Montag, 25. September 2017

26. Der Mann - 2. Teil der Trilogie: Verlassen




Gestank von Hundepisse und Fäkalien stieg in meine Nase, als wir Tritt für Tritt die flimmernden Betonstufen zur Abholadresse hinauf schritten. Ich blieb kurz stehen und schaute der Geruchsbelästigung ins Gesicht. Sie kam eindeutig vom Rasen hinter dem Zaun. Im Gärtchen lagen verstreut diese braunschwarzen Haufen herum, teilweise verschmiert im Gras, wo sie die heiße Sommerluft der Anwohner verpesteten, wenn sie zu ihren Wohnungen oder zur Arbeit wollten.
Quelle: Microsoft Word 10
Die üblen Duftzeichen an diesem jungen Freitag – passten perfekt, denn dieses Quartier habe ich längst auf dem Senkel.
Ohne Ausnahme war hier immer irgendetwas faul und endete in Nullsummenspielereien, wenn ich für eine Abholung gerufen wurde. Mal war die Ware komplett versifft, ein andermal die Kunden kompliziert und dazu Geizhälse.
Einmal lieferte ich in dieses Wohnquartier einen XXL-Schrank. Zwar war das nichts Besonderes, außer dass das Teil, dort wo es hinsollte, kein Platz haben würde, weil die Kundin nicht nachgemessen hatte.
Bevor wir die Schrankteile ausluden, klebte ich zur Visualisierung den Grundriss des Schrankes mit Klebband auf den Schlafzimmerboden. Vergebens wartete ich mit diesem deutlichen Zeichen auf das Aha-Erlebnis der Kundschaft. Das „Aha!“, war jedoch bei mir, weil das Paar trotz allem auf die Montage bestand. So mussten wir wenigstens den Schrank nicht wieder mit nach Hause nehmen. Wenigstens einmal etwas Positives an dieser verschrobenen Straße mit den seltsamen Menschen.
Dann machten wir uns an die Arbeit und montierten den Kasten im Schlafzimmer, daneben die Kundin im kurzen Höschen. Auf dem Bett sitzend, lackierte sie ihre Zehennägel vor den beiden Brocki Matadoren und vor laufendem Fernseher. Lautstark und auf Spanisch hatte sie den Italowestern aufgedreht und vom Lösungsmittel im Lack wurde mir zu allem Überfluss auch noch speiübel.
Nach erfolgreicher Schrankmontage unter Feuersalven, Indianergeschrei und greifbarem Live-Kino, quetschten sich die frischen Nagellackfüßchen und die Sportschuhe ihres Typen, mühsam durch einen 40cm Türspalt. Ich sah den beiden verständnislos zu, denn das alles kam mir spanisch vor. Ich zuckte mit den Schultern über so viel Blödheit in einer einzigen Wohnung und sagte spitz: „Geht doch wunderbar - Sie müssen ja nicht hundert Mal am Tag ins Schlafzimmer.“
Über das Trinkgeld staunte ich dann doch etwas ungläubig.


Mit solch schrägen Erinnerungen fuhr ich an diesem Morgen mit einem leichten Gefühl von Anspannung zur Adresse. Mein ZIVI auf dem Beifahrersitz war ahnungslos was das Quartier betraf und ich wollte ihn nicht schon auf dem Hinweg mit meinen schlechten Gedanken anstecken. Und insgeheim hoffte ich, endlich etwas Besseres vorzufinden. Mein letzter Besuch lag viele Monate zurück. Vielleicht hatte sich der Quartiergeist inzwischen in Luft aufgelöst und war an eine andere Straße umgezogen, die nicht in meinem Rayon lag.
Mit gespannter Hoffnung und penetrantem Mief im Rüssel, klingelte ich Visavis des Stinkgartens. Wir warteten lange, dann öffnete sich die Tür. Ein etwas ungepflegter Mann Anfang Dreissig mit langen, fettigen Haaren, grüßte hustend. Wir traten in seine verdunkelte Wohnung ein. Ein enthemmtes Ghetto tat sich vor uns auf.
Der Boden war übersät mit hingeworfenen Kleidungsstücken, schmutzigen Socken bis zur Lederjacke. Schlurfend ging der Mann unter hängenden Schultern vor. Mit seinen nackten Füßen pflügte er einen Durchgang zu den Möbeln im Wohnzimmer, die er uns spenden wollte. Leere Petflaschen lagen herum bis hinauf aufs Podest der Treppe, deren Geländer mit weiteren Kleidungsstücken verhängt war.
Es fluchte in mir, hatte ich es doch geahnt und sollte leider wieder Recht behalten. Ich suchte nach einem Glücksgefühl, um nicht rechts umkehrt zu machen… und den Warenspender in seinem Elend zurückzulassen: Bald würde mich das Wochenende vor solchen Anblicken erlösen.
Wir folgten ihm in seinem Fahrwasser und kamen am Esstisch der Küche vorbei, der komplett überfüllt war - überladen wie der Flohmarktstand eines blutigen Anfängers. Kein Teller, kein Glas hätte darauf noch Platz gefunden. Dahinter lag der große Wohnraum im Dunkeln. Mein Blick fiel auf den ausladenden Salontisch. Der war genauso voll und jede andere horizontale Fläche tat es den beiden Tischen gleich. Angebissene Pizzas in ihren geöffneten Kartons lagen aufgestapelt da, kalt und abgestanden. Daneben häuften sich unzählige Aludosen, standen halbvolle Weingläser. Zigarettenstummel und Aschenkippen quollen aus dem Aschenbecher, die über den ganzen Tisch verstreut waren. Weinflaschen, Whiskygläser und andere Spirituosen standen entkorkt auf den schmutzigen Lautsprecherboxen. Es sah aus, als hätte hier eine Gruppe ausgelassener Leute die Nacht durchgezecht und sich erst vor einigen Minuten zerstreut, um den Rausch auszukurieren.
Es roch verhalten nach Fisch und dann sah ich den Futterautomaten der Katze. Er hatte seine Trockenperlen ausgespuckt, die von der Küche bis ins Wohnzimmer zerstreut waren. Dazwischen schimmerten Knäuel dunkler Katzenhaare auf den weißen Fließen. Selten zuvor habe ich eine solche Katastrophe in einer Wohnung angetroffen. Dem Kunden schien das selbst nicht aufzufallen oder aber, es war ihm total egal. Er entschuldigte sich nicht wie es andere tun, die sich nicht entschuldigen müssten, weil sie uns keine solche Schweinerei zumuten. Der Mann hatte ein ernsthaftes Problem, das war deutlich erkennbar.

Das Sofa das er uns spenden wollte, sah im Halbdunkel des Raumes so abgefuckt aus, dass ich gleich abwinkte. Darauf lagen verschlissene, schmutzige Tücher. Freiwillig hätte ich mich da nicht mehr hineingesetzt. Ich sah und erlebte manches in den vielen Wohnungen, die ich bis jetzt gesehen habe, aber das hier war grenzwertig. Ungutes, Verstörendes musste hier geschehen sein. Ein gesunder Mensch lebt nicht in solchem Dreck und ich hatte nicht den Eindruck, bei einem Messie zu sein. Es sah für mich vielmehr aus, als wäre eine Granate aus heiterem Himmel in sein Leben eingeschlagen. Das, was ihre Sprengkraft hinterlassen hatte, erinnerte mich an den Müll, den die Flut in den Häfen zurücklässt. Überreste menschlicher Zivilisation und des Lebens im Meer, dümpeln dort im öligen Brackwasser zwischen den Schiffsrümpfen. Tote Fische treiben mit geblähten Bäuchen rücklings im trüben Wasser. Nur ihre schlaffen Flossen bewegen sich noch im leichten Auf und Ab des Wellenschlags, als weigerten sie sich vor dem Endgültigen.

Der Mann zeigte uns weiter seine diversen Möbel und hustete. Er schien mir der natürlichen Konversation nach ganz normal zu sein, und ebenso nüchtern. Ich verweigerte die Annahme als Warenspende, außer bei zwei kleinen Schubladenmöbeln, die ich mehr aus Mitgefühl annahm. Der Ekel, der von diesem Erdgeschoss ausging, war mir heute einfach zu viel.
Der Warenspender sah mich mit seinen entzündeten Augen an. Ihm schien es schlecht zu gehen und war sichtlich krank.
Dann folgten wir ihm in die oberen Etagen der Wohnung. Nein! Bitte keine Schränke mit solchen Dimensionen! Mir graute nicht nur vor dem Abtransport über die enge Wendeltreppe und der Außentreppe im Sonnenbad. Wir würden Stunden in diesem Haus verbringen müssen. Und ich sah meine Vorahnung bestätigt, was meinen Unmut noch verstärkte.
Kästen mit solchen Massen bedeuten Abfall. Ihr Abbau beim Kunden und dem Aufbau im Brocki ist viel zu aufwändig und immer ein Minusgeschäft. So rechnete ich ihm vor, was ihn unsere Arbeit für die Entsorgung kosten würde und ich schätzte nicht zu knapp.
Doch ihm war es ernst und Geld spielte keine Rolle. Er bat mich, die beiden Schränke, die Polstergruppe die acht Leuten Platz bot, die Garderobe und die anderen Kleinmöbel mitzunehmen. Für ihn gab es nur eines. Die Ware musste raus, so schnell wie möglich, egal was wir damit machen würden.
Wir demontierten und beluden den ganzen Morgen und den ganzen Nachmittag zwei Wagenfuhren voll. Die Waage zeigte deutlich mehr als eine Tonne.
Irgendwann fragte ich den Kunden, ob er zügeln würde. Er hustete erneut, die Schleuse öffnete sich und sein angestautes Wasser kam in Bewegung:

„Ja - ich ziehe aus. Die Schränke kann ich nicht mehr sehen. Ich habe sie für meine Exfreundin hierher gezügelt und alleine aufgebaut. Sie wissen selbst, welche Schufterei ich damit hatte.
Vor einem halben Jahr haben wir uns verlobt. Wir wollten eine Familie gründen und Kinder haben. Jetzt ist sie abgehauen und hat einfach alles stehen und liegen lassen. Und ich verstehe einfach nicht, was in sie gefahren ist.
Eines Abends kam sie nach Hause und sagte zu mir: Ich fühle mich eingeengt. Ich möchte noch etwas anderes sehen und Neues entdecken. Ich meine das Leben, das ich verpasse, wenn ich dich heiraten würde.“

©Martin M. Hänni 2017

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