfte Geißlein (das wegen der Arsen Hysterie des Kantons Zürich niemand mehr will). Oder der aufgeblähte Kugelfisch mit offenem Mund, der wie eine stachlige Weihnachtskugel in der Vitrine hing. Auch die Erinnerung an die Gämsdecke des Jünglings, denen ich eine Geschichte gewidmet habe, lässt sich nicht mehr ohne weiteres löschen.
Bedeutend vitaler und emotional verknüpft wirken lebendige Tiere wie Katzen, Pythons oder der gerupfte Graupapagei. Die bedauernswürdige Kreatur hatte sich in ihrer Einzelhaft sämtliche Federn bis zum Hals selbst ausgerupft. Ein erbärmlicher Anblick. Aber diese Geschichte hier, ist auf dem besten Weg witzig zu werden, darum vertiefe ich diese unsägliche Tierquälerei an dieser Stelle nicht. Machen wir darum lustig weiter.

Eine ältere Dame mit Hündchen, das an dünner Leine wie ein JOJO hing, war ins Brocki Lädälä gekommen. Am Ende des Fadens bibberte ein Chihuahua wie Espenlaub. Dabei schaute es zu mir hinauf. Das ausgewachsene Hündchen war winzig und verweigerte ab hier mitten auf dem Gang zwischen den Möbeln, jeden weiteren Schritt. Und ich dachte, es würde vor lauter Angst gleich einen Gelbsee produzieren.

Beethoven, komm jetzt!“, sprach die Frau ihrem Kerlchen auffordernd zu. Im selben Moment las ich vorne auf dem Hundemäntelchen seinen mit Glasperlen bestickten Namen: Beethoven. Nie zuvor habe ich einen Hund mit solch edlem Namen kennengelernt, zudem verzichtete er vornehm auf den See. Der Name des Haustiers bleibt mir darum unvergessen und wenn ich Beethoven gelegentlich im Laden antreffe, weiß ich haargenau, zu welcher musischen Dame er gehört. Sie kann dabei auch unsichtbar hinter den Regalen stehen, weil ihr Schoßhündchen an der ausgezogenen Leine vor den Gestellen zittert, als würde er geradezu eine Sonate für die Zither komponieren.

Ein andermal sammelte ich zwecks Abholung bei einer Spenderin einen Gartentisch mit vier schwarzen Metallstühlen ein. In ihrer Stube angekommen, zeigte einer ihrer beiden Möpse größtes Verlangen nach mir und nahm Kontakt mit mir auf. Der andere Mops dagegen, behandelte mich wie Luft.
Dafür war dieses kleine schwarze Möpschen aufdringlich für zwei. Es machte Männchen an meinem Hosenbein, hüpfte wie eine Feder nervös rauf und runter und kratze mit seinen Vorderpfoten an meinem Oberschenkel. Das anhängliche Hündchen ließ sich von mir nicht abwimmeln. Es begann mich echt zu nerven. Vom anfänglichen „Jö-Effekt“ wechselte meine Freundlichkeit am Mops, schlagartig in Abneigung um. Der umsichtigen Hundehalterin fiel das sofort auf. Sie machte kurzen Prozess und rief auf Russisch:

Vodka - marsh k mestu!“ (Водка - марш к месту!)

Wow! Der Minihund gehorchte augenblicklich und ohne Widerrede. Vorbildlich. Das habe ich noch selten erlebt und schon lag der hopsende Mops ruhig auf seiner wohlig duftenden Decke in der hintersten Ecke des Wohnzimmers. Seinen klimpernden Augendeckeln war die unterdrückte Erregung weiterhin anzusehen.

„Haben Sie ihm mit Wodka gedroht?“, wollte ich von seiner Meisterin wissen.

„Haha – nein – er heißt Vodka und ich ermahnte ihn, subito an seinen Platz zu gehen. Aber er liebt Wodka – wenn ich ihn lassen würde.“

Ich hätte nachfragen sollen, ob das wirklich der Tatsache entsprach oder ob sie mich Eseln wollte und möglicherweise in Gleichnissen sprach. Liebte die Frau vielleicht neben ihren beiden Möpsen auch harte Drinks?
Der Gartentisch und die Stühle hätte ich beinahe vergessen. Nicht der Aufregung russischer Möpse wegen, sondern weil da noch zwei große Reptilienterrarien im Wohnzimmer standen, die mein nächstes Interesse weckten.

„Haben Sie Schlangen da drin?“, fragte ich.
Mehrere Blicke durfte ich hinein werfen - statt einer toten Ratte.

Und kürzlich sah ich auf meiner Abholtour aus dem Auto heraus diese Spendierfreudige mit dem Wodka- und dem Luftmöpschen Gassi gehen. Die fest vermörtelten Mauersteine meiner Eselsbrücke führten mich direkt zur Geschichte mit ihren beiden Möpsen…

©Martin M. Hänni 2017


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