Sonntag, 29. Oktober 2017

28. Table-Dance



Mit einem Microfasertuch rieb ich Stahlhelme der Schweizer Armee ab, die ich für den Verkauf im Brocki aufbereitete.
Dann machte ich mich hinter die Rucksäcke von drei oder vier Generationen Milizsoldaten her. Aufgetürmt lagen sie auf einem Haufen und einer davon war ein Aff, ein rotbrauner Felltornister aus den 1940er Jahren.
Der Holzstil eines tannengrünen Klappspatens lugte unter den Militärsachen hervor. Ich zog ihn als Erstes heraus. An seiner Schaufel klebte harte lehmige Erde, die ich mit einem Spachtel wegkratzte. Dann klappte ich ihn auf, um das Gewinde vom öligen Schmutz zu reinigen. Mit ihm grub man nicht nur Schlaflöcher in die verwurzelte Walderde bei Jagdkampfübungen. Er war ebenso als Hiebwaffe einzusetzen, die man dem Feind zwischen Schulter und Halsansatz zu schlagen hatte. 
Quelle: Martin M. Hänni
Danach schnappte ich mir einen feldgrauen Rucksack aus den Achtzigern, öffnete die Lederlaschen seines Deckels und steckte meine Nase hinein. Der altbekannte Geruch von Automatenfett, Zeughaus und nassem Schlafsack kam mir als stinkige Wolke entgegen, dann griff ich in den Militärmief hinein. Ein rostiges Bajonett mit abgeschlagener Spitze fand sich darin, darunter holte ich einen Grabstein hervor - wie die Eidgenossen ihre Erkennungsmarke nennen. Im Licht der Leuchtstofflampen blitzte er kurz auf.

Die Arbeitskollegin hinter mir hatte mich mit diesem Ordonanzplunder beobachtet und davon inspiriert, begann sie uns eine Militärgeschichte aufzutischen, die – nun ja – bereits zu Beginn recht unwirklich klang. Mein ZIVI spitzte die Ohren, wie ein Mäuse jagender Fuchs. Ich dagegen fand es merkwürdig, dass ich solches von einer Frau und nicht von ihrem Mann zu hören bekam.
Ich drehte mich also zu ihr um und starrte stattdessen auf einen Korb mit BHs und Slips, der vor ihr auf dem Auspacktisch lag, den sie gerade durcharbeitete. Sie erzählte belustigt, nahm dazu einen scharfen Tanga heraus, zog ihn mit beiden Händen auseinander und kontrollierte diesen mit geübtem Blick. Mir war es nicht vergönnt ihrer skurrilen Geschichte aus zweiter Hand weiter zu lauschen, denn die Wolke an der ich geschnuppert hatte wirkte - wie ein Biss längst vergangener Tage und sein Gift in meinen Adern holte eine verdrängte Erinnerung zurück, damals im Lötschental…

Der Tinnitus blies mir den Marsch. Mein Schädel dröhnte, als fände der schrillste Ton einer Monika den Ausgang nicht. Billy Idol schrie aus den schwarzen Boxen – Eyes Without A Face - die von den schmutzigen Ecken des Restaurants herunter hämmerten. Wie Querschläger prallte der markige Pop der Achtziger an den vergilbten Wänden ab und donnerte wie Kugelblitze durch die dampfenden Männer hindurch. Die Vorhänge zitterten und trieften in der fettgeschwängerten Luft der Frittiermaschine. Und meine Augen brannten im Pulverdampf der Zigaretten und Stumpen, als wären wir mitten in ein Gefecht des Häuserkampfes geraten.
Angewurzelt stand ich auf den abgeräumten Holztischen des Abendessens, in diesem Spunten im magischen Tal, wo die uralten Bräuche der Einheimischen - die Tschäggätta und die Herrgottsgrenadiere - die Zeit überdauert haben. 

Der Kamerad neben mir – genau wie ich ein Hamburger – hatte das gleiche Los gezogen. Auch er im Kämpfer, mit dem Unterschied, dass er sich zu begeistern wusste und sich unvermittelt wie ein Reptil rhythmisch zu schlängeln begann, das zur Show passte… und ein Hamburger hat die heilige helvetische Pflicht, nach der Rekrutenschule feierlich und unorthodox als vollwertiger Soldat in der eigenen Kompanie aufgenommen zu werden. Dabei wird der Neuling vor versammelter Truppe geprüft und sein militärisches Können im Kollektiv abgenommen…

Ich schaute zu ihm hinüber und hätte im Boden versinken oder mich in Luft auflösen wollen, aber ich konnte nicht. Der neben mir war eine Granate und aus einem Guss gemacht, und das hier konnte einfach nicht wahr sein.
Mein Kampfgenosse zog die Oberlippe wie ein Maulesel zur Decke, die Unterlippe gehorchte der Erdanziehung, sein Mund wurde quadratisch, dann zur Raute. Er streckte den Hintern zu den Kameraden, wackelte ihn aufreizend, ging in die Hocke um die Beine zu spreizen und griff dazwischen. Er drehte sich um die eigene Achse, kam auf die Knie und boxte die Rechte mit geballter Faust gegen die Menge unter uns und seine Linke schoss an die Decke, als die Elektrogitarre einsetzte. Er öffnete die Fäuste, die er nun zu den Soldaten der Kompanie ausstreckte und seine Zeigefinger wurden zu Pfeilen. Bolzengerade richtete er sie auf eine der Kampfsäue. Die auffordernden Finger des Reptils winkten dieses Prachtexemplar militärischer Begierde herbei, verführerisch und unmissverständlich. Dem auserwählten Soldaten tropfte der Schweiß aus dem verschwitzen Kurzhaarschnitt durch die dunklen Brauen hinab in den Krug. Die hellblauen Kriegeraugen grinsten besoffen, bis aus ihnen die Tränen flossen und sich mit dem Bier vermischten das ihm aus der Nase kam und auf seiner Uniform weiter schäumte.

Der Hamburger neben mir packte urplötzlich die virtuelle Pole-Dance Stange, die sich vor ihm auftat. Herumwirbelnd drehte er sich wie knuspriges Schlangenbrot am funkelnden Rohr herunter, um der brechenden Infanterie in den schwarz polierten Schuhen noch struber einzuheizen. Wie eine Lanze streckte er ihnen die Zunge entgegen und rollte mit den Augen als wäre er auf LSD.
Er war ein wahrer Meister und eine Augenweide. Hemmungslos betanzte er die Kameraden und riss sie wie eine Stripperin im Nachtclub auf. Die vollen Schnitzel Bäuche unter den gebügelten Hemden prosteten dem Showmaster ununterbrochen zu.
Dann begann er die obersten Knöpfe seines Kämpfers zu öffnen, tanzte, wippte mit den Hüften und fasste sich in die Helmfrisur und verwandelte sich endgültig in Helvetia. Er strubelte ihre langen, brünetten Haare, die ihm als wilde Mähne auf die Schultern gefallen waren. Er warf den Kopf herum, der Schopf der Göttin flog und zerteilte die stickigen Schwaden wie mit Schrapnellgeschossen. Dann warf er ihren roten BH in die Truppe - die grölte und brüllte und Mann riss sich darum.
Langsam schälte er sich aus dem Kämpfer-Oberteil und zuckte nun flüssig zur Hymne von Ultravox, als hätte er nie etwas anderes getan. Dann schäkerte er mit der Vierfarbenjacke herum und warf sie in die hitzige Menge. Er kullerte erneut mit den Augen, ließ seine Zunge im geöffneten Mund hin und her schnellen und warf lüsterne Blicke in die Mannschaft. Dann riss er die Druckknöpfe seines Hosenbundes auf und würzte weiter, indem er Knopf für Knopf bis zum Schritt, brünstig aus ihren Knopflöchern pflückte. Dann griff er zu und erwischte ihn.
Die Soldaten und Offiziere johlten wie Berserker, die Serviertochter blieb mit vollem Tablett stehen, glotzte und strich sich die Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihr die freie Sicht versperrte. Und mit dieser Zusatzeinlage eroberte er den hintersten und letzten Blick, an diesem Berghang im Lötschental.
Dann ließ er die Tarnfarbenhose fallen und reckte sich - nackt – nur im Slip der Walliserin, und ich sublimierte endlich…

Wir hatten am selben Morgen den Befehl bekommen, am Abend beim Kompaniefest einen Strip zu zeigen. Wer der geistige Vater dieser beschissenen Idee war, vergaß ich. Auf jeden Fall war es ein Befehl und Befehl ist Befehl wie in jeder anderen Armee auch. So marschierten wir ins Dorf – Ferden, mit den 250 Einwohnern - wo die Truppe stationiert war und suchten uns ein Haus.
Wir klingelten an einer Türe oder zwei, dann öffnete eine knackige Alpenmaid. Ihr Alter passte zu unseren und auf die Frage, ob sie uns für den Kompanieabend zwei ihrer Unterhosen ausleihen würde, strahlte sie und ließ uns ohne weitere Erklärungen eintreten. Sie ging vor und wir folgten ihr ins Schlafzimmer, wo sie die Schubladen einer Kommode aufzog.
Slips, Pantys, Tangas und BHs in allen Farben und Varianten sprangen uns an und wir durften uns nach Lust und Laune bedienen. Die fesche Walliserin hatte dabei nicht die geringsten Hemmungen und liess uns freizügig in ihrer Schatztruhe wühlen.
Auf dem Rückweg bekam mein Mitstreiter gefährlich die Hormone zu spüren und er krallte sich als Ablenkungsmanöver in den Stahl des Sturmgewehrs. Nur mit eindringlichem Zureden ließ er sich vor dem akuten Fremdgehen abhalten. Seinen Vorrat an Nahkampfsocken kramte er widerwillig aus den Hosentaschen und warf sie ins braune Gras am Straßenrand. Und ich fragte mich den restlichen Tag, wie ich den Abend überleben sollte…

Er tanzte weiter, dann kam er zum Höhepunkt und gab ihnen allen den Rest.
Er schwänzelte, schlängelte und schälte sich genüsslich aus dem Spitzenslip der scharfen Braut… und warf das Natternhemdchen dem Auserwählten ins Gesicht.
Auch der Letzte der versammelten Eidgenossenschaft spie an dieser Stelle sein Bier aus.
Semper Fidelis - kein Mensch – kein Tier – ein Grenadier.

©Martin M. Hänni 2017

Kämpfer: Kampfanzug Kafaz 57
Spunten: schäbiges, verrauchtes Restaurant
Monika: Mundharmonika
Tschäggätta: furchterregende Gestalten zur Fasnachtszeit, mit geschnitzten Holzmasken, eingehüllt in Pelze
Herrgottsgrenadiere: die „roten Soldaten“ sind ein Erbe aus der alten Söldnerzeit



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