Sonntag, 25. Februar 2018

32. Die Begegnung



An diesem langweiligen Montagnachmittag im Brocki Laden an dem kaum etwas lief, fiel mir auf, wie unter den wenigen Kunden - ein Vater und sein Sohn – so vermutete ich zumindest, sich für diverse Möbel interessierten.
Sie prüften die Waren genau und saßen zur Probe auf Stühle, Sessel und Sofas. Als sie wie angeschraubt zusammenstanden und am Spiel ihrer Augen ein schwieriges Thema zu besprechen schienen, ging ich für etwas Abwechslung zu den beiden hin.

„Kommen sie zurecht oder benötigen Sie Hilfe?”, fragte ich.
Der Kunde mit den graumelierten Haaren nahm seine Hand aus dem Gesicht, die grüblerisch an der Nase gezogen hatte und die jetzt nachdenklich am Ohrläppchen zupfte. Er antwortete: „Wir haben uns ein paar Möbel ausgesucht und zerbrechen uns gerade die Köpfe, wie wir das alles mit meinem Combi transportieren sollen.“
„Wofür haben Sie sich denn entschieden?“, fragte ich.
„Das Dreiersofa dort drüben gefällt uns. Ein Tisch mit vier Stühlen; die würden ins Auto passen. Und eine Kommode haben wir ausgewählt. Das Problem ist das Sofa“, bemerkte er.
„Unser Lieferwagen schluckt alles. Wohin müssen die Möbel?“, wollte ich von ihm wissen und erfuhr, dass er nur ein paar Straßen von hier entfernt wohnte. Mein Angebot, die Lieferung ihrer Schnäppchen sofort auszuführen, wenn sie Lust und Zeit dazu hätten, konnten mir die beiden Herren nicht ausschlagen. Der Ältere von ihnen, klatschte vor Freude in die Hände, als er den Preis hörte. Ich übergab die Verantwortung meinen beiden Mitarbeiterinnen, die während meiner kurzen Abwesenheit den Laden hüten wollten.

Die zwei Herren halfen mir beim Einladen ihrer Möbel in den Lieferwagen. Unterdessen verzog sich die Sonne hinter einer düsteren Wolkenwand, die es eilig hatte und näher und näher kam. Der Wind frischte auf und blies die Sommerschwüle vor sich hin. Einzelne, unschlüssige Regentropfen fielen nun herab, als wir mit dem Beladen fertig waren. Der drohende Himmel - ließ in Kürze große Mengen des kühlenden Himmelswassers erahnen.
Sie fuhren mit ihrem Auto vor, ich hinterher. Die Strecke war keine 500 Meter weit. Ein in die Jahre gekommener Wohnblock mit drei Stockwerken war das Ziel. Die rußigen Balkone wirkten wie angeklebte Schwalbennester an einer Felswand, verdunkelt durch die schlaff durchhängenden Sonnenstoren. Sie hingen zur Hauptstraße hinaus, über dem kurzgeschnittenen Braungrün des Rasens, der nach Wasser lechzte.
Vor den Garagen auf der Rückseite der Liegenschaft parkierte ich den Wagen. Die Hebebühne brummte und senkte sich gemächlich und quietschend auf den Asphalt. Ich kletterte auf die Ladefläche und löste die Spanngurte der Kommode. Mein Kunde zog eines der Tore der Garagen auf, in der die Möbel zwischengelagert werden sollten. Der Himmel über dem Haus war inzwischen tiefschwarz geworden, satte Tropfen begannen wie kleine Bälle herab zu schießen. Aber diesmal waren sie wild entschlossen. Wir beeilten uns, die Stühle auszuladen und in der Garage zu verstauen. Ein Blitz flackerte auf, krachte und peitschte in der Nähe mit bedrohlichem Reißen durch die knisternde Luft, als würde ein gigantischer Bogen Papier zerfetzt. Das Gewitter entlud sich direkt über uns und prasselte so heftig aufs Dach des Lieferwagens, dass man darin sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Ich sprang hinunter durch den stiebenden Regenvorhang und gesellte mich zu den beiden, die in der Garage das Ende des Wolkenbruchs abwarteten.
Der Kunde sah mir ins Gesicht und fragte: „Kennen wir uns von irgendwoher?“
„Ja, das kann schon sein und der Einfachheit halber würde ich mal aufs Brocki tippen“, antwortete ich ahnungslos.
„Nein, auf gar keinen Fall. Heute war mein erster Besuch in Ihrem Brocki, ich bin neu hier. Ich kenne Sie von früher“, erklärte er und lächelte jetzt, als hätte er mich erkannt. Er dagegen blieb mir völlig fremd und unvertraut und sein Gesicht konnte ich in meinen Erinnerungen nirgends finden.
„Ich bin's“, sagte er, um das Rätsel aufzulösen. „Urs - Urs Frei*!“ Und erst jetzt als ich den Namen hörte, erkannte ich Urs in diesem Gesicht unter dem grauen Dreitage-Bart wieder.
„Tatsächlich. Urs! Das glaube ich jetzt nicht. Ohne deinen Hinweis hätte ich dich garantiert nicht wieder erkannt. Und das ist dein Sohn?“
Der Sohn nickte.

Damals hatte ich noch eine Geburtsanzeige von Urs und seiner Frau erhalten. Aber das war vermutlich für ihren älteren Sohn gewesen, nicht für den Jüngling hier. Es war Urs letztes Lebenszeichen gewesen.
    „Urs Frei!“, wiederholte ich, so erstaunt wie berührt. Wieso erkannte ich ihn nicht? Und jetzt wie ich ihn ansah, sah ich den Freund von damals; Urs, den ich per Zufall kennenlernte, weil ich mich für den Geschäftsraum seiner Frau interessiert hatte. Es stimmte auf Anhieb zwischen uns und das geschieht einem doch ausgesprochen selten im Leben. Ganz offensichtlich bestand da eine Verbindung zwischen uns, eine gegenseitige Vertrautheit und eine Offenheit, die sich ohne große Worte anbahnte und die nach Austausch verlangte, nach Freundschaft unter Männern, nach einer Innerlichkeit, die uns an unzähligen Abenden unsere Gemeinsamkeiten entdecken ließ. Es war eine Art von geheimnisvollem Verstehen, dem wir uns beiderseits hingaben.

Das Gewitter vergönnte es uns, noch einmal für zehn Minuten zusammenkommen, wenn auch ganz anders als damals. Nicht nur der Regen, geradeso die Erinnerung unserer gemeinsamen Zeit, fiel wie die Sintflut vom Himmel und spülte die letzten zwanzig Jahre des Vergessens davon.
Urs erzählte mir in ein paar Sätzen, was das Leben mit ihm und seiner Familie in all den Jahren gemacht hatte. Und da war nicht nur Gutes und Erfreuliches, das ihm geschehen war. Mein Leben zwischen damals und heute war genauso in fünf Sätzen skizziert. Das reichte und es schien mir auch unwichtig und würde ihn kaum mehr interessieren. Viel verbindender war doch unsere gemeinsame Zeit von damals. Die Zeit als Freunde.
„Weißt du noch, wie wir jede Woche ein bis zweimal squashen waren und danach in unser Stammlokal essen gingen. Oft gesellte sich deine Frau dazu. Und oft hockten wir bis nach Mitternacht im Auto vor deinem Haus und sprachen über Gott und die Welt“, sagte ich.
     Dann wurde er Vater und brach den Kontakt zu mir abrupt ab. Nicht schleichend, wie ich das von anderen Bekanntschaften kannte, die eben nur Bekanntschaften oder oberflächliche Kumpel waren. Und weil ich den Grund nicht kannte - und meine Fantasie in meinem Kopf nach einem Anlass suchte, die diesen Bruch ausgelöst hatte, ertrug ich das offene Ende unserer Freundschaft schlecht.

Vor einigen Jahren suchte ich nach Urs und fand ihn dank Auskünften der Post und seiner ehemaligen Wohngemeinde. Ich schrieb ihm einen Brief mit dem Wunsch nach einem Wiedersehen. Er antwortete nicht, dennoch wusste ich, dass mein Schreiben bei ihm angekommen sein musste. Endgültig zog ich den Schlussstrich unter die Freundschaft mit Urs. Und auch jetzt vor mir stehend behauptete er, nie einen Brief von mir bekommen zu haben. Mein Gefühl riet mir, ihm nicht zu glauben und ich bemerkte, wie es mir egal war, was er dazu sagte.

Der Regen ließ nach und zog nach Osten weiter, vielleicht um anderswo alte Freundschaften zu netzen. Wir luden das Sofa mit dem Tisch und der Kommode aus. Ich vergaß, wer beim Adieu sagen die Idee hatte, einmal ein Bier zusammen trinken zu gehen. So kritzelte ich meine Handynummer auf die Visitenkarte des Brockis und steckte sie ihm zu.
Seither sind mehr als eineinhalb Jahre vergangen. Von Urs habe ich nie wieder gehört. Und ich tat es ihm gleich, obwohl ich täglich an seiner neuen Adresse vorbei fuhr. Eine Zeitlang noch, ertappte ich mich dabei, wie ich gelegentlich einen Blick auf die rußigen Balkone warf. Es war sinnlos geworden und das, was uns damals verbunden hatte, existierte nicht mehr, hatte keine Bedeutung mehr. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen, die Freundschaft war wertlos geworden.
Diese sonderbare Begegnung ging mir noch eine Weile durch den Kopf. Die Tatsache, ihn an diesem Montagnachmittag nicht selbst erkannt zu haben, fand ich sehr seltsam. Es machte mich nachdenklich.
Urs war für mich wie ein flüchtiger Geist auf Zeit gewesen. Er trat intensiv in mein Leben - für ein kurzes Jahr, das ich nicht missen möchte.
Leute kommen und Leute gehen. Manchmal gehen sie lautlos.

*Name geändert

©Martin M.Hänni 2018


-   ENDE


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