Mittwoch, 20. Dezember 2017

30. Die Kalifornier



Ich drückte auf den schwarzen Knopf bei der Wohnungstür im Parterre. Gedämpft drang das schrille Scheppern der Klingel durch die sanierten Mauern und Fenster. Nichts rührte sich. Ich klingelte erneut, diesmal zweimal und kräftig wie der Briefträger, der keine Zeit zum Warten hat.
Den englisch klingenden Name, der auf meinem Zettel stand, hatte ich nur mit Mühe auf einem der Briefkästen entziffern können. Er klebte alt und abgegriffen neben dem gravierten Namensschild eines typischen Schweizer Geschlechts. Also klingelte ich an der Tür dieser Briefkastenbesitzerin, weil ich nicht wusste, wo ich sonst läuten sollte.

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Die Liegenschaft lag verschachtelt und von der Hauptgasse zurückversetzt, in dieser Altstadt mit den charismatischen Riegelbauten.
Der Termin mit dem Kunden war abgemacht, die Zeit stimmte genau und in der Schweiz sind wir es uns gewohnt, dass Abmachungen gelten und eingehalten werden. Doch nichts rührte sich. Keine Türklinke wurde gedrückt, kein Knacken alter Holzdielen war zu hören, kein zischendes Geräusch eines Vorhanges, der zur Seite geschoben wurde. Ich sah von einem Fenster zum anderen. Es blieb still und ausgestorben.
Fünf Minuten gebe ich dir - drohte ich dem Kunden in meinem Geist. Mit dieser Technik habe ich ausnahmsweise auch schon eine viertel Stunde gewartet. Der Vorteil daran ist, man kommt zeitnah zu einer Entscheidung.
Zum Kunden wie zum Auftrag hatte ich nur spärliche Informationen. Er sollte schlechtes Deutsch sprechen und hatte wegen einer dringenden Wohnungsräumung bei uns angefragt. Die geschenkten fünf Minuten nutzte ich, um mir die Füsse auf dem gepflasterten Vorplatz zu vertreten. Ich blinzelte in die Morgensonne, die den Durchgang zwischen den mittelalterlichen Häusern mit Wärme füllte.
Als die Zeit um war, griff ich nach meinem Handy, da bemerkte ich einen älteren Herrn, der klapperig die Aussentreppe herunter tapste und sich dazu am Stahlgeländer festhielt.
Ich ging auf ihn zu, grüsste ihn und fragte auf Schweizerdeutsch, ob er der Gesuchte wäre. Er erwiderte nichts, drehte sich auf der untersten Stufe der Treppe um und ging wieder hinauf. Ich folgte ihm in eine Wohnung im ersten Stock und zog die Tür hinter mir ins Schloss.

Nun stellte ich mich vor und streckte ihm die Hand entgegen. Da sah ich in der spärlich beleuchteten Altstadtwohnung eine zierliche Dame um die Mitte siebzig, die sich eigenartig verhielt. Sie hockte auf der Lehne einer tannengrünen Polstergruppe. Ihr flüchtiger Blick zu mir war kurz, doch sie grüsste nicht und beachtete mich nicht weiter. Mir fiel beim zweiten Blick auf, dass mit ihr etwas nicht stimmen konnte, denn sie hielt verkrampft ihren linken Zeigefinger fest. Ich wandte mich nun dem Kunden zu, der zu mir sagte:

"Give me your business card with phone number please.“

Hoppla – mit einem misstrauischen Ami sollte ich heute zu tun haben. Und im Wissen, die letzte Visitenkarte kürzlich weggegeben zu haben, zückte ich mein Portemonnaie pro forma. Ich entschuldigte mich dafür, was ihm nicht genügte. Er tat einen Schritt zum Schreibtisch, um nach Papier zu suchen, und streckte mir dieses samt Bleistift hin.

„Write your name with your phone number.“

Man, war der angespitzt, sowas habe ich noch nie erlebt. Der hatte mich auf halb Neun bestellt und hier war ich. Wer sonst sollte von diesem Treffen wissen? Aber statt einer Diskussion in gebrochenem Englisch zu riskieren schrieb ich auf, wonach er verlangte. Dann endlich war er bereit, um aufs Geschäft zu kommen, da unterbrach ihn die Frau und sagte schmerzvoll:

„It hurts so bad!“

Er drehte sich ruckartig um 180 Grad, als hätte ihn eine Wespe gestochen. Er ging zu ihr hin und sagte in mehreren Sätzen was ich mit: „Ich kann da auch nichts machen“, übersetzte. Dabei beobachtete ich die Frau, die umständlich mit einer Pinzette an ihrem Finger herum klaubte. Mit diesen Worten wandte sich der Amerikaner erneut dem Geschäftlichen zu und nahm eine Liste mit dem Inventar hervor. Mit einem Mix von Englisch und holzschnittartigem Schweizerdeutsch, begann er die zwei Seiten durchzugehen und sagte:

„The rug stays here, äer gehöört … the landlady.“

„Landlady - the rug? What is a rug and what means Landlady?“, fragte ich interessiert.

Erstaunt über mein Unwissen guckte er mir verwundert ins Gesicht und zeigte auf den geknüpften Teppich, auf dem die beiden dunkeln Ledersofas thronten. Sie tauchten die Wohnung in noch beengenderes Licht an diesem leuchtenden Julitag, und die knurrige Frau trug ihren Teil bei.

„He belongs to Erika“, fügte er an.

„Aha – der Teppich!“, sagte ich verständnisvoll und fragte mich gleichzeitig, wieso er einem Teppich nicht einfach Carpet sagen konnte? Und wer war Erika?

Ja - das konnte exotisch werden mit diesem Kunden und seinem schlechten Deutsch und mit meinem ungeübten Secondhand Englisch, was ich übrigens nicht vom Brocki hatte. Zum Glück war die Wohnung winzig und überschaubar und mir blieb genügend Zeit an diesem Morgen. Ich zog meinen Notizblock aus der Beintasche und notierte mir den „Rug“, der hierbleiben musste. Eigentlich hatte ich von diesem Auftrag noch nicht viel begriffen und ich merkte auch warum: Die Frau störte das Setting der Akquisition und lenkte ihren Mann wie auch mich, von einer klaren Verständigung ab. Da maulte sie erneut Unverständliches vor sich hin.

Wie ich mir meine Notizen machte, streckte mir der Amerikaner seine zweiseitige Liste hin, die ich dankbar entgegennahm. Da stand geschrieben: Office, Living Room, Dining Room, Kitchen, Bathroom, Bedroom. Jeder Wohnungsteil war säuberlich notiert, mit den jeweiligen Waren und dahinter jeweils ein Kürzel wie D, T, BB und RO.
Bei Rug stand RO, und am Schluss der Liste entzifferte ich RO als „Return to Owner“.

„Ach so“, sagte ich. „Der Teppich gehört der Besitzerin der Wohnung, die heisst Erika und deswegen bleibt er hier.“

Der Ami nickte und lächelte mir zu. Jetzt endlich wurden wir warm und verstanden uns.

„It hurts so much!“, murrte die Frau laut.

Automatisch drehten wir unsere Köpfe vom Buisness weg zu ihr. Nein, so konnte ich nicht effizient arbeiten. Sie hatte Schmerzen - ihr Mann tat nichts - also fragte ich: „Can I help you with your finger?“

Die Frau reagierte nicht auf mein Angebot, dafür antwortete der Mann und sagte: „Please.“
Ich griff nach einem Stuhl des Dining Table die beide mit D für Donate, Spende gekennzeichnet waren und setzte mich vor sie hin, was sie ohne Ablehnung akzeptierte. Rechts hinter ihr stand eine „Lamp“ die auf der Liste mit RO bezeichnet war. Erika's Ständerlampe mit Lampenschirm hätte ich wohl eher mit „lamp shade“ bezeichnet, was nichts zur Sache tat und zog sie zu mir hin. Hier in dieser Höhle brauchte man anständiges Licht, um eine Verletzung begutachten zu können.
Aus der Fingerspitze tropfte etwas Blut, das sie mit einem Papiertaschentuch abtupfte. Sie erklärte mir in Amerikanisch, dass ein Teil des Splints noch immer in der Wunde steckte, ihr es aber nicht gelang, ihn heraus zu ziehen. Ich nahm ihr die Pinzette und das Taschentuch aus der Hand und drückte mit Daumen und Zeigefinger die Stelle fest zusammen, wo der Stachel steckte. Weiteres Blut tropfte und ich realisierte, wie unprofessionell es war, mit fremden Körperflüssigkeiten ungeschützt in Berührung zu kommen.
Ich tupfte das Blut ab und drückte kräftig weiter und war erstaunt, keinen Mucks mehr von ihr zu hören. Der Störenfried der Akquisition kam willig an die Oberfläche, wo ich ihn mit der Pinzette packte und aus ihrem Fleisch zog. Ich hielt den Splint ins Licht, damit sie beruhigt sein konnte.

Dann stand ich auf - der rot gepolsterte Holzstuhl hatte das Probesitzen bestanden - und so wandte ich mich erneut ihrem Mann zu. Die Amerikanerin blieb sitzen und betrachtete weiter ihren Finger. Endlich hatten wir die nötige Ruhe für die Besprechung des Auftrags.

Bald war mir klar, dass einige Möbel stehen bleiben sollten und die ganze Wohnung komplett geräumt werden musste, denn das Paar gab ihre Ferienwohnung auf, die sie seit Jahrzehnten gemietet hatten. Ich schaute mir alles genau an, um den Aufwand der Entsorgungen einzuschätzen. In der Küche öffnete ich einige Schubladen und Schranktüren. Sie waren alle voll mit Geschirr, Pfannen, Besteck, angebrauchten Lebensmitteln, Öl- und Essigflaschen. Das Übliche halt. Auch das musste in zehn Tagen komplett ausgeräumt, verpackt und entsorgt werden. Der Kunde zeigte und besprach mit mir alles, was anhand der Tabelle sehr einfach und verständlich wurde. Zwischen dem Abhaken der Gegenstände auf der Liste und der Besichtigung des Bedrooms sagte er plötzlich zu mir: „Thank you for helping my wife.“
Ich fand es seltsam, dass er sich für seine Frau bedankte und sie das nicht selbst tun konnte.

Wir besprachen das gesamte Inventar, da murmelte die Frau schon wieder vor sich hin, stand vom Sofa auf und tigerte unruhig in der Wohnung umher. Sie ging ins Bad, machte Licht, öffnete den Spiegelschrank und suchte etwas. Sie kam wieder hinaus, unterbrach uns erneut und wollte von ihm nun wissen, wo die Heftpflaster wären.
Der zuckte mit den Schultern und wimmelte sie erneut ab. Waren diese Leute unbeholfen, unpraktisch oder beides? Eine komplett eingerichtete Wohnung mitten in der Stadt und kein Verband zu finden? Oder waren sie gestresst mit der Auflösung ihrer Wohnung? Ich fand keine Antwort darauf.
Ich zückte mein Portemonnaie, nahm ein Pflaster heraus und streckte es ihr hin. Wortlos nahm sie es entgegen. Auch diesmal konnte ich kein „Thank you“ vernehmen.

Es waren einige gut verkäufliche Donate-Stücke in der Wohnung auszumachen. Da gab es auch ein paar schöne Gegenstände, die leider mit RE: „Zurück an die Besitzerin“ gekennzeichnet waren. Anderes wiederum mit BB - was „Bring Back“ bedeutete und zurück nach Kalifornien verschifft werden sollte. Und dann kamen auch noch einige T-Waren hinzu - was Trash - Müll bedeutete.

Im Bedroom waren das Bett und der Schrank zum Fortwerfen bestimmt. Meine Aufmerksamkeit blieb neben dem Bett bei mehreren Kisten mit verlockenden kalifornischen Weinen hängen. Flink suchte ich unter Bedroom auf der zweiten Seite der Tabelle und las unter Wine: DRINK!
Als er meinen fragenden Blick mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf den Weinkartons sah, formte er mit der Hand und Daumen das international verständliche Zeichen und führte es zu seinem Mund. Den dazugehörigen Schluckspecht hatte er gefunden. Wie er innerhalb von zehn Tagen täglich mehr als zwei Flaschen abarbeiten wollte, getraute ich mich nicht zu fragen. Dafür zuckte der weise Spruch einer Arbeitskollegin wie ein geölter Blitz durch meine Gedanken der heisst: Entweder Blaues Kreuz oder aber kreuzblau!
Zum Schluss entwickelte sich das Gespräch ins Private, an dem sich auch die verarztete Frau beteiligte. Endlich war sie so etwas wie entspannt und aufgetaut und wollte von mir wissen, ob ich schon in den USA gewesen war. Mit Kalifornien konnte ich leider nicht dienen - ausser mit Cabernet Sauvignon und Zinfandel - und Alaska Erfahrungen schien sie nicht sonderlich zu beeindrucken. Aber mit dem Stolz einer besonderen Leistung verkündete sie abschliessend, insgesamt drei Millionen Flugkilometer zwischen den USA und ihrer Schweizer Destination vollbracht zu haben.

Plump rutschte mir bei dieser amerikanischen Erfolgsgeschichte ein „My goodness“ heraus und zum Schluss fragte ich, ob sie in all den Jahren in der Schweiz Freunde gewinnen konnten.
Oh ja, und was für welche, sagte der Kalifornier. Strong friends sogar, sagte er lobend und mehr als in den USA, was er mit einer Geste der Kraft verdeutlichte. Ja - und sie würden zurückkommen, um ihre Freunde zu besuchen.

Der Kunde ging auf mein Komplettangebot von Abholung mit Räumung und Entsorgung ein. Ebenso auf den Preis. Diesmal machte ich ihm klar, dass er die Moneten bar hinblättern musste und zwar gleich, wenn der Deal reibungslos klappen sollte. Umständlich vertiefte er sich in seine Agenda, um einen passenden Termin für die Räumung zu finden. Und er glaubte doch tatsächlich, dass wir diesen unter seiner Aufsicht ausführen würden. Ich konnte ihn davon überzeugen, die Arbeiten nach ihrer Abreise zu erledigen, was ihn zu verblüffen schien.
Nachdem ich ihm eine handschriftliche Quittung geschrieben hatte und das Geld eingezogen war, brachte mich der Amerikaner zur Tür. Er gab mir die Hand und fragte, ob die Erste Hilfe für seine Frau etwas kosten würde? Ich wusste nicht, ob ich lachen oder wütend werden sollte. Oder hatte ich ihn nur falsch verstanden?

Zehn Tage später räumten wir die Wohnung an dem Tag, als das amerikanische Paar auf dem Heimflug war. Dabei lernte ich auch noch Erika kennen. Sie wollte von mir als Räumungs-Profi wissen was ich davon hielt, eine Wohnung vor dem Ausräumen zu putzen?
Dass es sich dabei um eine rhetorische Frage handeln musste, die ihren Ursprung wohl in zu viel kalifornischem Edelgesöff hatte, liess ich bei meiner Antwort unerwähnt.

Nur fünf Minuten nachdem mein ZIVI und ich mit dem Sortieren der Kleinwaren begonnen hatten, fand ich eine Schachtel, die mit „Band Aid“ beschriftet war - Original amerikanische Pflaster.
Und dort wo ich sie fand, hätte ich sie niemals gesucht.


©Martin M.Hänni 2017




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