Montag, 18. September 2017

25. Das Kind - 1. Teil der Trilogie: Verlassen



Der Knabe saß still auf einem Hocker, direkt neben der Türe des Kinderzimmers. Den Blick auf meinen Zivildienstleistenden und mich geheftet, ließ er uns die ganze Zeit nicht mehr aus den Augen. Den Buben schätzte ich auf etwa sechs Jahre.
Quelle: Microsoft Word 10
  
Bereits zuvor, unten im Wohnzimmer, bemerkte ich den Kleinen plötzlich hinter uns sitzen. Ich hatte ihn beim Hereinkommen nicht bemerkt. Wie ein verschnürtes Paket hockte er zusammengekauert auf dem Sofa. Er beobachtet uns, wie wir die massige Glasplatte des Sideboards vorsichtig abhoben, die sich dabei gefährlich durchbog. Hartnäckig klebte sie auf den weichen Gummischeiben der Metallstützen fest. Entweder würde das Glas mit einem Knall in Stücke zerbersten oder die klebrigen Scheiben ließen die Last, die sie seit Jahren trugen, doch noch ohne Schaden los. Die Glasplatte war stärker als die Klebekraft der alten Gummipuffer, die über Jahre hinweg durch den Verlust ihrer Weichmacher, mürbe geworden waren. Wir hievten das wuchtige Möbel hoch und trippelten sachte an der Wohnwand vorbei, hinaus durch die schmale Türöffnung ins Treppenhaus und durch die Haustüre hinaus ins Freie. Im Garten hielt uns das verschlossene Tor des Gartenzauns auf, der Junge kam gesprungen und öffnete es. Die drückenden Kilos luden wir in den Lieferwagen, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt war.
Dann machten wir im Obergeschoss weiter. Die Kundin wollte auch den raumhohen Schlafzimmerschrank im Kinderzimmer loswerden. Ich begann den mehrtürigen Schrank Stück für Stück zu demontieren und mein ZIVI stemmte die sperrigen Teile hinunter durchs Haus und belud damit den Transporter.

Der Knabe sagte nichts, aber er schaute ohne Unterbrechung. Dass er sich von zwei fremden Männern offenbar nicht gestört fühlte; Männer - die wie selbstverständlich einige der Familienmöbel aus seinem Haus beförderten, erstaunte mich. Doch unser Tun oder unsere Anwesenheit schien eine magische Wirkung auf ihn auszuüben. Und einen kindlichen Zuschauer bei meiner Arbeit zu haben, war nicht nur selten, sondern außergewöhnlich.

Als mein Mitarbeiter ein weiteres Mal mit einer der Seitenwände im Treppenhaus verschwand, war der Moment gekommen. Ich fragte den Buben nach seinem Namen. Erschrocken, vielleicht auch nur erstaunt sah er mir direkt ins Gesicht und seine braunen Augen weiteten sich. Schüchtern sagte er ihn mir. Sein Flüstern verstand ich nicht und ich fragte nach. Er wiederholte ihn leise und diesmal konnte ich ihn verstehen. Nun wiederholte ich seinen Namen um heraus zu finden, ob ich ihn richtig verstanden hatte. Er nickte und ich bemerkte anerkennend, dass er einen Namen trug, den ich nie zu vor gehört hatte.
Mehr als seinen Vornamen brachte ich nicht aus ihm heraus. Stoisch blieb er auf dem Schemel sitzen und luchste zu mir hinüber. Das Drehen meines Schraubenziehers an den Möbelbeschlägen blieb so leise, dass es die Ruhe im Kinderzimmer mit seinem sanften, metallischen Kratzen nicht durchbrechen konnte. Aber diese bizarre Stille schien doch irgendwie alles zu verschlingen. Es war nicht das, von einem Kind beobachtet zu werden. In diesem Kinderzimmer war es auf eine seltsame Weise anders. Ich konnte es zuerst nicht fassen, etwas aber stimmte nicht. Es war nicht das Schweigen des Buben, das mir so nahe ging. Ich kam ins Grübeln. Fehlte dem Knaben etwas?
Dieses Schweigen hinter mir war kein Schweigen – es kam mir vielmehr wie ein lautloses Schreien vor!
Ein Gefühl von Fürsorge beschlich mich und ich begann weiter mit ihm zu sprechen. Da ich ihm keine Geschichte zu erzählen wusste, kommentierte ich einfach, was ich gerade tat.
Er hörte mir zu, das nahm ich wenigstens an. Ob es ihn interessierte, erfuhr ich nicht und ich fragte ihn auch nicht danach.
Ich löste die Verbindungen der Schrankdeckel. Dann zog ich die Deckel seitlich aus den Seitenwänden heraus und stellte sie auf den Boden. Ein dicker Belag überzog die Oberseiten der weißen Kunststoffbeschichtungen mit obligatem Einheitsgrau von Wohnungsstaub, den ich auf jedem Kasten antreffe. Damit wir den flüchtigen Filz beim Abtransport nicht im ganzen Haus verteilen würden, strich ich mit der Handkante über die Oberfläche. Wie ein dünnes Tuch der Jahre schob sich der graue Belag zu Staubwürsten zusammen. Er fiel über die Kante des Deckels, und schwebte in Flocken zügig hinab auf den Laminatboden.
Ich warf einen Blick zum Jungen. Ohne Regung sah er mir zu und machte keinen Mucks, wie ich den Boden seines Zimmers mit weiterem Staub verdreckte.

Hier war ich schon einmal, vor einem halben Jahr muss das gewesen sein - vielleicht auch etwas länger. Damals hatte ich nicht mit seiner Mutter, sondern mit seinem Vater zu tun gehabt. Und ich erinnerte mich wieder an diesen großen Röhrenfernseher, den ich mit einem anderen ZIVI vom Estrich hinunter getragen hatte.

Zum Schluss steckte ich die Tablarträger und die Schrauben in ein Säcken und knotete es zu, damit nichts davon verloren ging. Unser Abholauftrag war somit erledigt und als ich mich von der Kundin verabschieden wollte, fragte sie uns, ob wir ihr noch einen Gefallen tun konnten. Ein kleiner Schrank wollte sie noch vom Obergeschoss ins Erdgeschoss befördert haben.
Für den kleinen Zusatzdienst bedankte sie sich überschwänglich. Dabei fiel mir ihre Atemlosigkeit auf, die auffällig gepresst klang und sie erklärte mir, wie sie mit den großen und schweren Möbeln überfordert gewesen war. Gleichzeitig schien sie sehr erleichtert zu sein, dass ihr das Brocki in dieser Sache behilflich war. Ihr direkter Hinweis mit den Möbeln machten meine Mutmaßungen noch konkreter. Und der Bube saß schon wieder hinter mir, diesmal auf der Treppe.
Ich wollte eine Frage riskieren, die mir wegen dem Kleinen die ganze Zeit schon auf der Zunge lag. Und ich wusste, mit meiner Frage riskierte ich entweder ihre Verachtung oder aber das Gegenteil. So erwähnte ich meinen Besuch vor Monaten bei ihrem Mann und erzählte ihr vom alten, schweren Fernseher, den wir zur Entsorgung mitgenommen hatten.
Als sie „Ihr Mann“ hörte, wurde ihr Tonfall augenblicklich höher und ihre fortwischende Handbewegung sagte alles. Meine Frage wurde beantwortet ohne gefragt zu haben.
Sie kam in Fahrt, erzählte frisch von der Leber weg und beteuerte, wie froh sie nun wäre, dass er endlich ausgezogen war. Er hatte die beiden Buben und sie verlassen, wegen einer anderen Frau.

Ich sagte Adieu und bedauerte den Buben. Ihm war der Vater abhandengekommen – fortgeflogen - und der Kleine konnte nichts tun, um ihn zurückzuholen. Der Knabe blieb den Rest des Tages in meinem Kopf hängen…

Vater rief unsere Namen.
Es war ein trüber Herbstsonntag. Mein Bruder und ich ließen vom Spielen ab und wir liefen erwartungsvoll aus unseren Zimmern. Sein Ruf kam aus der Küche. Am Esstisch sah ich ihn eine Rolle mit Draht, einige Bögen grünes und blaues Seidenpapier und eine Tube mit Weißleim ausbreiten. Was hatte er vor?
Er wollte mit uns einen Heißluftballon bauen und ihn am Nachmittag auf den Feldern in den Himmel steigen lassen.
Wir setzten uns an den Tisch und schauten ihm gespannt zu. Er nahm den Draht und bog mit der Flachzange ein rechteckiges, dreidimensionales Gerüst zurecht. Dann durften wir ihm dabei helfen, die Papierbögen zuzuschneiden. Diese legten wir sorgsam über das dünne Gerippe und verklebten es an den Ecken und Kanten luftdicht miteinander. An der Unterseite des Ballons hielten wir eine Öffnung frei, in die wir ein Kreuz aus Draht montierten. Dann ließen wir die Klebestellen des filigranen Papiers trocknen und konnten es kaum erwarten, bis es Nachmittag wurde.
Eingehüllt in dicke Wollpullover machten wir uns auf den Weg. Ein abgeerntetes Feld wurde unser Startplatz.
Vater wickelte die Watte um das Kreuz und befestigte sie mit weiterem Draht, damit sie lange hielt und nicht gleich abfiel. Dann tränkte er die Watte mit Brennsprit. Mein Vater und mein Bruder hielten das Luftschiff hoch und ich durfte die stinkende Watte mit einem Streichholz anzünden. Die Watte fing Feuer und qualmte.
„Festhalten“, sagte Vater zu meinem Bruder, es bräuchte etwas Geduld, bis die Luft im Ballon warm geworden war. Und dann bekam der Ballon Auftrieb und auf Vaters Zeichen hin, ließen sie ihn los und traten zurück. Der Ballon stand reglos in der Luft. Er schien sich zu überlegen, in welche Richtung er schweben wollte.
Und da - langsam aber zielstrebig pendelte er dem verhangenen Herbsthimmel zu. Unser Luftgefährt stieg weiter und weiter, immer höher und höher. Auf einmal kam etwas Wind auf und der Heißluftballon driftete vom Startplatz weg und begann sich ruhig um die eigene Achse zu drehen. Die Köpfe gegen den Himmel gerichtet liefen wir ihm nach und unser Ballon wurde kleiner und immer kleiner.
Vor einem Wald blieben wir schließlich stehen, sahen ihm noch lange nach und irgendwann entschwand er als winziger Punkt im endlosen Grau des kühlen Himmels.
Der Ballon war für uns zwar verloren, aber das war kein Verlust für mich und meinen Bruder. Wann immer wir Lust auf einen Heißluftballon haben würden - Vater würde mit uns einen neuen bauen und ihn mit uns in den Himmel steigen lassen.

©Martin M. Hänni 2017

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