Samstag, 30. September 2017

27. Die Frau - 3. Teil der Trilogie: Verlassen

 Der wuchtige Esstisch war mit einer dicken Schicht weißen Lacks überzogen – ein Weiss, wie eine blühende Margeritenwiese.
Ich schob Zeitungen und Unterlagen auf der Tischplatte zur Seite, damit ich ihn vollständig sehen und für unsere Zwecke begutachten konnte. Unter dem Papier kam eine Oberfläche zum Vorschein - schmutzig und abstoßend - die mich auch ohne Gedanken ans Essen anwiderte. Ein feuchter Lappen hätte dem ersten Eindruck in dieser Wohnung gutgetan, denn der zählt. Ist er lausig, muss ich genauer nach sehen. Dreckige Ware ist verdächtig, weil sich darunter oft noch Schlechteres verbirgt. Viele Kunden sind sich dieser simplen Tatsache scheinbar nicht bewusst.
Quelle: Microsoft Word 10

Die Kanten der Tischplatte waren abgetragen, als hätte jemand mit einem Taschenmesser an ihnen herumgeschnitzt.
Der Fuß des Tisches war aus demselben Material gefertigt und von groben Arbeiterschuhen abgewetzt. Unter dem fetten Lack kam das Dunkel der Holzfaserplatte zum Vorschein. Ich ging in die Hocke, um noch weiter in die Materie dieser Warenspende einzudringen. Und da, im Säulenfuß des Tisches lief ein tiefer schwarzer Riss über die ganze Länge der Lackoberfläche hinweg.
Die beiden Frauen, die mich gespannt beobachteten, sahen meinem unmissverständlichen Gesichtsausdruck an, was ich davon hielt. Glaubten sie wirklich, ein Brockenhaus würde so etwas verkaufen können! Hochglanzartikel strahlen synthetisch und nicht natürlich. Bereits kleine Schäden verwandeln sie leicht in unansehnliche Produkte, die beim Betrachter ein schlechtes Licht hinterlassen. Wer will denn schon bei sich zu Hause ein solches Möbel sehen?
Der Stil des Tisches war zwar modisch, für seine zwei Lebensjahre aber, war er mir zu auffällig verbraucht. Oft hat dies mit den schlechten Materialien oder mit der unsorgfältigen Verarbeitung billiger Industrieartikel zu tun. Doch der hier war zu arg strapaziert worden.
Unverhohlen lehnte ich den Tisch als Warenspende ab und erklärte den beiden Frauen – Mutter und Tochter - wie verkäufliche Ware fürs Brockenhaus auszusehen hätte. Die Jüngere der beiden – ihr gehörten die Waren - bekam große Augen, zuckte mit den Achseln, sah verständnislos zu ihrer Mutter… dann zu mir. Das hatte sie nicht erwartet und schon zeigte sie mit dem Finger zur Design Lampe, die über dem Tisch hing. Einverstanden - die war brauchbar.
Bis auf letzte einsame Möbel die in mehreren Zimmern verlassen herum standen und zwei unübersichtlich große Haufen mit Säcken und diversem Plunder, war die Wohnung leer.
Ein mit Abziehbildern verklebter Kinderschrank mit desolaten Oberflächen stand in einem der Kinderzimmer. Gegenüber stand eine verlotterte Wickelkommode, bei der sich das Furnier ablöste. Ein hölzernes Laufgitter zerfiel in sämtliche Einzelteile und war genauso futsch wie das meiste andere auch. Letzte Überreste des Inventars einer jungen Familie mit Kindern.
Selten traf ich so wenig Sorgfalt an. Die Sachen waren nicht wirklich alt, um gerechtfertigt die Zeichen der Zeit und des gelebten Alltags zu tragen. Außer einigen Säcken mit Baby- und Kinderkleidern und ein kleiner Tisch mit Glasplatte war fast alles unbrauchbar geworden. Auch ein neuwertiger Kühlschrank sah aus, als hätte man ihn für weit mehr als nur zum Kühlen eingesetzt. Ein roter Spielzeug Elch kam zum Brauchbaren noch hinzu. Die Dinge waren ausnahmslos widrig behandelt worden, als wären sie von Anfang an wertlos und zum Fortschmeißen bestimmt gewesen. Wo war die Wertschätzung, wo die Beziehung dieser Leute zu den Dingen geblieben?
Mir war es unangenehm, der jungen Mutter zu erklären, dass es sich bei ihrer umfangreichen Warenspende vorwiegend um Abfall handelte. Da sie die Wohnung wegen des nahen Abgabetermins schnellstmöglich geräumt haben musste, blieb ihr keine andere Wahl, als uns für die Entsorgung zu beauftragen.
Meine mündliche Offerte für den Abbau der Möbel, die Räumung des Kellers und den Transport mit kompletter Entsorgung für 850 Franken, war mir erneut unangenehm, denn das musste sehr viel Geld für sie sein. Die leise Ahnung beschlich mich, in einer Umgebung voller Probleme und Überforderungen zu stehen.
Mutter und Tochter besprachen mein Angebot und ihrer Konversation nach, waren nicht nur ihre Nerven blank gelegt, sondern wie ich vermutet hatte, auch das Geld ein akutes Problem. Ich bestand auf Barzahlung mit Vorauskasse und das war mir ein weiteres Mal lästig, weil das Misstrauen dabei offensichtlich wurde. Aber das Risiko, auf einer unbezahlten Rechnung sitzen zu bleiben, war mir zu groß.

Die junge Frau musste darauf zur Arbeit und ging. Den Handel wickelte ich mit ihrer Mutter ab. Sie hatte die Aktion für ihre Tochter notfallmäßig geplant, um sie in ihrer schwierigen Lebenssituation zu entlasten. Ihre Betroffenheit über das Schicksal ihrer Tochter und ihrer Enkel, schien sie enorm zu belasten. Im Vertrauen sagte sie zu mir, ihren Schwiegersohn nicht verstehen zu können, der ihrer Tochter nicht half, die gemeinsame Wohnung zu räumen. Er hatte einfach Leine gezogen und nichts interessierte ihn mehr.

Am nächsten Tag nahm ich mir den übervollen Keller vor, der bis unter die Decke mit feuchten Kartons aufgetürmt war.
Unter spärlichem Licht wühlte ich in den gestapelten Schachteln nach Brauchbarem, wo ich die Jugend der jungen Mutter fand. Da kamen Poster von kriegerischen Heldinnen, Bücher in Bänden, alte Handys, Kleider und Kleinigkeiten ihrer Erinnerungen zum Vorschein. In diesem vollgepfropften Depot intimer Lebensbeweise beförderte ich ein Portemonnaie ans schummrige Licht der Kellerbeleuchtung. Ich öffnete es. Im Notenfach fand ich etwas Bedeutendes, faltete es auf und hielt es ins Licht.
Es war ein kleines Liebesbriefchen, von Hand auf einen Notizzettel geschrieben und ich las. Der kleine Beweis vergangener Liebe berührte mich anfänglich, doch er schien mehr flüchtig als fest gewesen zu sein. Das Brieflein war von einem Mann geschrieben worden, seine Wortwahl, seine Sätze aber, wollten mich nicht überzeugen. Im Gegenteil - sie machten mich seltsam misstrauisch, zugleich sah ich ein, für ein objektives Gefühl war ich nach dem Gehörten und Gesehenen zu voreingenommen.
Für einen kurzen Moment versank ich in diesen ersten Zeilen und wurde unfreiwillig intimer Zeuge einer Beziehung fremder Menschen - als ich plötzlich realisierte, was ich da tat.
Beschämt von mir selbst hielt ich abrupt inne und faltete das Briefchen schnell zusammen, um es zurück in die abgegriffene Brieftasche zu stecken. Nur den Bruchteil einer Sekunde überlegte ich, ob ich es der Besitzerin zurückgeben sollte. Dann warf ich es samt Portemonnaie in den Abfallsack und erledigte den Rest des Kellers, wo ich Privates des Mannes fand.

Im Entsorgungszenter schob mein ZIVI den weißen Tisch über die Kante der Hebebühne des Lieferwagens und gab ihm einen Tritt…
Er – der Tisch - ist das Zentrum der Familie, die Fülle des Lebens. Hier nimmt man die Lebensenergie durch Nahrung und Trinken auf, hier erlernt man die Kultur des Essens. An ihm bespricht man die Themen der Kinder und die eigenen Anforderungen, die das Leben stellt.
Am Tisch versammelt, empfängt man seine Gäste, Freunde und Familie. Man diskutiert und lacht und man tauscht darüber aus, was das Sein mit einem macht und gemacht hat. An ihm werden Wünsche geäußert und Auseinandersetzungen besprochen. Und man spricht von den Ängsten, die den direkten Weg zum Glück versperren. Er ist der Ort, wo man Verträge unterzeichnet oder verwirft.
Und der Tisch erduldet die wütende Faust, die in Ohnmacht und Enttäuschung auf ihn nieder geht. Am Esstisch erzählt man sich die Träume der Nacht. Man spricht über die Anschaffung eines Hundes oder die nächsten Ferien werden angedacht. Vielleicht werden irgendwann in der Zukunft die Projektpläne des lange ersehnten Eigenheims auf ihm ausgebreitet, für den nächsten Schritt ins neue Glück der Familie…

Hart schlug der glänzende Tisch mit der Kante auf dem Betonboden auf und der weiße Lack platzte in handgroßen Stücken ab. Darunter kam die dunkle Faserplatte zum Vorschein, der Fuß knickte ein und brach ab.

Als mein ZIVI mit spürbarem Vergnügen auch die Säcke und Möbelstücke auf den Abfallberg warf, trat ich zurück, um ihm einen Moment lang zuzusehen. Ein bisschen beneidete ich ihn darum, wie menschlich unbeteiligt er in dieser Wohnung gewesen war und wie leicht es ihm fiel, von der Emotion nicht berührt zu werden.
Dann - ich weiss nicht mehr warum - erkannte ich unter den Abfallsäcken den einen wieder, in dem dieses Briefchen steckte, das mir so zu denken gegeben hatte.

Wie weiss ich als Mensch, ob es die Liebe ist, nach der ich mich sehne, nach der wir uns alle sehnen?
Ein Gedanke von Erich Fromm* fiel mir dazu ein, wo er sich fragt: Liebe ich einen Menschen, weil ich ihn brauche oder brauche ich einen Menschen, weil ich ihn liebe?
        
©Martin M. Hänni 2017  

*Die Kunst des Liebens

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen