Montag, 20. November 2017

29. Der Ball, der aus dem Spielfeld rollt…



Dreitausend Franken gebe ich Ihnen für diesen Job, sagte der Firmenchef zu mir und ich antwortete: „Machen Sie Witze! Dreitausend Franken für einen hundert Prozent Job? Wie soll das gehen? Ich lebe - genau wie Sie auch - in der Schweiz!“

„Holen Sie sich den Rest bei der Fürsorge!
Wollen Sie diesen Job - ja oder nein? Entscheiden Sie sich - aber schnell - Ihre Konkurrenz steht draußen vor der Tür!

Quelle: Microsoft Word 10

 Mein ZIVI und ich waren erst seit drei Minuten in der Wohnung, als uns der Kunde mit diesem Erlebnis seiner Jobsuche konfrontierte. Er hatte uns gleich das „Du“ angeboten. Was hatte ich ihn nur gefragt?
Er war wie ich – ein Ü50 - und kopfschüttelnd sagte ich: „Was ist nur aus unserer Welt geworden? Wo ist die Menschlichkeit, wo ist das Mitgefühl hingekommen? Wir mutieren zu seelenlosen Arbeitskräften, denen der Mensch vom Menschen entrissen wird.
Und was hast Du deinem Gegenüber auf das Jobangebot geantwortet?“, fragte ich und ermunterte ihn weiter, seine eindrücklichen Erfahrungen vom Stapel zu lassen.

„Ich lehnte ab und ließ den Sklaventreiber hinter seiner Tür stehen, die ja seinen Worten nach, gleich von einer Horde Jobsuchender eingerannt werden würde. Er konnte einen anderen suchen, einen, der sich ausbeuten lassen wollte oder wohl eher musste. Versklaven werde ich mich von niemandem, nicht einmal dann, wenn ich wie jetzt in finanzieller Not bin. Weißt Du, erniedrigt zu werden, tut noch vielmehr weh, als das alles hier aufgeben zu müssen“, erklärte er mir und ließ seinen Blick durch seine schmucke Dachwohnung schweifen.

„Aber dafür habt Ihr vom Brocki Glück“, fügte er hinzu, an diesem Dienstagmorgen und lächelte. Ein Lächeln, das ich nicht einordnen konnte und ich mich ernsthaft fragte, wie er in seiner beschissenen Lage es schaffte, den Gleichmut aufrecht zu halten.

Mein ZIVI stand neben mir und sah sich in der sympathischen Wohnung um. Das war nichts Neues für ihn, war er schon zum zweiten Mal für einen Einsatz bei uns zu Gast. Die Hände hatte er in die Hüften gestemmt und er ahnte, was ihm an diesem Morgen im obersten Stock des Hauses blühen würde. Er wusste, er war derjenige von uns beiden, der den Hauptteil des Trägerjobs innehatte.

Unser Kunde ging umher und zeigte auf mehrere Schubladenschränke und auf verschiedene Büromöbel unter den getäferten Schrägen seiner niederen Bleibe.
„Das alles sind Designmöbel“, erklärte er und spielte dabei mit dem schweren Silbermedaillon, das ihm an einer Lederkordel um den Hals hing. „Die Möbel habe ich mitentwickelt, jahrelang gebaut und unzähligen Kunden geliefert und in ihren Büros montiert.
Aber dann begann das Geschäft meines Arbeitgebers schlechter und schlechter zu laufen und ich wurde als Erster entlassen. Und weil ich keine feste Anstellung und nur noch Gelegenheitsjobs finden konnte und mich der Berater vom RAV schikanierte, dachte ich mir: Mach dich selbstständig. Irgendetwas musst du machen und so schnell gebe ich nicht auf. Aber leider läuft meine kleine Firma noch immer nur tageweise und meine Wohnung kann ich mir jetzt einfach nicht mehr leisten.“

Ich schaute mich genauer um. Die Wohnung war übersichtlich und anspruchslos, immerhin genug groß für einen Menschen, der bescheidene Erwartungen an Räume stellte. Und kostspielig konnte sie nicht sein – in einem Altbau mitten auf dem Land - an einer Hauptstraße gelegen.
Die Möbel um die es sich handelte, sahen dagegen in jeder Hinsicht perfekt wie luxuriös aus. Selten begegnet mir Solches auf meinen Abholtouren.
Ich zog bei einem Schrank, dann bei einem Weiteren die Türen auf und mein erster Eindruck bestätigte sich. Vorzügliche Verarbeitung, stabile langlebige Beschläge und Verbindungen, die ewig halten. Die Tablare waren nicht aus Spanplatten, sondern aus dreischichtigen Tischlerplatten gefertigt. Nicht billig beschichtet, wie ich sie sonst überall antreffe, sondern mehrschichtig in Anthrazit lackiert. Auch die anderen Oberflächen waren makellos. Fachmännisch gespritzt, mit großer Abriebfestigkeit. Die Schubladen ließen sich sanft und geräuschlos, wie auf weicher Butter ausziehen und zurückschieben. Die Rückwände – und das habe ich nie zuvor gesehen - waren annähernd so massiv gebaut wie die Seitenwände. Dazu hatte man sie aufwändig in die Seitenwände eingenutet und nicht wie bei den Einwegschränken für 255 Stutz, mit einem vernagelten Holzfaserwändchen versehen, das baucht und in der Mitte mit einem Klebband zusammengehalten wird. Die Möbelstücke hier waren hochwertig und für das Brockenhaus war das ein echter Glückstreffer.

„Was haben diese Möbel gekostet?“, wollte ich vom Kunden wissen, damit ich einen Anhaltspunkt hatte, zu welchem Preis wir sie im Brockenhaus verkaufen konnten.

„Die zwei hier, haben je 2500 Franken gekostet, im Schlafzimmer stehen noch drei in verschiedenen Varianten. Das Sideboard mit der Rollladentüre“, sagte er und tätschelte es: „Hat auch etwa so viel gekostet. Bei diesem Tisch hier, belief sich alleine der Unterbau auf 2000, ohne die Tischplatte wohlverstanden. Und die zwei Rollmöbel - mindestens die Hälfte davon.“

Ich überschlug den einstigen Kaufpreis auf etwa 20'000 Franken und kam ins Staunen. „Und das alles willst du uns einfach so überlassen!“, fragte ich ungläubig nach. „Wieso stellst du deine wertvollen Möbel nicht ins Internet, damit du in deiner finanziellen Not wenigstens etwas dafür bekommst? Wir vom Brockenhaus dürfen keine Waren ankaufen. Das ist dir doch bewusst, oder?“

„Nein nein, ich will nichts dafür und ich mag meine Möbel nicht verkaufen. Aber ich bin zufrieden, wenn ich weiß, dass jemand anderer der auch wenig Geld hat, im Brocki etwas Gutes finden kann. Und Ihr macht wirklich eine tolle Sache - das passt schon. Ihr könnt alles mitnehmen - wenn Ihr wollt.“

„Und ob wir wollen“, sagte ich betreten. Nutznießer eines Pechvogels zu sein ist nicht das, was ich bei meinem Job schätze und der Mann war einer dieser Gutmenschen. Noch im größten Elend beruft er sich auf sein Herz.
So begann ich die Tablare beim ersten Schrank auszubauen und fragte ihn geradeaus: „Wie geht es jetzt mit dir weiter?“

„Ende Monat ziehe ich zu einem Bekannten. Der vermietet mir ein Zimmer zu einem günstigen Preis. Das ist der Grund, warum ich diese Möbel nicht mehr gebrauchen kann. Ich habe keinen Platz mehr für sie am neuen Ort und sie einzustellen, bis sich meine Verhältnisse gebessert haben, ist zu kostspielig, zu ungewiss. Wie will ich wissen, wie lange dieser Zustand noch andauern wird…“ in diesem Moment klingelte sein Handy und gleichzeitig klopfte es an der Wohnungstüre. Mein Kunde zückte sein brummendes Smartphone und zog die Türe auf. Da stand sein Doppelgänger, ein Freund vielleicht oder sein Bruder, ich fragte nicht danach und schon trat der Besucher ohne Kommentar und ganz selbstverständlich ein, als wäre er hier zu Hause. Da sah ich dasselbe Medaillon um seinen Hals hängen, aber statt der Lederkordel war es bei ihm eine schwere Kette.

„Hallo – wer? Ahja. Grüezi. Genau. Ich habe mich bei Ihnen auf die Stelle als Fahrer beworben. Wie alt? 50. Als Schreiner – ja, sehr lange, zwanzig Jahre am selben Ort. Zuerst Kurzarbeit, dann wurde mir gekündigt. Gelegenheitsjobs, als Dienstleister. Um die 3500 Franken netto habe ich mir gedacht. Das reicht. Nicht viel? Nein - aber wissen Sie, dass genügt mir, ich bin bescheiden. Hauptsache der Job passt. Danke. Ich komme sehr gerne bei Ihnen vorbei. Gut, herzlichen Dank für Ihren Anruf. Sicher? Dann höre ich bald von Ihnen. Auf Wiederhören und nochmals vielen Dank.“

Er steckte das Handy erleichtert zurück und grinste sein Double an. Der schüttelte den Kopf, dann drückten sie sich herzlich, ließen einander wieder los und der Besucher sagte zu meinem Warenspender wie mit einem Kinnhacken geradeheraus und ohne mich dabei zu beachten:

„Vergiss es Bruder - die werden niemals zurückrufen und wenn doch, für eine Absage. Das war einer dieser heuchlerischen Anrufe eines Personalbüros, ich kenne das dutzendweise. Mit über 45 Jahren bist du geliefert, außer du bist Herzchirurg oder arbeitest auf der Pflege. Dann stehen dir sämtliche Türen offen. Das war Verarschung der Extraklasse und die Milchbubis mit dem Kulturstrick um den bleichen Träger, haben selbst noch nicht richtig gearbeitet. Und sich in Fünfzigjährige einfühlen, können sie schon gar nicht. Wie sollten sie auch. Aber den alten Säcken - wie wir es geworden sind - spielen sie munter Chancen vor - auch da, wo keine mehr sind. Die Fatalsten aber sind die jungen Frauen in diesen Vermittlungsbüros. Sie servieren dich kalt ab, wie ein Stück Fleisch, dass es dir den Atem verschlägt, als hätten sie dich hinterrücks ins eisige Nass gestoßen. Sie melden sich nie zurück und sie reagieren aggressiv oder mit absoluter Arroganz, wenn du nachhakst und hartnäckig am Ball bleibst – den Ball, den du vor dir wegrollen siehst…

Dieser Ball. Bleib am Ball. Du weißt, du musst ihn einholen und ihn vors Tor bringen und ihn dort versenken. Nur das zählt. Nur ein Tor zählt in diesem irren Spiel.
Du rennst ihm wie ein verrückt Gewordener hinterher, wie in deinen schrecklichsten Träumen aus denen du gottlob immer wieder aufgewacht bist. Aber mit diesem Ball ist es anders. Vollkommen anders. Immer dann, wenn du glaubst, ihn gleich zu erwischen, wird er wie von Geisterhand weiter getrieben. Und du machst noch mehr Tempo - den holst du doch ein, damit du ihn endlich weiter aufs Tor spielen kannst!
Du rennst jetzt, du gehst in den Sprint über. Vor dir dieser verfluchte mechanische Ball, der schneller und schneller wird und du merkst urplötzlich, du bist längst über die Markierung des Fußballfeldes gelaufen. Aber der Ball rollt weiter und weiter von dir weg, längst zieht er eine Furche durchs tiefnassen Gras und er bewegt sich unvermindert auf den Fluss zu, den Abhang hinunter. Du drehst dich verwundert um und siehst keinen anderen Spieler mehr außer dir und du hast auch keine Zuschauer mehr, die dir noch nachschauen.
Für die fassbare Welt bist du unsichtbar geworden, ohne Erscheinung - wie ein spukender Geist, im Land, wo die Toten tanzen. Und das Tor, das immer dagestanden hat, kannst du nicht mehr erkennen. Es ist fort. Verschwunden.
Das Tor zum Erfolg existiert nur noch in deinem leergelaufenen Schädel. Es ist zum imaginären Ziel für dich geworden, die Perspektive einer vergangenen Zeit, wo du Tor für Tor geschossen hast. Nur der Ball ist noch echt - zumindest glaubst du das - auch wenn er sich nicht mehr wie das Leder von damals verhält.
Und du rennst weiter dieser jämmerlichen Kugel hinterher und du weißt nicht einmal mehr, wozu du das überhaupt noch tust. Du tust es einfach, WEIL MAN ES TUT. Denn du bist gefangen in diesem Alptraum und du kannst nicht aus ihm aussteigen, weil du nicht aus ihm aufwachen kannst. Doch du durchschaust über Nacht, was da läuft, und du bist wach wie nie zuvor und du brüllst wie ein Stier – damit dich dieser Alp den du nicht fassen kannst, endlich gehen lässt. Aber alles Schreien, alles Toben nützt dir nichts, du wachst noch immer nicht auf und hast das Gefühl, unter der Käseglocke eines künstlichen Universums gefangen zu sein. Und der verdammte Ball rollt weiter und du steigerst dein Tempo erneut wie niemals zuvor, du gibst alles, denn du bist eine Kämpfernatur. Das wäre doch gelacht, du hast noch jeden Ball, früher oder später erwischt, schon damals als Junge - als er in die reißende Landquart fiel – du im Eifer des Spiels, gedankenlos diesem Ball hinterher jagtest, weit hinter dir die Schreie der Erwachsenen hörtest. Hochwasser! Rufe die dich nichts angingen, da sahst du den Ball auf den schäumenden Wellen treiben. Preschtest der steilen Böschung entlang, hechtetest durchs Dickicht das Gesicht und Arme zerkratzte, hinunter über die glitschigen Felsen am Ufer. Da kam er auf dich zugeschossen. Hast dich an einer Kante am Felsblock festgehalten, weit hinausgelehnt, ihn mit den Fingerspitzen dem brodelnden Braun entrissen. Niemals hättest du ihn kampflos den Fluten überlassen. Du hast nur diesen Ball und sein verlockendes Spiel zwischen den Toren gesehen, nicht aber den Schatten, der am anderen Ufer gewartet hat…
Die Lagerleiter schimpften dich aus und sie sagten, dass du dein Leben aufs Spiel gesetzt hättest für diesen albernen Ball, der so unwichtig war. Und du wachtest mit dem nassen Fußball unter dem Arm auf, bei diesen Schimpftiraden der Erwachsenen. Du wolltest doch nur diesen Ball wiederhaben, denn ohne ihn wäre der Nachmittag und sein Spiel, bereits zu Ende gewesen.
Und auch jetzt ist es noch derselbe Ball wie jener Tage, doch kommt er nicht mehr auf dich zu. Gewiss, heute wirst du dein Leben nicht mehr aufs Spiel setzen, wegen diesem Scheißball – in diesem Match, das keines mehr ist, weil du nur noch ins Leere läufst, wie der Stier ins rote Tuch fegt und Stich um Stich erdulden muss. Und du fragst dich, wieso du der Kugel weiterhin hinterher sprintest und sie dir immer mehr und mehr entgleitet und du fliegst ihr nach bis du merkst: Ich bin zum Reflex des Zwangs geworden – einer von vielen - in diesen Normen und Pflichten einer entarteten Arbeitswelt. Und der Ball rollt weiter von dir fort und du weiß nicht mehr, wie du ihn noch einholen könntest und dieser bösartige Traum aus dem es kein Erwachen gibt, will nicht aufhören…
Nur diesen einen Punkt jenseits von dir, wie ihn Archimedes forderte, diesen Ort, den es für den Menschen nicht gibt…
Diesen Punkt, den du dir als Mensch einbildest, von dem du dich außerhalb von dir selbst betrachten könntest, um die Gesetzmäßigkeit dieses abgedrehten Fußballspieles der Fünfzigjährigen zu erkennen, ein Spiel, das du so nie gelernt hast, ein Zeitvertreib der seine eigenen Regeln besitzt und kein Ziel mehr kennt, ein Prinzip, das du nicht verstehen kannst… aber dort weitab von dir, gibt es eine Antwort, eine Auflösung…“

Mit diesem letzten Wort „Auflösung“ brach er ab und schäumte, sein Kopf war hochrot angelaufen, Tränen liefen ihm über die Backen. Dann blieb er still, klopfte seinem Bruder auf die Schulter und ging. Betroffen schauten wir ihm nach, wie er im Treppenhaus verschwand. Einen Moment später hörte man ein schweres Motorrad aufheulen und davon brausen.


Mein Kunde unterbrach unsere Bestürzung und sagte mehr zu sich als zu uns:
„Endlich höre ich von diesem Personalbüro. Mindestens vierzig Mal habe ich ihnen geschrieben, ohne dass sie sich bei mir auf meine Bewerbung gemeldet hätten. Jetzt bin ich wieder zuversichtlich“, und ein Lächeln zauberte sich auf sein Gesicht.

Mein ZIVI und ich hatten noch bis kurz vor Mittag in der Wohnung zu tun. Wir zerlegten die schweren Möbel, trugen sie durchs enge Treppenhaus hinunter nach draussen, wo unser Lieferwagen geparkt war. Ich wusste kaum mehr, wie ich diese wertvolle Fuhre unbeschädigt nach Hause ins Brocki transportieren sollte. Die paar Wolldecken, die ich immer im Auto mitführe, waren diesmal zu wenig, um das wertvolle Gut sicher einwickeln und vor Kratzern schützen zu können.

Mein Zivildienstleistender sagte bei der Rückfahrt ins Brocki nebenbei, dass der Schrittmesser seiner Uhr um 11:00 Uhr einen Weg von 4,6 Kilometern angezeigt hatte. Daran ist nichts Besonderes, außer, dass an diesem Morgen Dreiviertel dieser Strecke Treppensteigen bedeutet hatten.

©Martin M.Hänni 2017

RAV: Regionale Arbeitsvermittlungszentren der Kantone für Arbeitslose

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